14:43 17 Dezember 2017
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    US-Raketen in Polen verärgern Russland

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    MOSKAU, 18. August (Juri Saizew für RIA Novosti). Am 14. August unterzeichneten Polen und die USA ein Abkommen über die Stationierung von zehn Abfangraketen des US-Raketenabwehrsystems.

    Sicherlich hängt das mit den jüngsten Ereignissen im Kaukasus zusammen. Ebenso wie die Vereinigten Staaten hat Polen auf allen Ebenen Georgien vorbehaltlos unterstützt und dadurch den von der US-Administration heiß ersehnten Tag von Polens Zustimmung zur Aufstellung der Raketenabwehrsystems näher gebracht.

    Somit haben sich die Befürchtungen, dass in Europa der dritte Stellungsraum des Raketenabwehrsystems entstehen könne, zur Realität verdichtet. Das aber erfordert eine neue gedankliche Verarbeitung der Sachlage und neue Handlungen.

    Trotz Russlands wiederholter Aufforderungen an die USA, in die Situation um das Raketenabwehrsystem Klarheit zu bringen, hat Moskau bisher keine konkreten Vorschläge gehört. Russlands Außenminister Sergej Lawrow: "Die von der amerikanischen Seite versprochenen Maßnahmen der Transparenz und Vertrauensfestigung haben bisher nichts Greifbares ergeben."

    Ernste Differenzen um das Raketenabwehrsystem bestehen auch zwischen Russland und der Nato, die immer noch nicht entschieden hat, welche Form dieses System in Europa haben soll: ein mit Russland gemeinsames System? Oder nur ein Segment des US-Raketenabwehrsystems?

    Besonders akut wurden diese Probleme im vergangenen Jahr, als die Amerikaner zu praktischen Schritten für den Aufbau von Radaren und Abfangraketen in Europa übergingen. Es wurden geodätische und Rekognoszierungsarbeiten an den Orten der künftigen ABM-Objekte in Tschechien und Polen eingeleitet und Regierungsverhandlungen über die Vorbereitung von Abkommen über ihren Rechtsstatus aufgenommen.

    In Tschechien wird es ein Radar sein. Im Gegenzug will Prag einige "Präferenzen" aushandeln. Zu den wichtigsten davon gehören die Beteiligung an der Entwicklung militärischer Technologien und der Zugang zu Informationen der Station.

    Wie es aussieht, hat Polen erreicht, mit amerikanischer Hilfe die polnischen Streitkräfte zu modernisieren. Polens Premier Donald Tusk verlangte von den USA außerdem zusätzliche Sicherheitsgarantien für sein Land.

    Die US-Administration wird die Garantien natürlich geben. Aber was wird ihr Preis sein? Nach dem Start von Raketenabwehrraketen aus Polen würden die Raketenabwehrsysteme Russlands sie nicht von ballistischen Raketen unterscheiden können, was automatisch einen Gegenschlag nach sich ziehen würde, und das nicht nur gegen den Stellungsraum der Abfangraketen. Es gab schließlich einen Fall, da eine von Norwegen gestartete meteorologische Höhenrakete vom sowjetischen Warnsystem als eine ballistische Rakete identifiziert wurde.

    Begreiflicherweise wird Washington nach Tschechien und Polen nicht Halt machen. Laut Experten werden die USA nach der technischen Fertigstellung des Raketenstützpunkts in Polen je einen Stellungsraum jährlich in Betrieb nehmen können. In naher Zukunft wird Russland also an seiner Grenze nicht mehr nur einen Stationierungsraum von Raketen haben, sondern Dutzende davon, die zudem territorial gestreut werden sollen.

    Außerdem ist Russland auch über die mögliche Aufstellung von Elementen der US-Raketenabwehr in der Ukraine besorgt. Wie amerikanische Offizielle selbst erklären, habe das Land "recht umfassende Erfahrungen darin, was die Raketentechnologien betrifft". Das unterscheidet die Ukraine qualitativ von Tschechien und Polen. Zudem wird dann das amerikanische ABM-System noch näher an Russlands Grenze rücken.

    Bei der Analyse der Situation um die Schaffung eines globalen ABM-Systems der Amerikaner drängt sich unvermeidlich der Schluss auf: Die Priorität für Washington ist heute gerade die Entfaltung seiner Stützpunkte in Osteuropa und nicht etwa in Asien, auf Alaska, in Japan oder Australien, obwohl dort bestimmte Arbeiten in dieser Richtung ebenfalls geleistet werden.

    Möglicherweise liegt der Grund dafür in der Befürchtung der US-Administration, China zu reizen, das mit einer beschleunigten Enwicklung des eigenen Raketenprogramms und einer größeren Zahl der ballistischen Raketen im Diensthabenden System darauf antworten könnte.

    Auf Russland wird, gemäß dem in den letzten 15 Jahren entstandenen Stereotyp, nicht Rücksicht genommen: Bestenfalls werde von ihm eine "weitere ernste" Warnung kommen. Es scheint sogar etwas sonderbar, dass sich die russische Führung trotz der Reaktion des Westens endlich zu einer adäquaten Antwort auf die georgische Aggression in Südossetien aufgerafft hat.

    Russland befürchtet, in ein neues Wettrüsten einbezogen zu werden. Zugleich wäre es falsch, angesichts der neuen Drohungen waffenlos zu bleiben. Als Antwortmaßnahmen gegen den Aufbau der US-Raketenabwehr in Europa könnten in Frage kommen: Ausstattung der Topol-M-Raketen mit manövrierenden Hyperschall-Gefechtsköpfen, Störstationen, die die ABM-Wirksamkeit vermindern, Verkürzung des Beschleunigungsabschnitts der Raketenflugbahn. Nicht minder wichtig wäre es, in nächster Zeit neue Raketenkomplexe mit Mehrfachgefechtsköpfen in die Bewaffnung aufzunehmen.

    Wiederbelebt werden könnte ferner das Produktionsprogramm für globale Raketen, die in einer bedrohlichen Periode in Erdumlaufbahnen gebracht und auf Kommandos auf das Territorium des Gegners unter Umgehung der Stationierungsräume von Angriffsmitteln der Raketenabwehr gerichtet werden könnten.

    Vielleicht ist unter den neuen Umständen auch die Rolle der taktischen Kernwaffen näher zu betrachten. Vor allem von den einseitigen Verpflichtungen abzusehen wie ihre Reduzierung, die Abkopplung der Gefechtsköpfe und die Verlegung ins Innere des Landes. Oder sie im Gegenteil an die vorderste Kampflinie, zum Beispiel in Kaliningrad, näher zu rücken. Gegenwärtig befinden sich dort die operativ-taktischen Totschka-U-Raketen mit einer Reichweite bis zu 120 Kilometer. Sie könnten durch Iskander-Komplexe (Reichweite: bis zu 500 Kilometer) vorerst ohne nukleare Gefechstladungen ergänzt werden. Sobald in Polen die Raketen aufgestellt werden und in Tschechien ein Radar zur Beobachtung des russischen Territoriums steht, könnten die Iskander-Komplexe auch mit nuklearen Gefechtsköpfen ausgestattet werden.

    Ende 2009 läuft der START-1-Vertrag ab. Nach Meinung von Russlands Außenminister Sergej Lawrow darf es in dieser überaus wichtigen Sphäre der strategischen Stabilität kein Vakuum geben.

    Hierbei ist jedoch in Betracht zu ziehen, dass bei der Begrenzung der strategischen Offensivwaffen die Rolle der Raketenabwehrsysteme beträchtlich zunimmt, weil deren absoluter Gefechtswert im umgekehrten Verhältnis zu der Zahl der angreifenden Raketen und der Zahl der Kampfblöcke darin steht.

    Deshalb muss die Erhaltung des notwendigen Potenzials der nuklearen Eindämmung in den nächsten Jahrzehnten eine der wichtigsten militärischen wie auch militärpolitischen Aufgaben der Russischen Föderation sein. Der neue Vertrag darf nicht nur für Russland gelten, wie das mit START-1 geschah.

    Die Gefahren für die Existenz Russlands sind heute keineswegs imaginär. Dass man uns noch duldet und sogar gewissermaßen berücksichtigt, erklärt sich vor allem mit dem Bestehen unseres Atomraketenwaffenschildes. Was die US-Militärführung auch immer sagen mag, kann weder Russland noch Amerika den vollständigen Schutz vor einem Raketenschlag gewährleisten. Die Rede kann nur von seinen größeren oder geringeren Auswirkungen sein.

    Deshalb muss das Wesen der Verteidigungskonzeption unseres Landes darauf beruhen, angesichts der Entfaltung der amerikanischen Raketenabwehr, darunter auch mit Kampfmitteln im Weltraum, bei einem Gegenschlag die Möglichkeit zu sichern, einen irreparablen Schaden zuzüfügen.

    Zum Verfasser:

    Juri Saizew ist ordentlicher akademischer Rat der Akademie für Ingenieurwissenschaften.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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