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    Die Wahrheit über die Panzerschlacht bei Prochorowka

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    MOSKAU, 22. Juli (Ilja Kramnik, RIA Novosti). Die 65 Jahre zurückliegende Schlacht bei Kursk gehört zu den wichtigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

    Sowohl in Russland als auch im Ausland ruft sie nach wie vor das Interesse von Wissenschaftlern hervor. Die Zahl der Forschungsarbeiten, die den Ereignissen vom Sommer 1943 zwischen Orjol und Charkow gewidmet sind, nimmt ständig zu.

    Wie jedes große historische Ereignis ist die Schlacht bei Kursk sehr mythologisiert worden - von verschiedenen Seiten, so dass das wahre Bild des Geschehnisses erst jetzt klarer hervortritt. Die meisten Mythen ranken sich um die Kämpfe im Raum von Prochorowka vom 7. bis 15. Juli.

    Besonders hervorzuheben sind die Gefechte zwischen den Korps der 5. Garde-Panzerarmee und den Panzergrenadierdivisionen des II. SS-Panzerkorps bei Prochorowka am 12. Juli 1943. Die Meinungen der Wissenschaftler über dieses Gefecht sind dabei mitunter diametral entgegengesetzt: von der "vollen Zerschlagung" der Roten Armee bis zu der ebenso "vollen Zerschlagung" der ihr gegenüberstehenden Wehrmacht- und SS-Einheiten.

    Die Prochorowka-Richtung an den südlichen Zugängen zu Kursk zeichnete sich am 7. Juli 1943 ab, als die vorgeschobenen Abteilungen des II. SS-Panzerkorps den Fluss Psjol erreichten. Die Ereignisse an diesem Frontabschnitt entwickelten sich erfolgreicher für die Deutschen als an der Richtung Obojan, die als die wichtigste galt und wo die Deutschen versuchten, längs der Chaussee Belgorod - Kursk bis nach Kursk durchzustoßen.

    Dort wurde die Offensive des XLVIII. Panzerkorps der Wehrmacht nach schweren Kämpfen aufgehalten, wobei die 1. Panzerarmee unter dem Befehl Michail Katukows, eines der besten sowjetischen Panzerkommandeure, mitentscheidend war.

    Im Ergebnis fasste Erich von Manstein, Befehlshaber der Heeresgruppe Süd, den Beschluss, sich auf die Prochorowka-Richtung zu konzentrieren. Am 9. Juli erreichte die Breite des Frontdurchbruchs an der Richtung Prochorowka zwölf Kilometer, und die Deutschen erreichten den rückwärtigen Abschnitt der Woronescher Front. Es entstand die Gefahr, dass sich die Panzereinheiten durchkämpfen würden.

    Um eine solche Entwicklung nicht zuzulassen, bat das Kommando der Woronescher Front bereits am 7. Juli Moskau um Hilfe. Bis zum 10. Juli begannen an der Richtung Prochorowka gleich zwei Reservearmeen - die 5. Garde-Armee unter dem Befehl Alexej Schadows und die 5. Garde-Panzerarmee unter dem Befehl Pawel Rotmistrows - ihre Einheiten zu entfalten.

    Gerade der 10. Juli gilt als das Datum des Beginns des Gefechts bei Prochorowka, als das II. SS-Panzerkorps die Offensive einleitete, um bis zur Ortschaft durchzustoßen.

    Gesagt sei, dass das II. SS-Panzerkorps einer der mächtigsten Panzerverbände der Wehrmacht und der SS-Truppen war, seine drei Divisionen zählten laut Stellenplan mehr als 40 000 Mann und über 450 Panzer und Selbstfahrlafetten (SFL). Der Zahl der Soldaten nach entsprach es ungefähr einer sowjetischen Panzerarmee aus drei Korps, hatte zwar eine geringere Panzerzahl, übertraf sie jedoch in der Artilleriestärke und der zahlenmäßigen Stärke der Infanterieeinheiten.

    Um den 10. Juli hatten die Deutschen natürlich nicht mehr die stellenplanmäßige Stärke, aber das Korps stellte auch mit mehr 30 000 Mann und über 300 Panzern eine recht beeindruckende Kraft dar.

    An zwei Kampftagen, dem 10. und 11. Juli, rückten die Deutschen fünf Kilometer weit vor und kreisten an einigen Orten Einheiten der Roten Armee ein. Es trat der entscheidende Moment der ganzen Schlacht im Süden des Kursker Bogens ein: Von Prochorowka trennten die Deutschen nur noch zwei bis 2,5 Kilometer.

    Am Abend des 11. Juli fasste das Kommando der Woronescher Front den Beschluss, mit einem Teil der Kräfte der 5. Garde-Armee und den Kräften der 5. Garde-Panzerarmee neben dem 2. Panzerkorps und dem 2. Garde-Panzerkorps, die zugeteilt wurden, aus dem Raum Prochorowka gegen die Stellungen des II. SS-Panzerkorps einen Gegenschlag zu führen.

    Aus den beiden 5. Armeen entgegen gesetzten Richtungen hätten die Einheiten der 1. Panzerarmee von Katukow und der 6. Garde-Panzerarmee von Tschistjakow ihren Angriff führen sollen. Das Ergebnis dieses Schlags hätte die Einschließung des II. SS-Panzerkorps und des XLVIII. Panzerkorps mit deren nachfolgender Vernichtung sein sollen.

    Gesagt sei, dass der Kampf gegen die sowjetischen Panzerreserven für die Deutschen keine Überraschung war. Hermann Hoth, Befehlshaber der 4. Panzerarmee, zu der beide erwähnten deutschen Korps gehörten, erwartete diesen Schlag, und zwar eben im Raum Prochorowka, bereits vor Beginn der Offensive. Das Vorrücken der 5. Garde-Panzerarmee blieb nicht unbemerkt.

    Am 11. Juli begannen die Deutschen, sich zwecks Verteidigung einzugraben. Sie rechneten damit, den Angriff der Sowjettruppen auf das Zentrum der Stellung des SS-Panzerkorps aufzuhalten, ihren eigenen Schlag zu führen und die Divisionen der 5. und der 69. Armee abzuschneiden, um nach dem Vordringen in den Rücken der Einheiten der 1. Panzer- und der 6. Garde-Armee, die sich im Raum der Ortschaft Obojan verteidigten, die Offensive zu entfalten.

    Den Schlag des II. SS-Panzerkorps unter Kommando von Paul Hausser hätte das III. Panzerkorps der Wehrmacht unter Kommando von Hermann Breith unterstützen sollen.

    Für die Vorbereitung des sowjetischen Gegenschlags blieben nur einige wenige Stunden bis zum Abend und eine Sommernacht. Im Ergebnis begann die Offensive um 8.30 Uhr früh, als das 18. und das 29. Panzerkorps von Bacharow und Kiritschenko, die insgesamt über 355 Panzer und Selbstfahrlafetten verfügten, ihren Angriff auf die Stellungen der 1. SS-Panzergrenadierdivision "Leibstandarte Adolf Hitler" und der 3. SS-Panzergrenadierdivision "Totenkopf" mit ihren insgesamt 199 Panzern und SFL einleiteten.

    Das äußerst ungünstige Gelände mit zahlreichen Schluchten und Wirtschaftsbauten behinderte die Entfaltung zur Gefechtsordnung und einen konzentrierten Angriff. Im Ergebnis traten die Panzerbrigaden der zwei Korps abteilungsweise in das Gefecht ein und mussten sich unter dem Beschuss des Gegners entfalten.

    Die Dichte der deutschen Panzerabwehr südlich von Prochorowka erreichte 40 Geschütze mit Kaliber 50 bis 88 Millimeter für einen Kilometer an der Front, ohne die Geschütze mit Kaliber 105 bis 150 Millimeter der zweiten Linie mitzuzählen. Die sowjetischen Panzerkorps erlitten sofort schwere Verluste.

    Hinzu kam die technische Überlegenheit der Deutschen: Die neuesten "Tiger"-Panzer mit ihren 88-mm-Geschützen, die modernisierten Panzer III, Panzer IV und die Sturmgeschütze StuG III waren den wichtigsten sowjetischen T-34-Panzern im Zweikampf überlegen, von den leichten T-70-Panzern ganz zu schweigen. Um die Chancen auszugleichen, galt es, sich dem Gegner zu nähern, doch das dichte Feuer der Deutschen erlaubte es nicht.

    Der 5. Garde-Panzerarmee wurden das 2. Panzerkorps und das 2. Garde-Panzerkorps beigegeben. Sie zählten 224 Panzer und SFL und griffen an der linken Flanke die Stellungen der 2. SS-Panzergrenadierdivision "Das Reich" an, die an diesem Tag dem 3. Panzerkorps der Wehrmacht hätte entgegenkämpfen und unseren Truppen einen Schlag versetzen sollen. Stattdessen musste sich die deutsche Division, die nach einer Woche der Kämpfe 95 Panzer zählte, verteidigen.

    Im Verlauf des Kampfes an diesem Abschnitt rückten die sowjetischen Panzer zwei Kilometer vor, mussten jedoch nach einer Gegenattacke der Deutschen ebenfalls zurückweichen.

    Der frontale Gegenschlag blieb stecken. Das tat aber auch der Angriff der Deutschen: Das III. Panzerkorps von Breith, das zu der Zeit 120 Panzer und SFL, darunter 23 "Tiger", zählte, war nicht imstande, die Verteidigung der sowjetischen Schützendivisionen zu durchbrechen und laut dem ursprünglichen Plan, die halb eingekreisten Einheiten der 5. Garde-Armee und der 69. Armee abzuschneiden.

    Am Tag darauf versuchten die Deutschen, die Offensive auf Prochorowka wieder aufzunehmen, sie wurde jedoch zum Stillstand gebracht. Einige Teilerfolge entschieden über nichts mehr, und am 16. Juli begann der Gegner mit dem Abzug seiner Truppen aus Richtung Prochorowka.

    Bei der Einschätzung der Prochorowka-Schlacht als Ganzes kann gesagt werden, dass sie mit einem Unentschieden endete: Die Deutschen konnten nicht bis nach Prochorowka und weiter in den Rücken der sowjetischen Truppen vorstoßen, die Rote Armee schaffte es nicht, bei ihrem Gegenschlag die SS-Divisionen und die Divisionen des XLVIII. Panzerkorps einzuschließen und zu vernichten.

    Das eigentliche Begegnungsgefecht vom 12. Juli auf dem Panzerfeld endete leider mit einer Niederlage der sowjetischen Truppen: Sie waren, ohne ihre Ziele erreicht zu haben, fast überall auf die Ausgangsstellungen ausgewichen und hatten viel schwerere Verluste erlitten.

    Die sowjetischen Verluste im Raum Prochorowka am 12. Juli betragen insgesamt über 10 000 Mann und 328 Panzer und SFL, darunter über 4000 Mann und 183 Panzer und SFL Totalverluste. Die Verluste der deutschen Truppen betrugen über 3000 Mann und 100 Panzer und SFL, darunter über 1000 Mann und etwa 30 Panzer und SFL Totalverluste.

    Auf Stalins persönlichen Beschluss wurde eine Kommission mit Georgi Malenkow, Sekretär des ZK der KPdSU(B), an der Spitze gebildet. Sie sollte die Gründe der gravierenden Verluste der Armee bei Prochorowka untersuchen. Das Ergebnis war ein Rechenschaftsbericht, der Stalin im August 1943 vorgelegt wurde. Die Schlüsse dieses Dokuments waren wenig trostreich. Die Kampfhandlungen vom 12. Juli bei Prochorowka wurden als Muster einer falsch durchgeführten Operation bezeichnet.

    Der Mythos vom Sieg der sowjetischen Panzertruppen bei Prochorowka entstand in den 50er Jahren auf Zuspiel von Marschall Rotmistrow, ehemaliger Befehlshaber der 5. Garde-Panzerarmee, und dem ersten Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, der als Mitglied des Kriegsrates der Woronescher Front unmittelbar an der Schlacht am Kusker Bogen teilnahm und neben anderen für die schlechte Vorbereitung des Gegenschlags vom 12. Juli 1943 persönlich verantwortlich war.

    Dieser Mythos verdrängte leider den wirklichen Erfolg vom 12. Juli, der an einem anderen Frontabschnitt erreicht wurde, wo die 1. Panzerarmee und ein Teil der Kräfte der 6. Garde-Armee dem XLVIII. Panzerkorps von Knobelsdorff einen empfindlichen Schlag versetzen konnten. Obwohl über keine bedeutende Überlegenheit an Personen und Panzern verfügend, verstanden es Katukow und Tschistjakow, den Gegner in der ganzen Tiefe seiner Gefechtsordnung zu fesseln, so dass die Deutschen kein einziges Bataillon von dort in Richtung Prochorowka verlegen konnten.

    Im Ergebnis gelang es den Deutschen nicht, den Erfolg zu nutzen, und allein konnte das beträchtlich geschwächte SS-Panzerkorps die letzte Verteidigungslinie der Woronescher Front nicht überwinden.

    Die Mythen um Prochorowka entstanden auch auf der anderen Seite. Viele deutsche Quellen behaupteten, in den Kämpfen gegen die Armeen der Woronescher Front hätten die deutschen Panzerverbände einen vollen Erfolg erzielt, konkret betrage das Verhältnis der Verluste an Panzern bei Prochorowka 300 zu fünf zugunsten der Deutschen. Der Abzug der deutschen Truppen nach so einer siegreichen Schlacht wird durch die eingeleitete Landung der westlichen Alliierten auf Sizilien erklärt.

    Aber Fakten sind beharrlich. Die SS-Panzergrenadierdivisionen sollten den italienischen Kriegsschauplatz nicht erreichen. Stattdessen mussten sie zu den Kämpfen auf dem sowjetischen Territorium zurückkehren und die nach der Verteidigungsphase der Kämpfe entfaltete sowjetische Offensive aufhalten. Was den unmittelbaren Grund des Abzugs der deutschen Panzerverbände betrifft, so war es das generelle Fiasko der Operation "Zitadelle".

    Zugleich gingen die sowjetischen Truppen an der Richtung Orjol und Charkow zum Angriff über. Das ist eine strategische Niederlage, deren Ausmaße den Teilerfolg der Deutschen im Begegnungsgefecht vom 12. Juli bei Prochorowka bei weitem in den Schatten stellen. Am besten hat ihn der berühmte deutsche Panzerkommandeur Heinz Guderian in seinen Memoiren beschrieben:

    Infolge des Fiaskos der Offensive „Zitadelle“ erlitten wir eine entscheidende Niederlage. Die so mühsam aufgefüllten Panzertruppen waren wegen großer Verluste an Mensch und Technik für lange Zeit außer Gefecht gesetzt. Ihr rechtzeitiger Wiederaufbau zwecks Führung von Verteidigungshandlungen an der Ostfront sowie zwecks Organisation der Verteidigung im Westen für den Fall einer Landungsoperation, die die Alliierten im nächsten Frühjahr vorzunehmen drohten, wurde in Frage gestellt. Selbstverständlich beeilten sich die Russen, ihren Erfolg zu nutzen. Danach gab es keine ruhigen Tage an der Ostfront mehr. Die Initiative war voll und ganz an den Gegner übergegangen. (Rückübers. aus dem Russ.)

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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