08:54 17 Dezember 2017
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    Zchinwali ohne „i“?

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    MOSKAU, 18. August (Andrej Iwanowski, RIA Novosti). Der Name “Zchinwali” lässt sich aus dem Georgischen wie “Das Land der Hagebuchen” übersetzen.

    MOSKAU, 18. August (Andrej Iwanowski, RIA Novosti). Der Name “Zchinwali” lässt sich aus dem Georgischen wie “Das Land der Hagebuchen” übersetzen.

    Das „i“ am Ende des Wortes ist die georgische Nominativ-Endung, denn die Ortsnamen lassen sich im Georgischen deklinieren.

    Die Osseten, die in dieser Stadt eine große Mehrheit bilden, stört diese georgische Endung sehr, und sie nennen die Stadt fast ausschließlich „Zchinwal“. So klingt es in der Tat überhaupt nicht mehr Georgisch. Im Übrigen hat dieser Ort eine Bezeichnung auch auf Ossetisch - Tschreba. Für den Rest der Welt klingt aber dieser Name schon völlig fremd.

    Seit dem brutalen Überfall der Georgier auf die Hauptstadt der trotzigen Provinz wird sie in den meisten Reportagen des russischen Fernsehens fast ausschließlich „Zchinwal“ genannt. Eine neutrale Erklärung dafür hätte wohl darin bestanden, dass die Reporter vor Ort meist mit Menschen kommunizierten, die auf das „i“ am Schluss dieses Namens aus Gewohnheit verzichten. So haben halt auch die russischen Journalisten den Namen in dieser Form übernommen. Wer ist heute dort aber schon neutral?

    Russische Printmedien machen diese Tendenz vorerst nicht so geschlossen mit: Während die Kreml-nahe „Iswestija“ letzten Freitag ausschließlich von „Zchinwal“ schrieb, blieb die Tageszeitung „Kommersant“, die sich als neutral zu positionieren bemüht, auch am Sonnabend bei „Zchinwali“.

    Im Munde von Russlands Präsident Dmitri Medwedew, der diese Stadt seit Anfang vergangener Woche ebenfalls als „Zchinwal“ bezeichnet, erhielt aber diese Lautkette eine eindeutige politische Nebenbedeutung. Dem Staatschef folgte Außenminister Sergej Lawrow, der sich konsequent gleich von „Zchinwali“ auf „Zchinwal“ umgestellt hat. Die Diplomaten gehen bekanntlich mit ihrem Vokabular besonders präzise um. Ein Versprecher war es insofern keinesfalls.

    Moskaus Message an die Welt ist damit unmissverständlich: Diese Stadt ist nicht mehr auf die georgische Weise zu nennen. Das „i“ am Schluss gehört weg.

    Ist damit aber auch die Stadt selbst ebenfalls als nicht mehr zu Georgien gehörend aufzunehmen? Vergangenen Donnerstag brachte es Lawrow auf den Punkt: „Über die georgische territoriale Integrität brauchen wir nicht einmal mehr zu reden. Südossetien und Abchasien kann man nicht mehr in den georgischen Staat zurückzwingen.“

    Nun muss man wohl auf eine ähnliche Umwandlung des Namens Suchumi gefasst sein: Die Hauptstadt der anderen abtrünnigen georgischen Provinz, Abchasien, hat ebenfalls diese „störende“ georgische Endung. Der Name kommt von der ehemals türkischen Festung Suchum-Kale (wörtlich: „Wasser und Sand“), die russische Bezeichnung „Suchum“ bürgerte sich nach dem Anschluss Abchasiens an das Russische Reich 1810 ein.

    Als „Suchum“ wird der Kurort am Schwarzen Meer auch in der russischen Literatur recht oft erwähnt - bis der Georgier Josef Stalin 1936 diesem Namen die georgische „i“-Endung verpasst hat. (Die Stadt Zchinwali hatte sich der Sowjetführer übrigens bereits 1934 nach sich auf „Staliniri“ umtaufen lassen. Erst 1961 bekam sie den Namen Zchinwali zurück.) Auf Abchasisch heißt indes dieser Ort „Akua“ - aber wer kennt das schon?

    Das deutschsprachige Europa kann von ähnlichen politisch-toponymischen Spielen dank den beiden verlorenen Weltkriegen ein Lied singen. Oder viele sogar. Ist etwa der- oder diejenige, die Danzig statt Gdansk sagt, Brno als Brünn bezeichnet oder der russischen Bezeichnung Kaliningrad den altbewährten Namen Königsberg bevorzugt, unbedingt ein eingefleischter Revanchist? Oder bloß ein vergesslicher Kauz? Oder ein Mensch mit Bildungslücken? Heute ist diese Problematik zum Glück lange nicht mehr so brisant. Im und um den Kaukasus ist aber die Toponymik gerade heute ein Politikum.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.