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    Putins Interview für „Le Figaro“ im Wortlaut

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    MOSKAU, 16. September (RIA Novosti). Russlands Premier Wladimir Putin hat der französischen Zeitung „Le Figaro“ am vergangenen Samstag folgendes Interview gegeben.

    Frage: Eine überaus aktuelle Frage. Am Montag wurde in Moskau ein Vertrag unterzeichnet, der einen Abzug der russischen Truppen aus Georgien in einem Zeitraum von einem Monat vorsieht. Könnte es nach Ihrer Ansicht möglicherweise zu Ereignissen kommen, die den Abzug der russischen Truppen aus Georgien erschweren oder verhindern könnten?

    Putin: Russland erfüllt seine Verpflichtungen immer. Wir haben vor, das auch in Zukunft zu tun. In erster Linie möchte ich sagen, dass die jetzige Situation nicht durch Verschulden der Russischen Föderation entstanden ist, sondern durch Verschulden der jetzigen georgischen Staatsführung, die sich zu einem blutigen Abenteuer, dem Überfall auf Südossetien, entschlossen hatte.

    Ich möchte erneut erklären, dass die Handlungen der russischen Armee erzwungen waren. Dies war eine Antwort auf die bewaffnete Provokation der georgischen Staatsführung und auf die Ermordung russischer Friedenssoldaten und ziviler Einwohner Südossetiens. Und wenn wir schon über die Grenzen der Zuständigkeitszone der Friedenstruppen hinausgegangen sind, so geschah es ausschließlich deshalb, weil wir die Kommandozentralen bekämpfen mussten, die für die Organisation der Kampfhandlungen gegen Südossetien und gegen unsere Friedenssoldaten gebraucht wurden und außerhalb dieser Zone lagen.

    Wir waren gezwungen, die Kommandozentralen und Radarstationen zu vernichten, die zur Bekämpfung unserer Fliegerkräfte benutzt wurden, wir mussten die vorsorglich vorbereiteten Artilleriestellungen bekämpfen, der Fernartillerie, die unter anderem gegen die aus Zchinwali abziehenden zivilen Flüchtlinge eingesetzt wurde.

    Nachdem die georgische Armee nach den Schlägen der russischen Streitkräfte ihre Existenz in der bisherigen Form beendet hat, sind unsere bewaffneten Einheiten, unsere Friedenskräfte, die durch russische Armeeeinheiten verstärkt wurden, ausschließlich in der Sicherheitszone geblieben, die in den früheren internationalen Abkommen festgelegt worden war.

    Die Russische Föderation ist flächenmäßig das größte Land der Welt. Sie und ich sind uns völlig dessen bewusst - und ich bin sicher, dass dies auch Ihre Leser begreifen - dass Russland natürlich keine zusätzlichen Territorien auf Kosten Georgiens braucht.

    Welche Ziele hat Russland verfolgt, indem es in der Sicherheitszone geblieben ist? Nur ein einziges: Gewährleistung dieser Sicherheit und Verhinderung neuer Überfälle Georgiens auf Südossetien oder auf Abchasien.

    Wir betrachten die mit der Europäischen Union erzielten Vereinbarungen als äußerst wichtig. Ich denke, dass der französische Präsident, Herr Sarkozy, der heute das geeinte Europa leitet, persönlich eine große Rolle dabei gespielt hat.

    Wir rechnen damit, dass die mit der EU-Troika erzielten Vereinbarungen auch von unseren europäischen Partnern ausgeführt werden.

    Wir rechnen auch damit, dass Beobachter aus der OSZE, der UNO und der EU in dieser Sicherheitszone, in der sich heute russische Friedenskräfte befinden, Verantwortung übernehmen werden. Wenn das getan wird, so wird Russland seine Verpflichtung bedingungslos erfüllen und seine Friedenstruppen selbst aus dieser Sicherheitszone abziehen. Diese Verpflichtungen tragen aber beide Seiten und nicht nur die russische. Auch unsere europäischen Partner haben ihre Verpflichtungen. Sie müssen dort ebenfalls Verantwortung für die Gewährleistung der Sicherheit in dieser Zone übernehmen. Und wir werden die Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern in dieser Region begrüßen.

    Frage: Noch eine Frage bezüglich der zusätzlichen Beobachter, die nach Georgien entsandt werden. Warum sind Sie gegen den Zugang dieser Beobachter zu den Territorien Abchasiens und Südossetiens?

    Putin: Wir sind nicht dagegen, dies sind aber selbständige Staaten, wir haben ihre Souveränität und Unabhängigkeit anerkannt. Über etwaige ausländische Beobachter auf ihren Territorien muss man mit den Regierungen dieser Länder sprechen. In erster Linie mit ihnen und nicht mit Russland.

    Frage: Sie haben die Rolle betont, die Herr Sarkozy beim Zustandekommen und bei der Unterzeichnung der Friedensabkommen gespielt hat. Wie würden Sie ihre Beziehungen mit dem Präsidenten Frankreichs charakterisieren?

    Putin: Sie haben einen überaus sachlichen und konstruktiven Charakter. In der letzten Zeit ist, so denke ich, auch eine bestimmte persönliche Note in diesen Beziehungen entstanden. Wir pflegen überaus gute, kameradschaftliche und gegenseitig vertrauliche persönliche Beziehungen.

    Er hat einst ebenfalls Ringkampf betrieben, und wir haben vereinbart, einmal gemeinsam zu trainieren.

    Frage: Herr Ministerpräsident, in ihrem CNN-Interview vom 28. August äußerten Sie die Vermutung, dass hinter den Rücken der georgischen Soldaten amerikanische Soldaten stehen. Sagen Sie bitte: Haben Sie seit dem Zeitpunkt eine Bestätigung für diese Informationen bekommen, die zum Zeitpunkt des Interviews nur eine Hypothese war?

    Putin: Ich habe nicht über amerikanische Soldaten gesprochen. Ich habe über amerikanische Staatsbürger gesprochen.

    Die Tatsache, dass die georgische Armee von unseren amerikanischen Partnern ausgerüstet war, ist bereits ein medizinischer Fakt, das bestreitet sogar niemand. Auch dass die US-Instrukteure versucht haben, die georgische Armee auszubilden, ist ebenfalls ein Fakt, der von niemandem bestritten wird.

    Meines Erachtens hat sogar die ehemalige georgische Außenministerin und französische Staatsbürgerin - Frau Surabischwili - das bereits öffentlich gesagt.

    Ich habe davon gesprochen, dass sich im Raum der Kampfhandlungen nach unseren Angaben US-Bürger aufgehalten haben. Ich habe davon gesprochen, dass sie sich laut unseren Angaben gerade in der Sicherheitszone aufgehalten haben, die von den bisherigen internationalen Friedensabkommen festgelegt wurde. Dabei dürfen sich nur drei Kategorien von Bürgern in dieser Sicherheitszone aufhalten: die Ortsbewohner, die Friedenssoldaten und die OSZE-Beobachter.

    Wir haben mit Dokumenten belegte Bestätigungen dafür bekommen, dass sich US-Bürger in dieser Zone aufgehalten haben, die zu keiner dieser drei Kategorien gehören. Die Kopie eines Passes eines dieser US-Bürger wurde vom Vizechef des Generalstabs der russischen Armee Pressevertretern vorgelegt.

    Natürlich möchten wir gerne wissen, was dieser Bürger und andere Bürger der Vereinigten Staaten in dieser Zone gemacht haben.

    Insofern kann ich in Beantwortung Ihrer Frage sagen: Ja, diese Vermutungen haben ihre Bestätigung bekommen.

    Frage: Herr Ministerpräsident, in den letzten Tagen haben sich die Beziehungen zwischen den USA und Russland stark verschlechtert. Was erwarten Sie von der neuen US-Administration?

    Putin: Ich erwarte eine Verbesserung dieser Beziehungen. Sie haben diese verschlechtert - sie mögen diese nun auch wieder verbessern.

    Wissen Sie, zu Lincolns Zeiten hat einer der US-Politiker, dies war der damalige Außenamtschef, gesagt: Den Beziehungen mit allen anderen europäischen Staaten ziehen wir die Beziehungen mit Russland vor, allein schon deshalb, weil Russland uns stets nur Gutes wünscht.

    Seitdem ist natürlich viel Zeit vergangen. Unsere Beziehungen wurden zu verschiedenen Perioden von unterschiedlichen Komponenten geprägt. Als aber globale Krisen in der Welt entstanden, standen Russland und die USA stets zusammen.

    Das zeugt immerhin von gewissen Dingen. Das zeugt davon, dass die gemeinsamen Interessen unter den Bedingungen der globalen Krisen über etwaige Widersprüche dominierten. So war es sowohl in der Zeit des Ersten Weltkrieges als auch in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Wir in Russland vergessen das nie. Es wäre wünschenswert, dass sich auch unsere amerikanischen Partner daran erinnern.

    Frage: Sagen Sie bitte, was Ihre Meinung zur Situation in Afghanistan ist und ob Sie den Handlungen der internationalen Gemeinschaft beim Kampf gegen die Taliban zustimmen?

    Putin: Wir billigen die Handlungen der internationalen Gemeinschaft beim Antiterror-Kampf. Wir denken aber, dass diese Handlungen kaum effektiv und bei weitem nicht immer professionell sind.

    Es genügt schon die regelmäßigen Luftangriffe gegen Infrastruktur-Objekte der Terroristen zu erwähnen, bei denen zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen sind.

    Oder was sind zum Beispiel die Bemühungen der internationalen Koalition beim Kampf gegen den Drogenhandel wert? Ihre Effektivität ist gleich Null, in Wirklichkeit vielleicht sogar negativ, weil der Umfang der Heroinproduktion nur wächst.

    Es ist zwar an sich schon schlecht, weil der wichtigste Absatzmarkt von Heroin afghanischer Herkunft Westeuropa ist, dies ist aber auch hinsichtlich des Antiterror-Kampfes schlecht. Weil die Einnahmen aus dem Drogenhandel in bedeutendem Maße für die Finanzierung von Terroraktivitäten verwendet werden.

    Hier gibt es Stoff zum Nachdenken. Und überhaupt: Hinsichtlich der Effektivität des Antiterror-Kampfes muss man mehr zusammenarbeiten und Bemühungen zusammenschließen. Nur so können wir eine effektive gemeinsame Arbeit erreichen.

    Frage: Die Beziehungen zwischen Russland und China haben sich in letzter Zeit wesentlich verbessert. Sagen Sie bitte: Waren Sie nicht davon enttäuscht, dass China Russlands Vorgehen in Ossetien und Abchasien nicht offen unterstützt hat?

    Putin: Überhaupt nicht, diese Position hat uns in keiner Weise enttäuscht. Mehr noch: Wir sind uns der Prioritäten der Außen- und der Innenpolitik der Volksrepublik China völlig bewusst und wollen sie nicht in eine prekäre Situation bringen.

    Das haben wir unseren chinesischen Partnern auch direkt gesagt. Ich habe das gesagt, als ich bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking war. Wir haben ihnen im Voraus diese Verantwortungsbürde in den russisch-chinesischen Beziehungen abgenommen.

    Und überhaupt: Was die Anerkennung Südossetiens und Abchasiens als unabhängige Staaten anbelangt, haben wir darum niemanden gebeten und haben auch nicht vor, jemanden darum zu bitten. Hinsichtlich des Völkerrechts reicht die Anerkennung eines Landes durch ein anderes, damit ein neues Subjekt des Völkerrechts entsteht.

    Frage: Herr Ministerpräsident, die Gefährdung der Pressefreiheit in Russland und der Mord an mehreren Journalisten sind Gegenstand besonderer Besorgnisse sowohl in Europa als auch speziell in Frankreich. Sagen Sie bitte: Welche Schritte wären Sie bereit zu unternehmen, um eine Wiederholung dieser Präzedenzfälle zu verhindern?

    Putin: Wissen Sie, die Fragen, die die Pressefreiheit in Russland betreffen, verwundern mich immer mehr. Insbesondere gerade nach den Ereignissen in Südossetien und Abchasien.

    Ein interessierter Beobachter musste bemerkt haben, wie geschlossen die gesamte freie Presse unserer westlichen Partner geschwiegen hat, als bei so manchen der falsche Eindruck entstand, dass die georgische Aggression mit einem positiven Resultat enden könnte. Die zwei Tage, als es noch nicht klar war, womit das enden kann, haben alle geschlossen, wie auf Kommando, geschwiegen. Genauso geschlossen und wie auf Kommando - und ich denke, dass es gerade auf ein Kommando geschehen ist - fingen alle an, Russland der unverhältnismäßigen Gewaltanwendung zu beschuldigen. Das gilt nicht nur für die europäische, sondern auch für die amerikanische Presse.

    Was unsere Massenmedien anbelangt, so werden sie zahlenmäßig immer größer. Wir haben bereits, glaube ich, 3500 elektronische Medien und, denke ich, 40 000 Printmedien. Wissen Sie: Wenn man das auch wünschen würde - es ist einfach nicht möglich, sie zu kontrollieren. Vom Internet ganz zu schweigen - dies ist überhaupt ein völlig freier Bereich.

    Ich habe das bereits erwähnt, aber es wäre wirklich zum Lachen, wenn das nicht zum Weinen wäre. Die US-Fernsehgesellschaft Fox News hat das Interview mit einem kleinen zwölfjährigen Mädchen und dessen Tante gezeigt, die Zeugen des Überfalls der georgischen Truppen auf Südossetien waren. Sie waren zu einer Live-Sendung ins Fox-News-Studio eingeladen worden. Sobald sie aber begonnen haben, davon zu sprechen, was sie wirklich gesehen haben, hat man sie faktisch daran gehindert. Und danach versucht noch jemand uns davon zu überzeugen, dass wir keine Pressefreiheit haben, während diese im Westen existiert. Wissen Sie, dass ist sogar nicht einmal interessant.

    Was aber kriminelle Fälle und die gegen konkrete Personen, darunter auch Journalisten, begangenen Verbrechen anbelangt, so werden sie alle ermittelt. All diese Fälle werden mit Sicherheit zum Abschluss führen. Daran können keine Zweifel bestehen.

    Frage: Ich verstehe Ihre Antwort. Andererseits kann man schwer annehmen, dass alle Medien einstimmig die gleiche Version verbreiten würden. Sie haben natürlich Fox News als Beispiel angeführt. Es gab aber auch andere Sender, die den Massen einen anderen Standpunkt präsentierten.

    Putin: Das taten sie nicht. Am ersten Tag haben sie acht Stunden lang überhaupt geschwiegen, als ob überhaupt nichts geschehe. Und ich kann Ihnen auch sagen warum. Weil sie die Resultate dieser Aggression abgewartet und gedacht haben, dass sie für die Abenteurer, die sie gestartet hatten, erfolgreich enden könnte. Sobald aber die russische Armee effektiv zu operieren begonnen hat, wurde die ganze Propaganda-Maschine in eine andere Richtung gelenkt: „unverhältnismäßige Gewaltanwendung“, „Schläge gegen zivile Objekte“, „Flüchtlinge“ und „Russlands imperiale Ambitionen“. Sie haben einfach die Ursache vergessen, sie haben vergessen, wer diese Situation verursacht und provoziert hatte, wer sich aufgerüstet und Südossetien überfallen hatte. Und da wollen Sie mich noch davon überzeugen, dass dies eine objektive Berichterstattung war? Bitte lassen Sie das.

    Frage: Die Situation an den russischen Börsen wird in letzter Zeit immer schlechter. Es entsteht der Eindruck, dass wir Zeugen einer Abwanderung des ausländischen Kapitals aus Russland sind. Wird das nach Ihrer Meinung weiter so gehen - oder wird Russland den Kreis der Entwicklungsländer verlassen, und es wird weiter positiv laufen?

    Putin: Russland entwickelt sich in einem schnellen Tempo. 2003 habe ich davon gesprochen, dass wir uns mittelfristig die Aufgabe stellen, das Bruttoinlandsprodukt zu verdoppeln. Und wir erreichen dieses Ziel in der Tat: Ende 2009, laut anderen Kalkulationen im ersten Quartal 2010 wird dieses Ziel erreicht.

    Im vergangenen Jahr ist die Wirtschaft um 8,1 Prozent gewachsen. Im ersten Quartal dieses Jahres um acht Prozent. Wir haben aber auch Probleme, die mit der Inflation verbunden sind. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, dass dieses Problem auch für viele europäische Länder aktuell ist.

    In Bezug auf die Höhe ist natürlich der Unterschied bei der Inflation groß. Es geht aber nicht um die Höhe der Inflation, sondern darum, dass einige Länder Europas eine bestimmte Barriere überschritten haben.

    Im Laufe einer längeren Zeit hatten wir eine absolute Kapitalflucht aus Russland in Höhe von 15 bis 25 Milliarden Dollar im Jahr gesehen. Im vergangenen Jahr hatten wir einen Netto-Zustrom von 81 Milliarden. Keine Kapitalflucht, sondern ein Kapitalzustrom. In diesem Jahr registrieren wir ebenfalls einen Zustrom des ausländischen Kapitals. Der ist zwar geringer als im vergangenen Jahr, offen gesagt, brauchen wir aber einen derart großen Zustrom wie im Vorjahr nicht, weil er zusätzliche Inflationsprobleme bereitet und einen Zuwachs der Geldmenge in der Wirtschaft verursacht. Im ersten Halbjahr hatten wir einen instabilen Trend beobachtet - mal ein Kapitalabfluss, mal ein Kapitalzustrom, mal wieder ein Abfluss.

    Bereits vor den Ereignissen im Kaukasus haben wir einen gewissen Abfluss des Kapitals beobachtet, das in unsere Wirtschaft gekommen war. Dies ist aber nicht mit Problemen der Wirtschaft Russlands, sondern mit Problemen der Wirtschaft des Westens und mit der unzureichenden Liquidität des westlichen Finanzmarktes verbunden. Es entstand ein Bedarf an den Geldmitteln, die gerade aus der westlichen Wirtschaft in unsere Wirtschaft zugeflossen sind. Das gilt nicht nur für den russischen Markt, sondern auch für viele andere Entwicklungsmärkte. Dort waren dieselben Prozesse im Gange.

    Wir hatten weder eine Liquiditätskrise noch eine Hypothekenkrise, wie diese mancherorts in Europa und in Amerika verlaufen ist. Wir hatten sie vermeiden können. Bei Ihnen hat es aber diese Krise gegeben. Wenn schon nicht in Frankreich, dann in einigen europäischen Ländern und in den USA. Und diese Krise dauert an. Wir haben sie aber nicht und es wird sie, so hoffe ich, auch nicht geben.

    Ein Unterpfand für meine Zuversicht sind die Kennziffern der russischen Wirtschaft und ein gesunder Verstand bei der Umsetzung der Wirtschaftspolitik.

    Wir hatten einen Haushalts- und einen Einnahmenüberschuss im Außenhandel. Bei uns ist ein ständiges Wachstum der Gold- und Devisenreserven zu beobachten, die sich bereits auf mehr als 500 Milliarden Dollar belaufen. In diesem Bereich liegt Russland an dritter Stelle in der Welt hinter China und Japan.

    Bei aller Bescheidenheit im Bereich der Lösung der sozialen Probleme beobachten wir dennoch einen Aufwärtstrend bei den Einnahmen der Bevölkerung. Im ersten Halbjahr sind die Realeinkommen der Bevölkerung um mehr als sieben Prozent und die Reallöhne beinahe um 13 - um 12,7 bis 12,8 Prozent - gestiegen.

    Trotz gewisser Schwankungen des so genannten Spekulationskapitals belief sich der generelle Zuwachs der Investitionen ins Grundkapital im ersten Halbjahr auf 14,5 bis 14,6 Prozent. Das ist eine überaus stattliche Kennziffer. In dieser Hinsicht ist Russlands Wirtschaft gerade die so genannte „stille Bucht“ für die ausländischen Investitionen, und wir werden diesen Prozess mit allen Mitteln fördern.

    Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich Ihnen das gesagt habe oder nicht: Im ersten Halbjahr haben die ausländischen Investitionen 46,5 Milliarden Dollar betragen.

    Frage: Herr Ministerpräsident, in den Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern ist die gute Tradition der Aufrechterhaltung sehr guter Beziehungen zu verzeichnen. In einigen Tagen wird hier in Sotschi eine Sitzung der Regierungskommission stattfinden, an denen Sie und der französische Premierminister Francois Fillon teilnehmen werden.

    Was glauben Sie: In welchem Tempo werden Sie diese Beziehungen fortsetzen bzw. verbessern und das Tempo der Zusammenarbeit, unter anderem in der Wirtschaft, steigern?

    Putin: Ja, Frankreich ist zweifellos einer der privilegierten Partner Russlands. Gerade deshalb haben wir eine Reihe von für uns strategisch wichtigen Entscheidungen bezüglich der Zulassung französischer Unternehmen u. a. zum Energiesektor der russischen Wirtschaft, zur Förderung der fossilen Rohstoffe, getroffen.

    Nicht schlecht entwickeln sich unsere Beziehungen in der Raumfahrt und sogar im militärtechnischen Bereich.

    Ich würde es sehr wünschen, dass wir unser Zusammenwirken durch High-Tech-Wirtschaftsbereiche erweitern.

    Bei uns sind Gaz de France und Total auf dem Shtokman-Vorkommen tätig. Wie Sie wissen, wurde ein entsprechender Beschluss vor einer gewissen Zeit getroffen. Wie ich denke, ist das ein sehr gutes Signal für die europäischen Abnehmer unserer Energieträger. Das ist sehr wichtig.

    Nicht weniger wichtig ist auch die Arbeit in den High-Tech-Bereichen. Ich hoffe, dass wir dort viele Berührungspunkte haben werden.

    Wir haben sehr viele noch nicht genutzte Reserven. Leider liegt Frankreich vorerst hinter unseren anderen europäischen Partnern beim Umfang der Handels- und Wirtschaftskontakte mit Russland.

    Diese Probleme sind durchaus lösbar. Probleme gibt es ja eigentlich keine. Man muss nur nach zusätzlichen Möglichkeiten suchen, und diese haben wir.

    Wir erwarten Herrn Fillon und seine Kollegen in Russland und sind zuversichtlich, dass dies ein konstruktiver und sehr produktiver Dialog sein wird.

    Frage: Herr Premierminister, darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen? Wie gestalten sich die Beziehungen zwischen dem neuen Regierungschef und dem neuen russischen Staatschef?

    Putin: Meine Beziehungen zu Präsident Medwedew bestehen schon seit langem. Er und ich arbeiten bereits seit 17 Jahren zusammen. Er ist ein überaus anständiger Mensch und in professioneller Hinsicht gut vorbereitet.

    Das sage ich absolut verantwortungsbewusst, weil er über längere Zeit die Administration des Präsidenten der Russischen Föderation geleitet hat, als ich Russlands Präsident war. Er war in die Lösung vieler Probleme und in die Vorbereitung vieler Fragen der Innen- und der Außenpolitik involviert.

    Der Aufgabenbereich des Regierungsvorsitzenden ist sehr groß. Das sind Fragen der Wirtschaft und des sozialen Bereichs, das sind Gesundheitswesen, Bildungswesen u. a. Das sind die Perspektivpläne der Wirtschaftsentwicklung bis zum Jahr 2020.

    Herr Medwedew und ich haben im Voraus gewusst, dass eine der Angriffsfronten gegen ihn darin bestehen wird, dass man versuchen würde, ihn als nicht selbständig hinzustellen. Das hatten wir sehr gut gewusst und schon vor einem Jahr darüber gesprochen. So geschah es auch.

    Ich versichere Ihnen aber, dass sowohl ich als auch Präsident Medwedew darauf moralisch bereits vorbereitet waren. Es war nicht schwer, dies schon vor einem Jahr und vor einem halben Jahr im Voraus zu kalkulieren.

    Alle Spekulationen zu diesem Thema, die es gibt, entbehren jeder Grundlage. Der Regierungsvorsitzende hat seinen Zuständigkeitsbereich, der recht groß ist. Auch der Präsident hat seinen Zuständigkeitsbereich, der von der Verfassung vorgesehen ist. Der Präsident ist die Schlüsselfigur im politischen System Russlands. Und Präsident Medwedew wird mit dieser Arbeit fertig.

    Das hindert ihn nicht daran, das Parlament des Landes und die Mitglieder des Sicherheitsrates der Russischen Föderation zu Rate zu ziehen. Die endgültigen Entscheidungen zu den zentralen Fragen der Entwicklung des Landes und zu den internationalen Angelegenheiten liegen aber in den Händen des Präsidenten der Russischen Föderation.

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