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    Russland-Türkei-Beziehungen: Mehr als nur Blue Stream

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    Dem russischen Außenminister Sergej Lawrow wird bei seinem Ankara-Besuch am 2. Juli ein großer Empfang bereitet.

    MOSKAU, 01. Juli (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). Dem russischen Außenminister Sergej Lawrow wird bei seinem Ankara-Besuch am 2. Juli ein großer Empfang bereitet.

    Neben seinem Amtskollegen Ali Babacan trifft der russische Chefdiplomat auch noch mit Präsident Abdullah Gül und Premier Recep Tayyip Erdogan zusammen.

    Gewöhnlich signalisiert das, dass die Gastgeber den Besuch eines Ministers als äußerst wichtig einschätzen oder dass ein baldiger Besuch des Staatschefs vorbereitet wird. Es kann auch beides bedeuten. Das wäre gut.

    Ein Besuch des neuen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew in der Türkei, ein wichtiger Nachbarstaat am Schwarzen Meer und Handels- und Wirtschaftspartner im Süden, käme für Russland ziemlich gelegen.

    Russland und die Türkei haben viel zu besprechen. Auf der Tagesordnung stehen die Regelung im Nahen Osten und im Irak, der Atomstreit mit Iran, die Lage in Transkaukasien und Zentralasien, die Regelung auf Zypern und im Kosovo. Natürlich kommt auch die Wirtschafts- und Handelspartnerschaft nicht zu kurz, die derzeit starke Wachstumszahlen aufweist.

    Im vergangenen Jahr erreichte der Handelsumsatz 22,5 Milliarden US-Dollar. Allein in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres stieg er um mehr als 60 Prozent auf 10,6 Milliarden Dollar an. Somit wird er in diesem Jahr die Rekordhöhe von 2007 übertreffen.

    Ein Viertel aller Auslandsaufträge der türkischen Baufirmen wird in Russland realisiert. Im vergangenen Jahr haben türkische Bauunternehmen Verträge für eine Gesamtsumme von drei Milliarden Dollar unterzeichnet.

    Schade nur, dass der Besuch vom jüngsten „Touristenskandal“ überschattet wird. Vor kurzem haben sich mehrere türkische Firmen bankrott erklärt und geweigert, russische Reisende in bereits bezahlten Hotels unterzubringen.

    Doch da die türkischen Küsten von russischen Touristen erobert werden, kann es wohl kaum ohne schwere Fehlschläge vor sich gehen. Natürlich wird das nicht zum Hauptthema werden, doch Lawrow wird in diesem Zusammenhang bestimmt die heikle Frage ansprechen, wie die türkischen Partner die Abkommen mit den Russen einhalten. Darum ist es gar nicht bestens bestellt.

    In Russland gibt es in diesem Jahr sogar eine „schwarze Liste“ von türkischen Unternehmen, die die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den russischen Partnern nicht erfüllen und sich vor den Beschlüssen internationaler Schiedsgerichte drücken. Es ist nicht bekannt, wie viele türkische Firmen auf der Liste stehen, doch es sollen Dutzende sein.

    Im Prinzip ist es recht schwer, diese Rechtsverletzer zu erfassen, denn in der Türkei können mehrere Unternehmen auf eine Privatperson registriert werden. Deswegen raten russische Experten, bei der Zuverlässigkeitsprüfung einer Firma nicht deren Namen, sondern den Inhaber oder den Geschäftsleiter zu beachten. So seien unredliche Partner leichter aufzuspüren.

    Viele russische Geschäftsleute aus dem Mittelstand schreckt von der Türkei auch die Tatsache ab, dass eine Gerichtsverhandlung gegen ein unlauteres türkisches Unternehmen für einen Ausländer so gut wie aussichtslos ist. Die nationalen Gerichte geben einheimischen Firmen den Vorzug. Selbst gewonnenen Klagen wird nicht stattgegeben, da die Türken den Konkursmechanismus geschickt nutzen, um bereits ausgetragenen Entscheidungen auszuweichen.

    Doch die Türkei und Russland haben Wichtigeres zu tun, obwohl die genannten Probleme die Entwicklung der Partnerschaft stark behindern. Die Hauptsache besteht darin, dass die seit langem bestehende Struktur der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen für Moskau und Ankara zu minimal ist.

    In den letzten zehn Jahren wurde sie fast nur um das berühmte Gasprojekt Blue Stream herum aufgebaut. Natürlich ist es einmalig, es wurde fachgerecht verwirklicht und effizient verwaltet. Die Blue-Stream-Pipeline bildete praktisch den Kern, um den immer neue Schichten der russisch-türkischen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen aufgebaut wurden.

    Selbst die außenpolitische Partnerschaft wurde in gewisser Weise sowohl auf regionaler als auch auf globaler Ebene davon angekurbelt und bestimmt. Nichts anderes als die Blue-Stream-Pipeline hat den Diplomaten der beiden Länder erlaubt, den Terminus der „fortgeschrittenen vielseitigen Partnerschaft“ in Umlauf zu bringen.

    Doch der „blaue Strom“ fließt schon so lange, dass er für die neuen Projekte der Zusammenarbeit zu klein ist. An diesen Kern können sie einfach nicht mehr angeschlossen werden. Deswegen wird der Umfang der Zusammenarbeit im jetzigen Ist-Zustand immer langsamer wachsen, obwohl äußerlich alle Zahlen und Tatsachen auf das Gegenteil hinweisen. Russland und die Türkei müssen die Liste ihrer Kooperationsprojekte erneuern.

    In erster Linie geht es um die Erweiterung der Zusammenarbeit auf vorrangigen Gebieten wie der Atomenergie. Der russische AKW-Bauer Atomstroyexport ist bereit, der Türkei den Bau eines Atomkraftwerks zu konzipieren, das sowohl preisgünstiger als auch zuverlässiger als die amerikanischen sein wird.

    Mit solchen Atomkraftwerken wird die Türkei ihre Positionen auf dem regionalen Energiemarkt schlagartig stärken, vor allem mit Hinblick auf die Probleme im Atomstreit mit Iran. Moskau deutet Ankara seit langem an, dass es im Wirtschaftsbereich, vor allem bezüglich der Energiebranche, auf die Argumente zugunsten der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit hören sollte.

    Natürlich wird es nicht gelingen, die Beziehungen vollständig aus dem politischen Bereich rauszuziehen. Das ist absurd. Doch es wäre gut, das Politische und das Wirtschaftliche penibel abzuwägen. Russland ist seit langem dazu bereit.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.

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