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    Stalin als Georgiens Sündenbock des Südossetien-Konflikts

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    MOSKAU, 07. Oktober (Bessik Pipija, RIA Novosti). Georgiens Spitzenpolitiker scheinen langsam den Schuldigen für die neuesten Konflikte in dem kaukasischen Staat gefunden zu haben.

    Das ist Josef Stalin. Konkret: Seine Statue in der Stadt Gori.

    „Die heldenhaften Einwohner von Gori, die sich in diesem Sommer dem Imperium die Stirn geboten haben, das seinerzeit vom ethnischen Georgier Stalin errichtet worden war, haben es nicht verdient“, dass das Stalin-Denkmal, das im Stadtkern von Gori steht, seinen Platz auch in Zukunft behält, meinte der georgische Vizepremier Georgi Baramidse.

    Die Stalin-Statue ist die einzige, die in Georgien noch geblieben ist. Im Zuge der Entstalinisierung 1956 wurden die Stalin-Denkmäler in der ganzen Sowjetunion, darunter auch in Georgien, abgerissen.

    In der Hauptstadt Tiflis war es allerdings mit gewissen Problemen verbunden. Dort haben die Einwohner die drei Stalin-Denkmäler rund um die Uhr vor der Demontage verteidigt. Die Behörden mussten die Demonstranten mit einem „Atomwaffen-Alarm“ von der Straße wegscheuchen, um die Plastiken ungestört abtragen zu können.

    Als aber die Tifliser nach der „Entwarnung“ ihre Schutzkeller verließen und die leeren Sockel sahen, brach eine Revolte aus. Auf dem zentralen Rustaweli-Prospekt versammelten sich viele Tausende, die ihren mächtigen Landsmann wieder auf den Podesten sehen wollten. Konzipiert wurde sogar ein Brief an die UNO mit der Bitte, Georgiens Unabhängigkeit und Austritt aus der UdSSR anzuerkennen.

    Um die Demonstranten auseinander zu treiben, setzten die Behörden Truppen des Transkaukasischen Militärbezirks ein. Rund 150 Menschen kamen ums Leben. Die Zeitungen berichteten am nächsten Tag kurz über „Umtriebe nationalistischer Kräfte, die aus dem Ausland unterstützt wurden“.

    Das einzige Denkmal, das die Sowjet-Epoche überlebt hat, steht nun bis heute in Stalins Heimatstadt Gori. Während der Entsowjetisierungskampagne Anfang der 90er Jahre, als im gesamten postsowjetischen Raum, darunter auch in Georgien, die zahlreichen Lenin-, Marx- und sonstige Denkmäler abgerissen wurden, verteidigten über 1000 mit Knüppel, Eisenstangen und Jagdflinten bewaffnete Stadteinwohner die Statue für den Mann, der „die Stadt Gori weltberühmt gemacht hatte“.

    Wie den Beobachtern erst jetzt aufgefallen ist, schaut der bronzene Riese in Richtung Zchinwali. Auf einmal wird Stalin zu einem Feind des georgischen Volkes erklärt. Und das nicht ganz ohne Grund.

    Nach dem Zerfall des Zarenreichs entstand 1918 eine unabhängige demokratische Republik Georgien, die dann drei Jahre lang existierte. Von Stalin wurden die georgischen Osseten dreimal zu Aufständen gegen die sozialdemokratische Regierung in Tiflis aufgewiegelt. Sie nahmen die Stadt Zchinwali ein und verkündeten dort die Sowjetmacht.

    Nachdem die Demokratische Republik Georgien von der Roten Armee bezwungen wurde, gründete Genosse Stalin 1922 als Dank an die Osseten das Autonome Gebiet Südossetien. Die Südosseten „bedankten sich“ dafür mit einer Umbenennung der Stadt Zchinwali in Staliniri. Diesen Namen trug die Stadt bis zur Entstalinisierung Mitte der 50er Jahre.

    Viele in Georgien sind der Ansicht, dass es kein Südossetien-Konflikt gegeben hätte, hätte es Stalin nicht gegeben. Gemäß dieser Logik ist Stalins Mutter, Jekaterina Geladse, am Verlust eines Teils des Landesterritoriums schuld. Jedenfalls hatte Michail Saakaschwilis enger Mitstreiter Gigi Bokerija, heute Vizeaußenminister Georgiens, zuvor bereits gemeint, dass Frau Geladse aus dem Pantheon Mtazminda, wo die bedeutendsten Söhne und Töchter des georgischen Volkes beigesetzt sind, verschwinden sollte.

    Das Stalin-Denkmal in Gori soll allerdings nicht einfach entsorgt, sondern ins entstehende „Museum der russischen Okkupation im 21. Jahrhundert“ verlegt werden. Vor einigen Jahren war in Tiflis bereits ein Museum der sowjetischen Okkupation eröffnet worden, dessen Besuch jetzt zum Pflichtprogramm für die ausländischen Delegationen gehört.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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