07:36 22 August 2017
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    MOSKAU, 19. Juli (Grigori Melamedow für RIA Novosti). Die Olympischen Spiele in Peking haben noch nicht begonnen, gehören aber bereits zu den am meisten politisierten der letzten Zeit.

    Sicherlich, der Boykott der Olympiade durch die führenden Weltmächte war selbst nach den März-Ereignissen in Tibet wenig wahrscheinlich, gegen ihn sprachen sich IOC-Präsident Jacques Rogge und die wichtigsten Staaten aus, darunter Russland und die USA.

    China nimmt ja eine Ausnahmestellung ein, alle brauchen es als Wirtschaftspartner, und auch in militärisch-politischer Hinsicht will es sich niemand mit ihm verderben. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die chinesischen Behörden bei den Spielen die Ordnung mustergültig zu sichern wissen und dass Repressivmaßnahmen, falls sich solche als notwendig erweisen sollten, Unbefugten sorgfältig verborgen bleiben werden.

    Zudem würde der politisch motivierte Verzicht auf eine Olympia-Teilnahme unlogisch wirken: Gewiss, das chinesische Regime ist wohl kaum demokratisch zu nennen, und die Situation mit Tibet sieht gelinde gesagt nicht eindeutig aus. Als aber der Beschluss über die Durchführung der Olympiade in China gefasst wurde, war die Sachlage nicht anders als jetzt. Welche Gründe gäbe es, plötzlich die Einstellung zu China zu verändern? Und selbst wenn gewisse Länder das doch tun, wird Russland ganz bestimmt nicht zu ihnen gehören.

    Es wird aus einem anderen Grund nicht gelingen, eine Politisierung der Olympiade zu vermeiden: Die chinesischen Emigranten, darunter die Anhänger von Tibets Unabhängigkeit, sowie die mit ihnen sympathisierenden Bürger der westlichen Länder werden ihre Protestaktionen nicht einstellen, die Polizei wird reagieren müssen, einzelne Politiker werden versuchen, den Moment dazu ausnutzen, sich politisch zu profilieren. Selbstverständlich werden die Massenmedien all das beleuchten. Sehr wahrscheinlich ist, dass die größten Fernsehkanäle der Welt jedes Sportereignis aus Peking durch einen abermaligen Bericht über die Unruhen in europäischen und amerikanischen Städten ergänzen werden.

    Politische Spiele um Sportwettbewerbe und besonders um die Olympischen Spiele sind nichts Neues. In manchen Fällen initiieren das die Behörden des Landes, in dem der Wettbewerb stattfindet. Das erste und aussagekräftigste Beispiel war die Berliner Olympiade 1936 unter Hitler.

    In anderen Fällen wird die Politisierung entweder von außen oder von inneren Gegnern der Regierung, Separatisten und Terroristen hineingetragen. So geschehen 1992 in Barcelona und 1972 in München. Am häufigsten überlagern sich Impulse von innen und außen, das sahen wir bei der Olympiade 1980 in Moskau und der "Gegenolympiade" vier Jahre später in Los Angeles.

    Nach Beendigung des Kalten Kriegs nahm die Zahl der offenkundig politisierten Olympiaden merklich ab, und es kam nicht mehr vor, dass sich die Hälfte der Länder weigerte, ihre Sportler zu den Wettbewerben zu entsenden.

    Leider gibt es negative Faktoren, und ihre Wirkung verstärkt sich von Mal zu Mal. Erstens wird jedem unangenehmen Zwischenfall während der Spiele immer mehr Bedeutung beigemessen, weil sich die Olympischen Spiele zunehmend zu einer Show vom planetaren Format ausweiten. Ein kleiner Protest, den eine Handvoll politischer Extremisten während der Olympiade aufzieht, kommt in die weltweiten Nachrichten. Das ist natürlich ein starker Anreiz für alle Ruhestörer. Zu einer anderen Zeit hätte sie keiner weiter beachtet.

    Zweitens muss man Experten wohl Recht geben, die finden, dass der große Sport immer mehr zu einem Wettbewerb von Pharmazeuten, Chemikern, Medizinern und Riesenkonzernen wird, die sowohl Doping- als auch Antidoping-Mittel (wenn man dazwischen überhaupt unterscheiden kann) industriemäßig produzieren.

    Die Zahl der Dopingskandale um Olympionikinnen und Olympioniken nimmt zu, und die öffentliche Meinung neigt dazu, in jedem dieser Fälle Politik, Schmälerung der Interessen des eigenen Landes und Umtriebe des Rivalen zu sehen. Besonders wenn ein Land gewinnt, mit dem nicht nur auf den Sportplätzen rivalisiert wird.

    Ein Ergebnis der Kommerzialisierung der Olympischen Spiele ist das Sinken des Vertrauens zum IOC und den Föderationen der einzelnen Sportarten. So wäre es nach der Winterolympiade in Salt-Lake-City für die russischen Massenmedien beinahe zur Norm geworden, die internationalen Sportorganisationen als proamerikanisch abzustempeln. Selbst Bürger unseres Landes, die dem Sport fern stehen, sind oft überzeugt, dass eine in der Alten Welt stattfindende Olympiade insgesamt fair sei, für Amerika gelte dies jedoch keinesfalls.

    Schließlich äußert sich das Zusammenwachsen von Sport und Politik darin, dass das Recht auf Durchführung einer Olympiade nicht als weltweite Anerkennung der organisatorischen Fähigkeiten und der Entwicklung der Infrastruktur des Olympia-Gastgebers betrachtet wird, sondern auch als Bestätigung der Richtigkeit seines politischen Kurses.

    Wladimir Putins Popularität stieg zweifellos, als beschlossen wurde, die Winterolympiade 2014 im russischen Sotschi durchzuführen. Einerseits ist hier alles fair verlaufen: Der Blitzbesuch des russischen Präsidenten in der IOC-Sitzung und seine gelungene mehrsprachige Rede dort beeindruckten die Delegierten tatsächlich. Andererseits wird hierbei nur ein Naivling keine politische PR-Aktion unterstellen. Im Grunde hat das aber auch niemand verneint.

    Es ist so, dass jede oder fast jede Olympiade einen neuen "Beitrag" zur Politisierung der Spiele leistet. Wird die Pekinger Olympiade dem etwas Neues hinzufügen? Traurig genug, aber wahrscheinlich ist es doch.

    Das liegt daran, dass die Frage nach dem Status von Tibet nicht nur ethnisch-politisch, sondern auch religiös motiviert ist. Bisher blieben die Olympiaden wenigstens von religiösen Leidenschaften verschont. Selbst die Mitglieder der Organisation "Schwarzer September", die in München 1972 israelische Sportler erschossen, waren nicht etwa religiöse Fanatiker, sondern durchaus weltliche, säkulare Terroristen.

    Gegenwärtig wird vor unseren Augen ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen. Der Buddhismus oder Lamaismus genießt seit Jahrhunderten das Image einer absolut harmlosen, friedliebenden Lehre - na, und wenn schon, das hat heutzutage keine Bedeutung.

    Übrigens musste das Hineintragen einer religiösen Komponente in die Politik um den Sport früher oder später kommen. Kann dieser Prozess aufgehalten oder verlangsamt werden? Man möchte natürlich optimistisch sein, aber irgendwie geht das nicht so richtig.

     

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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