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    Hitler kaputt

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    BERLIN, 07. Juli (Boris Kaimakow, RIA Novosti). Am vorigen Wochenende war in ganz Deutschland das Attentat auf Hitler das Thema Nummer 1.

    Nein, diesmal nicht das Attentat von 1944 in einer Baracke neben der Wolfsschanze. Damals erhielt durch die Explosion der Bombe, die von Stauffenberg gelegt hatte, Hitlers Jacke Brandflecke und er selbst war für einige Minuten betäubt. Aber damals behielt er zumindest seinen Kopf.

    Am vorigen Sonnabend hat die historische Gerechtigkeit endlich triumphiert. Der ehemalige Berliner Polizist Frank L., 41, stürzte sich über den am Schreibtisch sitzenden Führer mit den Worten "Nie wieder Krieg!" und riss ihm ganz einfach den Kopf ab. Hitlers Wachen hatten den Überfall verschlafen, hielten jedoch Frank L. fest.

    Er lief auch gar nicht davon. Er hockte sich in einer Ecke auf den Boden, wartete auf die Ankunft seiner ehemaligen Kollegen und ließ sich friedlich aufs Revier in seinem Wohnbezirk bringen. Dort wurde er anhand der Kartei identifiziert, wobei sich herausstellte, dass er als böswilliger "Schwarzfahrer" polizeibekannt ist.

    Als Pfleger betagter Kranker verdiente er anderthalb Euro pro Stunde und hielt es nicht für nötig, die öffentlichen Verkehrsmittel mit zu unterhalten. Die deutsche öffentliche Meinung ist in beiden Fällen voll und ganz auf Franks Seite. Die Zahl solcher "Schwarzfahrer" ist so hoch, dass die Kontrolleure ihre liebe Mühe haben, ihnen in der U- und der S-Bahn hinterherzulaufen.

    Wie groß war und ist in dieser Welt doch die Zahl der Menschen, die Hitler kaputtmachen wollen! Ausgenommen die offiziellen Persönlichkeiten.

    Als das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud in Berlin in der illustren Boulevardstraße Unter den Linden, direkt gegenüber der russischen Botschaft, eröffnet wurde, beachtete das kein einziger der russischen Diplomaten. Und dabei hat sich alles zu einem Knäuel verwirrt.

    Nur etwa hundert Meter voneinander entfernt, geschahen gleichzeitig zwei Ereignisse, und beide wurden in Berlin sehr wohl bemerkt. Am vergangenen Freitag wurde in der Nähe des Brandenburger Tores die neue amerikanische Botschaft eröffnet. Zu den Feierlichkeiten kam Bush sen. Gemeinsam mit Angela Merkel sprach er von einer heiligen Sache: vom Sieg über Hitler und den Faschismus.

    Und faktisch ihm gegenüber saß der frisch aus Wachs geknetete Führer und blickte ihn von seinem Arbeitszimmer im Museum aus an. Er schaute traurig drein, diesen Blick haben Diktatoren immer, wenn sie in der Stellung "In Gedanken an mein Volk" gemeißelt werden. Bis zum Selbstmord blieben nur noch wenige Tage.

    Hitler, der sehr wohl wusste, dass in Italien sein Freund Mussolini und dessen Freundin auf dem Marktplatz an den Beinen aufgehängt worden waren, wobei die Gesichter der Leichen durch Schläge zu einer blutigen Masse zerstampft wurden, war sich seiner Zukunft voll bewusst.

    Deshalb durfte er an diesen letzten Tagen kaum an das Volk gedacht haben, von dem er einmal sagte, es sei des weiteren Lebens auf dieser Erde nicht würdig. Er dachte an sich, er überlegte, was für ihn wirkungsvoller wäre, eine Kugel oder Gift.

    Der "Schwarzfahrer" Frank L. hat die Ehre jener Deutschen gerettet, die meinen, dass der Teufel nicht in die Welt kommen darf, unter welcher Maske auch immer. Einen Tag vor dem Attentat hatte ich noch Zeit, den wächsernen Führer zu sehen. Dieses in Wachs erstarrte konzentrierte Böse der Welt zieht gewissermaßen an, das will ich offen zugeben. Ich musste da an Bertolt Brecht denken: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

    Hier ist er, der Kontrapunkt der wütenden Diskussion in Deutschland darüber, ob es möglich oder unmöglich sei, einen Wachs-Hitler öffentlich zu zeigen. Wer dafür war, behauptet: Wir sähen Hitler tagtäglich in Büchern, Filmen, Theaterstücken und im Fernsehen. Diese Figur gehöre nun einmal zur Geschichte, so furchtbar die Geschichte und so abscheulich die Figur auch sein mögen. Aber man dürfe sie nicht auf den Müllhaufen werfen, nicht aus dem historischen Gedächtnis tilgen.

    Deshalb solle man auch nicht Unschuld mimen: Der Faschismus habe existiert, Hitler sei sein geistiger Führer gewesen - der Führer der an Faschismus kranken deutschen Nation. Wir seien diesem bösen Zauber entgangen, wir danken den Amerikanern in ihrer neuen Botschaft und den Russen, deren Botschaft neben der amerikanischen steht. Wir seien anders, und deshalb dürften wir den wächsernen Hitler als eine ausgezeichnet ausgeführte Puppe betrachten. Schluss, Punkt.

    Und doch... Warum haben die Mitarbeiter des Wachsfigurenkabinetts Hitler von den Betrachtern durch einen Tisch und eine Abstandszone getrennt? Warum darf man sich mit allen Figuren fotografieren lassen, mit Hitler aber nicht? Warum tut es den Deutschen weh, selbst einen wächsernen Hitler zu sehen?

    Nun, darum, weil er und seine Bande die Nation vergewaltigt haben; und Deutschland, das auch selbst litt, hat sich vom Hitlerismus geistig noch nicht erholt, und auch Europa ist bei all der Aussöhnung nicht gewillt, selbst das Wachs im Museum der Madame Tussaud in Berlin ruhig zu betrachten. Das tut Europa weh, die Wunde hat eben erst zu bluten aufgehört.

    Trotzdem sind jene geblieben, die die rassistischen, antisemitischen Theorien des Faschismus teilen und Hitler für den großen Mann des Deutschland des 20. Jahrhunderts halten. Und die zu einem neuen Experiment bereit sind, um die Reinheit der "deutschen Rasse" zu erhalten und Europa vor den slawischen "Untermenschen", den feindlichen Juden, gefährlichen Türken usw. zu retten. Werden die "Fremdartigen" nicht deshalb immer wieder überfallen, die Synagogen und jüdischen Friedhöfe nicht deshalb rund um die Uhr bewacht?

    Frank aber hat ins Schwarze getroffen. Und sei es nur symbolisch, und sollte es als politische Exaltation ausgelegt werden, aber das Abreißen des Kopfes einer Wachsfigur hat mehr Bedeutung als die weitschweifigen Reden der heutigen Politiker. Und dann: Haben wir etwa anders von unserer Vergangenheit Abschied genommen, als wir Stalin oder Dzierzynski, zumindest ihren Denkmälern, die Stahlschlinge um den Hals warfen? Man soll den Teufel wirklich nicht an die Wand malen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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