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    Karadzics Kopf - EU-Eintrittspreis für Serbien

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    MOSKAU, 23. Juli (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). Vor dem Internationalen Tribunal für Ex-Jugoslawien wird demnächst ein neuer Top-Angeklagter stehen: Radovan Karadzic.

    Für den prowestlich orientierten serbischen Präsidenten Boris Tadic gibt es keinen Grund, ihn nicht an Den Haag auszuliefern. Ein Prozess gegen Karadzic in Serbien kommt nicht in Frage: Dies wäre sogar gefährlich.

    Seine proeuropäische Einstellung hatte Tadic bereits während seines Wahlkampfes proklamiert. Diese Politik lässt sich aber nur verwirklichen, wenn die "Bösewichte" aus dem letzten Balkan-Krieg ausfindig gemacht und an das Tribunal ausgeliefert werden.

    Angesichts der kläglichen Wirtschaftslage Serbiens (die Nato-Bombenangriffe haben dabei nicht die letzte Rolle gespielt) kann Serbien ohne EU-Unterstützung mit nichts rechnen. Eine Alternative zum europäischen Weg wäre ein weiteres Abgleiten in die Rolle eines politischen und wirtschaftlichen Schurkenstaats unter den ehemaligen jugoslawischen Brüdern und Schwestern, die entweder bereits in der Nato sind oder an der Schwelle zu einem Nato-Beitritt stehen.

    Die ganze Entwicklung um Serbien und Kosovo hat bereits gezeigt, dass es für Russland kein Platz auf dem Balkan gibt. Aber auch Russland selbst hatte Jugoslawien und Serbien in Zeiten Gorbatschows und Jelzins mehr als einmal im Stich gelassen. Insofern hofft heute kaum jemand noch in Serbien auf Russland.

    Aber auch Moskau müsste bei seiner Solidarität mit Belgrad umsichtiger sein. Immerhin schickt Serbien bereits wieder seine Botschafter zurück in die westlichen Staaten, die die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt haben. Nun steht es bereits an der Schwelle zur EU. Ein Nato-Beitritt wäre nur eine Frage der Zeit.

    Markanterweise wurde Karadzic kurz vor einem EU-Außenministertreffen in Brüssel gefasst, bei dem es darum gehen soll, ob Serbien eine Einladung in die Europäische Gemeinschaft bekommt oder nicht. Die EU-Anforderung an Serbien war eindeutig: Der Beitritt kommt nur in Frage, wenn Serbien bei der Suche nach Karadzic und dem Chef der serbischen Streitkräfte in Bosnien-Herzegowina, General Ratko Mladic, seine Unterstützung erweisen würde.

    Nun hat der EU-Außenbeauftragte Javier Solana bereits die Hoffnung geäußert, dass das Tribunal das Mitmachen Belgrads nach Gebühr schätzen und seine Zustimmung für ein EU-Serbien-Abkommen geben wird.

    Die Entscheidung des Tribunals scheint schon vorausbestimmt zu sein. Die Anklage gegen Karadzic wegen Völkermord und Kriegsverbrechen war bereits 1995 erhoben worden, am 24. Juli 1996 wurde ein Haftbefehl erteilt.

    Karadzic wird beschuldigt, ein Massaker gegen Moslems in der Stadt Srebrenica organisiert zu haben. Die genaue Zahl der Opfer ist aber nicht bekannt. Westliche Medien sprechen von 6 000 bis 8 000 Toten, in Srebrenica selbst sind 2 907 Personen beigesetzt worden.

    Das Tribunal hat ein großes Problem mit dem Eintreiben von Zeugenaussagen. Ihm stehen keine nationalen Justizorgane zur Verfügung, deshalb ist es nicht zuletzt auf Medienbeiträge angewiesen. Übrigens: In der Anklage gegen Karadzic wird nicht eine einzige Opferzahl erwähnt.

    Wie alle zentralen Figuren des zehnjährigen blutigen Dramas des Jugoslawien-Zerfalls ist der 63-jährige Diplom-Psychiater und Lyriker Karadzic eine äußerst widersprüchliche Figur. Für die meisten bosnischen Serben und einen großen Teil der Serben in Serbien ist er ein Held und ein flammender Kämpfer für deren Rechte.

    Für die bosnischen Moslems und die Kroaten ist er die Verkörperung des Bösen. Das Merkwürdige am Tribunal in Den Haag besteht aber darin, dass eine der Seiten im Voraus für schuldig erklärt wird. Rund 90 Prozent der Angeklagten in den Den Haager Prozessen sind Serben.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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