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    US-Raketenabwehr: Kehren die kalten 80er zurück?

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    MOSKAU, 26. August (Andrej Kisljakow, RIA Novosti). Dieses Jahr konnten die USA viele Erfolge für ihr Raketenabwehrsystem (ABM) verbuchen.

    Seit Ronald Reagan seine berühmte Star-Wars-Strategie bzw. die strategische Verteidigungsinitiative in den 80er Jahren präsentierte, haben die USA mit Sicherheit nicht so viele Raketenabwehrabkommen geschlossen.

    Doch die 80er Jahre sind ebenfalls als die Zeit der schärfsten Konfrontation zwischen den politisch und militärisch verfeindeten USA und Sowjetunion in die Geschichtsbücher eingegangen. Es scheint, dass Russland nach der Unterzeichnung des polnisch-amerikanischen Abkommens über die Stationierung von Teilen des ABM-Systems in Polen eine erneute Konfrontation mit dem Westen beginnt, was die Wiedergeburt der scheinbar längst vergangenen gegenseitigen atomaren Drohungen in Europa bedeuten würde.

    Russlands militärische und politische Führung ist felsenfest davon überzeugt, dass die US-Abfangraketen in Polen nur ein Teil eines großen Plans seien, dessen Kern der Ausbau des gegen Russland gerichteten US-Atompotentials in Europa ausmacht. Moskau denkt über Möglichkeiten einer adäquaten Antwort nach. Der Vizepräsident der Akademie für Probleme der Sicherheit, Verteidigung und Rechtsordnung, Generaloberst Viktor Jessin, vertritt die Meinung, als Antwort könnte Russland seine Luftwaffe im Gebiet Kaliningrad (ehem. Königsberg) verstärken, die die US-Raketen in Polen neutralisieren könnten.

    Der Präsident der Akademie für geopolitische Probleme, Generaloberst Leonid Iwaschow, hält als Antwort die Stationierung von Kurzstreckenraketen des Typs Iskander und Präzisions-Marschflugkörpern im Gebiet Kaliningrad, Westrussland, und in Weißrussland für angemessen.

    Die Generäle haben natürlich Recht: All das lässt sich sehr rasch umsetzen, doch es gibt hier einige Umstände, die nicht nur die militärische Effizienz der diskutierten Maßnahmen verringern würden, sondern auch sie zu einer ernsthaften Bedrohung für das westliche Europa sowie für den europäischen Teil Russlands werden lassen würden.

    Im Abkommen über die Stationierung von US-Abfangraketen auf polnischem Territorium ist eine Klausel enthalten, gemäß der sich die USA verpflichtet haben, die polnische Flugabwehr mit 96 bodengestützten Mittelstreckenraketen-Luftabwehrsystemen zur Abwehr von Flugzeugen, Marschflugkörpern und der ballistischen Raketen PATRIOT-PAC-3 auszustatten, wodurch natürlich das gesamte Luftabwehrsystem Polens entscheidend gestärkt wird. Eine andere Klausel des Abkommens besagt, die USA würden Warschau militärische Hilfe im Falle einer Kriegsgefahr durch ein drittes Land leisten.

    Sollte es Russland tatsächlich ernst meinen mit seinen Plänen „einer adäquaten Antwort“, würde das unweigerlich dazu führen, dass Polen von dieser Klausel sofort Gebrauch machen würde. Mehr noch: Die baltischen Staaten und Tschechien würden ebenfalls nach mehr Sicherheit verlangen. Das könnte nur eins bedeuten: Die Entstehung einer mit konventionellen Waffen ausgestatteten Gruppierung in Nähe der russischen Grenze, die in der Lage sein würde, Ziele in Zentralrussland zu bekämpfen.

    Anderseits könnte die Konzentration von Vernichtungswaffen an der Grenze zu Russland das wichtigste Instrument der europäischen Sicherheit, den Vertrag über die Vernichtung von Mittelstreckenraketen (INF-Vertrag) aus dem Jahr 1987, zunichte machen. Russlands Militärs wie der ehemalige Generalstabschef Juri Balujewski hat sich schon mehrmals geäußert, dass es an der Zeit sei, solche Raketen wieder ins russische Waffenarsenal aufzunehmen.

    Im Falle der Aufkündigung des INF-Vertrags werden die USA im Gegensatz zu Russland die Möglichkeit bekommen, schnell die Herstellung von solchen Raketen wieder aufzunehmen. Denn die entsprechend dem INF-Vertrag vernichteten Tomahawk-Marschflugkörper BGM-109G sind im Grunde den see- und luftgestützten Marschflugkörpern ähnlich, mit denen die US-Luftwaffe und die US-Kriegsmarine heutzutage ausgerüstet sind.

    Klar ist, dass die momentane Situation um die US-Raketenabwehr nichts Gutes verspricht - insbesondere, was die Ausarbeitung eines neuen russisch-amerikanischen Dokuments über die Begrenzung von strategischen Waffen betrifft. Kleinste Anzeichen der Aufkündigung des INF-Vertrags würden aber die gegenseitige atomare Abschreckung für längere Zeit aussetzen.

    Die Frage ist deswegen, ob es Sinn macht, Europa wegen der Angst vor Iran abermals in ein Pulverfass zu verwandeln?

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.