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    Münchner Abkommen: Russischer Geheimdienst bringt neue Details ans Licht

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    MOSKAU, 29. September (Valeri Jarmolenko, RIA Novosti). Der russische Auslandsnachrichtendienst SWR hat sein Geheimarchiv geöffnet und unbekannte Dokumente zum Münchener Abkommen von 1938 zugänglich gemacht.

    „In den frei gegebenen Dokumenten sind politische Prozesse vor und nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens am 30. September 1938 festgehalten worden“, sagte SWR-Sprecher Sergej Iwanow zu RIA Novosti.

    Unser Korrespondent bekam die seltene Gelegenheit, sich mit Dokumenten, die seit 70 Jahren unter Verschluss im Archiv des Nachrichtendienstes lagen, vertraut zu machen. Sie zeigen, wie die politische Führung der UdSSR über die Vorbereitung des Treffens zwischen Adolf Hitler und Benito Mussolini einerseits und Neville Chamberlain und Edouard Daladier andererseits informiert wurde.

    In den streng geheimen Papieren wurden Prognosen gemacht, wie sich dieses Ereignis auf die militärische und politische Lage in Europa auswirken würde. Aus den Dokumenten ist ersichtlich, wie groß der Druck war, den Großbritannien und Frankreich auf die damalige Tschechoslowakei ausübten, nur um Prag dazu zu bewegen, Teile seines Territoriums an Deutschland abzutreten. „Moskau erhielt regelmäßig Berichte darüber, wie hartnäckig der britische und der französische Botschafter in Prag versuchten, dem Präsidenten der Tschechoslowakei den Gedanken nahe zu bringen, die Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland sei unbedingt notwendig. Außerdem hat man der tschechoslowakischen Führung mehrmals vorgeschlagen, die Beistandsverträge mit anderen Staaten aufzukündigen“, erzählte Iwanow.

    In einem freigegebenen unter der Nummer 8604 registrierten Memorandum, das durch die Aufklärungskanäle von Prag nach Moskau einige Tage vor der Unterzeichnung des Abkommens übermittelt wurde, wird folgendes berichtet: „Am 19. September haben der britische Botschafter Newton und der französische Botschafter De Lacroix im Auftrag des britischen Premiers Chamberlain dem tschechoslowakischen Ministerpräsidenten Milan Hodza folgendes mitgeteilt: 1. Sich nach hohen Prinzipien der Friedenssicherung in Europa richtend, halten sie es für unumgänglich, das Sudetenland an das Deutsche Reich anzuschließen. Das System der Beistandsverträge, die von Tschechoslowakei mit anderen Staaten abgeschlossen wurden, ist ab sofort annulliert. Im Gegenzug verpflichten sich alle benachbarten Staaten, einschließlich Großbritannien und Frankreich, die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen zu garantieren.“

    So wurden im Grunde genommen alle Elemente des kollektiven Sicherheitssystems vernichtet - jenes Systems, das es ermöglichen hätte können, dem Aggressor in Europa Einhalt zu gebieten. Die westlichen Politiker haben es hinter dem Rücken der UdSSR gemacht, wohl wissend, dass Moskau Beistandsverträge mit Prag und Paris hatte.

    Außerdem geben die freigegebenen Dokumente des Auslandsnachrichtendienstes Auskunft über die Details des Briefwechsels zwischen den europäischen Botschaften und den entsprechenden Auswärtigen Ämtern.

    So schickte der britische Botschafter in Warschau dem Foreign Office ein Telegramm, dass Polen im Falle einer deutschen Invasion der Tschechoslowakei die Region rund um die Stadt Cieszyn (Teschen) annektieren würde, was auch geschah. Polen bekam Rückendeckung aus Berlin und beteiligte sich an der Aufteilung von Tschechoslowakei. Später wurde Polen selbst Opfer einer deutschen Invasion.

    „Die Sowjetunion war bekanntlich bereit, Prag zu unterstützen, doch die offizielle politische Führung der Tschechoslowakei, offensichtlich wegen des britischen und französischen Drucks, konnte sich nicht dazu entscheiden, Moskau um Hilfe zu bitten“, erinnert der SWR-Sprecher.

    Die geopolitische Lage in Europa nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens war Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit in den europäischen Hauptstädten, und die sowjetischen Nachrichtendienste berichteten darüber regelmäßig. „Bereits im November 1938 meldeten einige diplomatische Missionen an ihre Auswärtigen Ämter, dass Großbritannien und Frankreich einer deutschen Expansion nach Osten nicht im Wege stehen würden“, bemerkt Iwanow.

    SWR-Generalmajor Lew Sozkow war zuständig für die Zusammenstellung und Auswertung neuer Dokumente. Er ist überzeugt, dass das Münchener Abkommen das gesamte Sicherheitssystem in Europa zum Einsturz brachte und dem Zweiten Weltkrieg den Weg bereitete.

    Sozkow ist Mitarbeiter des Auslandsnachrichtendienstes seit 1956, arbeitete sowohl im Ausland als auch in Moskau. Derzeit forscht er in Archiven und untersucht die Geschichte des russischen Nachrichtendienstes. Zudem schrieb der Generalmajor Bücher wie „Operation Tarantella“, „Unbekannter Separatismus“, brachte einen Sammelband mit Dokumenten zum Thema „Baltische Staaten und Geopolitik“ heraus.

    Nach Angaben von Sozkow erlauben die zugänglich gemachten Dokumente die Rolle der Großmächte und derer Führer in den politischen Prozessen in Europa seit dem Ende der 30er Jahre neu zu betrachten und zu bewerten. „Besonders wertvoll sind Dokumente, die unmittelbar nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens erhalten wurden, denn dort wird die Lage in Europa nach der Unterzeichnung eingehend analysiert. Die Position Großbritanniens wird dadurch besonders klar, denn London versuchte nach Kräften sowohl Deutschland als auch die UdSSR in eine aktive bewaffnete Auseinandersetzung reinzuziehen“, so Sozkow.

    In einem an Stalin adressierten Bericht vom 21. Dezember 1938 analysiert Lawrenti Berija, mächtiger Chef der sowjetischen Nachrichtendienste, Dokumente, die von Agenten im Ausland abgefangen wurden. Darunter sind beispielsweise Mitteilungen aus den diplomatischen Missionen Finnlands in London, Paris und Warschau. Das Thema ist immer das gleiche: deutsche Expansion nach Osten und Standpunkte der Herrschenden in Großbritannien, Frankreich und Polen.

    So meldet der finnische Gesandte in London Grippenberg nach Helsinki: „Ich habe hier Meinungen gehört, dass die deutsche Propaganda in Sachen Herrschaft über Kolonien in Wirklichkeit eine Tarnung ist. Das ist, wie die Engländer zu sagen pflegen, ein Nebelschleier, unter diesem Schleier aber werden Pläne geschmiedet in Bezug auf die sowjetische Ukraine. Hitler selbst sagte dem französischen Botschafter François-Poncet, Deutschland denke überhaupt nicht an Kolonien.“

    Später, am 25. November, berichtete Grippenberg, dass während einer Unterredung mit einem britischen Kabinettsmitglied sein Gegenüber sagte, England und Frankreich würden Deutschlands Expansion in Richtung Osten nicht im Wege stehen. „Die Position Englands lässt sich wie folgt beschreiben - warten wir mal ab, bis ein großer Konflikt zwischen Deutschland und der UdSSR entsteht“, heißt es in diesem geheimen Dokument.

    Sozkow kommentiert diese Zeilen und sagt, dass Moskau, obwohl die Lage denkbar ungünstig war, doch versuchen wollte, irgendein gegen Deutschland gerichtetes Staatenbündnis zu organisieren. Letztendlich wurden London und Paris regelrecht durch die sowjetischen Bemühungen dazu gezwungen, Delegationen nach Moskau zu entsenden, um entsprechende Verhandlungen aufzunehmen.

    „Moskau informierte ausführlich über die zur Verfügung stehenden und eventuell gegen Deutschland einsetzbaren Ressourcen. Im Falle eines Abkommens mit Frankreich und Großbritannien wäre Moskau bereit, 120 Infanteriedivisionen, 16 Kavalleriedivisionen, 5000 Panzer und genauso viel Kampfflugzeuge bereitzustellen“, so Sozkow. Und doch verliefen die Verhandlungen mit Paris und London im Sande. Es sei klar gewesen, dass diese Großmächte eigene Aufgaben ins Auge gefasst hätten, sagt der SWR-Experte.

    Die freigegebenen Dokumente zeigen deutlich, dass die Machtoberen in Frankreich und Großbritannien sehr wohl wussten, dass ihre Position Moskau in die Enge treibt, und dass Stalin gezwungen sein wird, mit den Deutschen zu verhandeln.

    Letztendlich haben Moskau und Berlin einen Nichtangriffspakt unterschrieben. Dadurch konnte die Sowjetunion ihre Grenze noch mehr nach Westen verschieben und zusätzliche Zeit bekommen, um sich besser zur Abwehr der Aggression vorzubereiten, so Sozkow.

    „Es wurde klar, dass die Politik der Besänftigung Hitlers nicht greift, dass die Zugeständnisse die Begehrlichkeit des Aggressors nur größer machten. All das veranlasste damals die Führung in Moskau Mittel und Wege zu suchen, um die Sicherheit des eigenen Landes in der realen Lage in Europa zu gewährleisten“, sagte der Experte.

    „Westliches respektive Münchener Modell der Besänftigung hat nicht funktioniert, denn der Krieg begann schlussendlich im Westen. Frankreich warf das Handtuch, die Regierung in England wurde ausgewechselt, und die Schaffung der Anti-Hitler-Koalition wurde erst später vollzogen, auf der Grundlage der Vorschläge, die Moskau bereits 1935 machte. Diese Koalition bestand bekanntlich aus den USA, England und der UdSSR, später stieß auch Charles de Gaulles Frankreich dazu“, erinnert Sozkow.

    Ihm zufolge erlauben die Ereignisse rund um das Münchener Abkommen, sowie die jüngsten Ereignisse auf dem Balkan und im Kaukasus einige Lehren zu ziehen.

    „Zunächst einmal es ist nicht zulässig, den Aggressor direkt oder indirekt zu ermutigen, weiter zu machen, egal wie groß oder klein er ist. Es gibt ein Land, die USA, die bestrebt sind, die Weltherrschaft zu erlangen. Dabei ist es egal, welches Modell dabei eingesetzt wird - das von Hitler oder das von George W. Bush - denn dann entsteht die Gefahr einer Aggression. Gelingt es nicht, diese Aggression zu zügeln, gerät die Region, und sogar der ganze Kontinent in Gefahr“, bemerkt der General.

    Eine zweite Lehre besteht darin, dass Europa ein neues kollektives Sicherheitssystem brauche, so Sozkow weiter. „Das System der Blöcke funktioniert nicht, die Lehre aber bleibt dennoch unbeherzigt - die USA versuchen, statt den Aggressor in Gestalt von Georgien zu zügeln, Russland zu umkreisen“, fasst der SWR-Mitarbeiter zusammen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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