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    Warum hat Russland keine Flugzeugträger?

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    MOSKAU, 29. Juli (Andrej Kisljakow, RIA Novosti). Russland ist ohne ein klares Programm zum Bau von vollwertigen Flugzeugträgern ins neue Jahrtausend getreten.

    Das Problem wurzelt in der Rüstungspolitik der Sowjetunion, die Flugzeugträger als Flugplätze auf hoher See mit einer breiten Palette von Kampfflugzeugen hartnäckig nicht in Betracht ziehen wollte.

    Der ehemalige russische Marine-Generalstabschef Viktor Krawtschenko hat zwar am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, zur baldmöglichsten Schaffung einer russischen Flugzeugträgerflotte aufgerufen. Doch dieser Appell mutete eher als Kommentar zur Errichtung von zwei weiteren Flugzeugträgern für die britische Marine an. Russlands Aktivitäten im Bereich der Marine sind nach wie vor eine recht verspätete Reaktion auf die Erfolge der westlichen Seestreitkräfte.

    Doch zurück zur Frage in der Überschrift. Anfang der 70er bekam die Sowjetunion die Möglichkeit, einen richtigen Flugzeugträger zu bauen und einen Grundstein für ein entsprechendes Programm zu legen. Das neue Projekt, das mit der Zahl 1160 markiert wurde, entsprach dem damaligen Verhältnis zwischen der sowjetischen und der US-amerikanischen Flotte. Letztere hatte einen offensichtlichen Vorsprung bei Überwasserschiffen und vieljährige Erfahrungen beim Einsatz von Flugzeugträgern.

    Nach dem sowjetischen Projekt sollten bis 1986 drei Flugzeugträger mit Atomantrieb und Su-27-K-Flugzeugen mit Schleuderstart errichtet werden. Die Hauptaufgabe dieser Schiffe war die größtmögliche Zurückhaltung der Entfaltung der gegnerischen flugzeugtragenden Stoßgruppen unter enger Kooperation mit den Raketenfliegerkräften der Marine und den U-Booten.

    Doch die Schaffung der sowjetischen Flugzeugträger wurde von ihrem ewigen Konkurrenten, dem schweren Flugdeckkreuzer, behindert. Das Programm dieser Kreuzer bekam in der Sowjetunion weitgehend Unterstützung. Zu dessen Befürwortern zählte unter anderem Dmitri Ustinow, Anfang der 70er Jahre Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU für Verteidigungsfragen. Doch die an sich kaum lebensfähige Mischung zwischen Kreuzer und Flugzeugträger rief auch ein an sich fehlerhaftes Programm zur Schaffung von senkrechtstartenden und -landenden Flugzeugen ins Leben.

    Nur einem einzigen Unternehmen, der British Aerospace, ist mit ihrer Harrier ein funktionstüchtiges Modell dieser Art geglückt.

    Das sowjetische Senkrechtstarter-Programm endete hingegen in einem kompletten Fiasko. Im Herbst 1991 stürzte eine Jak-41M bei Tests auf das Deck des Flugdeckkreuzers „Admiral Gorschkow" ab und verbrannte. Glücklicherweise wurde das „Jak"-Programm 1992 abgebrochen.

    Doch Mitte der 70er wurde das Projekt eines richtigen Flugzeugträgers mit der Kennziffer 1160 durch dieselben Flugdeckkreuzer ersetzt. Dies war ein Rückfall nicht nur für die Schaffung von Flugzeugträgern, sondern auch für die Entwicklung der entsprechenden Flugzeuge. Dabei ist es unmöglich, ein gewöhnliches Jagdflugzeug durch eine unbedeutende Modernisierung in ein bordgestütztes zu verwandeln. Das Flugzeug muss neu entworfen werden, da ein bordgestützes Flugzeug bei der Landung im Vergleich zu den landgestützten Modellen doppelt bis dreifach belastet wird.

    Dennoch hat Ustinow die Arbeiten zum Projekt 1160 gestoppt. Stattdessen wurde der vierte Flugdeckkreuzer „Admiral Gorschkow" gebaut. Die Geschichte dieses Schiffes, das im Endeffekt trotzdem für Indien zum Flugzeugträger umgebaut werden musste, ist ein gesetzmäßiger und unrühmlicher Schlussstrich unter die Existenz der schweren Flugdeckkreuzer. Niemand in der Welt braucht solche Schiffe, egal für wie viel Geld.

    Trotz allem gibt es in Russland einen Flugzeugträger: Das Schiff „Riga", alias „Leonid Breschnew", alias „Tbilissi" und seit dem Herbst 1990 „Admiral Flota Sowjetskogo Sojusa Kusnezow", das 1982 in der Werft von Nikolajew (Ukraine) auf Kiel gelegt wurde.

    Doch kann dieses Schiff als echter moderner Flugzeugträger gelten? Kaum. Erstens hat er Kesselturbinen- statt Atomantrieb, und das beschränkt die Einsatzmöglichkeiten des Schiffs erheblich. Zweitens wird für den Start der Deckflugzeuge statt Dampfschleudern eine „Sprungschanze" am Bug verwendet. Doch nach den Ergebnissen zahlreicher Tests kann nur ein Schleuder einen sicheren Start unter allen Bedingungen garantieren. Auch verringert sie die Abhängigkeit vom Abfluggewicht. Letztlich gibt es nur heute einige Flugzeuge, die zu diesem Schiff passen, und kaum zwei Dutzend entsprechend ausgebildete Piloten.

    In diesem Jahr bekommt die US-amerikanische Flotte ihren zehnten Atom-Flugzeugträger vom Typ Nimitz. 2013 soll ein Flugzeugträger der nächsten Generation, die CVN-78, vom Stapel laufen. Dieser ist bereits mit elektromagnetischen Schleudern ausgerüstet und kann circa 100 Flugzeuge, darunter auch Drohnen, tragen.

     „Das russische staatliche Rüstungsprogramm bis 2016 enthält keine Flugzeugträger, und kein Geld wird für deren Errichtung zugeteilt", sagte Krawtschenko. Es bleibt nur die Hoffnung, dass das Programm für die Schaffung der russischen Flugzeugträger im Entwicklungskonzept der Marine bis 2050, das 2009 verabschiedet werden soll, einen festen Platz findet.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.

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