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    “Politische Chirurgie“ in Georgien und der Ukraine

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    KIEW, 21. November (Dmitri Wydrin für RIA Novosti). In den Spätherbst fällt ein Jahrestag der "bunten Revolutionen", den die Regierungen Georgiens und der Ukraine als Nationalfest feiern.

    Obwohl das Pathos der Feierlichkeiten von Jahr zu Jahr abnimmt, haben die zwei Länder eine Art kaukasisch-ukrainischen "revolutionären Kreidekreis" gebildet.

    Neue Politik: Skalpell statt Therapie

    Die Tatsache, dass vor fünf Jahren zuerst in Georgien und dann in der Ukraine ein grundsätzlich neues Modell der Politik für die postsowjetischen Länder erprobt wurde, ist bisher noch nicht richtig erkannt worden. Der Sinn des Modells besteht darin, die Grundpostulate für die Verwaltung der modernen Gesellschaft, vor allem die Abstimmung der gesellschaftlichen Interessen, abzulehnen.

    Die Ereignisse, die wir hier analysieren, wurden ebendeshalb als "Revolutionen" bewertet, weil sie die Interessen der verschiedenen sozialen, nationalen und konfessionellen Schichten nicht "zusammenknüpften", sondern einfach jene abschnitten, die der revolutionären Führung schädlich oder überflüssig schienen.

    Jede Revolution zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Zeit nicht für "feine Materien" vergeudet. Die Revolution braucht nicht komplizierte Methoden zur Diagnostizierung und Behandlung der gesellschaftlichen Prozesse, sondern nur das zuverlässige "Skalpell" zum Abschneiden alles Problembeladenen und Fremden.

    Als solches ideale "Skalpell" tritt gewöhnlich ein charismatischer Führer auf, der zu entschlossenen, bisweilen einfach hysterisch verzweifelten Handlungen fähig ist - Handlungen, die weder durch Gesetz, noch durch die gewohnten Regeln, noch durch die Moral eingeschränkt sind. Die "orange" Ereignisse waren ein gezielter Versuch, die Entwicklungsdynamik der postsowjetischen Länder aus einem etwas schlaffen, doch natürlichen Prozess in das künstliche und gesteuerte Revolutionssystem zu überführen.

    Bisher unklar bleibt allerdings, warum die wichtigsten Auftraggeber, Berater und Manager der "bunten" Revolutionen - westliche offizielle und informelle Organe von Macht und Einfluss - für ihre politischen Experimente ausgerechnet Georgien und die Ukraine auswählten. Beide Länder trieben ohnehin gehorsam im Fahrwasser der westlichen Politik. Die Regierungen von Kutschma und Schewardnadse erhoben den Eurozentrismus und Proamerikanismus zur offiziellen außenpolitischen Doktrin ihrer Länder, worin der Nato-Beitritt als Rückgrat der staatlichen Sicherheit galt. Nicht gering ist der "persönliche Beitrag" dieser Staatsführer auch zur Schaffung der Atmosphäre einer vielschichtigen Russophobie.

    Dennoch schreckte der Westen - in Gestalt seiner offiziellen Organisationen, gesellschaftlichen Stiftungen und Bürgerinitiativen - nicht vor einem beträchtlichen organisatorischen und finanziellen Aufwand zurück, um eine Methode zum radikalen Wechsel der für sie offensichtlich günstigen Führer zu finden.

    Am ehesten liegt der Grund darin, dass nach Ansicht der westlichen Polittechnologen die alten "Kader" mit sowjetischen Wurzeln - und seien sie den "westlichen Werten" noch so sehr zugetan, aber mit wenig Persönlichkeit und ausdruckslos - nicht mehr als adäquate Partner und Akteure in den globalen Politik-Shows dienen konnten. Erst recht wenn es galt, bei gemeinsamen Treffen und gleichen Gelegenheiten "live" zu spielen, bei Direktübertragungen zu sprechen usw.

    Somit waren die "bunten Revolutionen" eine gesetzmäßige Antwort auf den sozialem Auftrag des Westens, neue, "chirurgische" Mechanismen des Machtwechsels zu finden. Besonders dann, wenn die traditionellen Methoden der "Heilung" des gesellschaftlichen Organismus viel zu langsam schienen.

    „Binäre“ Charismatiker

    Die bunten Revolutionen blieben denn auch in Ländern liegen, in denen ihre Organisatoren die charismatische Aura ihrer Betreiber überschätzten. In Georgien und der Ukraine aber ging das recht erfolgreich vor sich. In der Ukraine ergab sich das Charisma ihres wichtigsten Politikers, wie dramatisch das auch sein mag, aus seiner grausamen Krankheit.

    Eben damals, zwischen Leben und Tod schwebend und nach dem Verlust seiner besonderen männlichen Eitelkeit wie eines Hollywood-Beaus zeigte sich der konservative und konformistische Viktor Juschtschenko zu allen Risiken bereit. Es mag grausam wirken, aber die Krankheit selbst gewährte Juschtschenko gleichsam einen Straferlass zu beliebigen Handlungen.

    In Fall Saakaschwili stammte der Straferlass eher von seinen äußeren Gönnern, die ihm einen keineswegs fatalen, vielmehr den für die Karriere, Finanzen usw. günstigsten Ausgang garantierten.

    Es heißt, dass es keine Revolutionäre gäbe, wären sie nicht von ihnen nahe stehenden Frauen inspiriert. In unserem Fall hatten beide Politiker unwahrscheinliches Glück. Sie hatten ihre Musen "im Familienkreis": Frauen, die psychologisch und ideologisch den von diesen Männern gewählten Weg voll teilten, und sie hatten auch "politische Musen" in Gestalt der Partner.

    Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass sich weder Saakaschwili noch Juschtschenko zu radikalen Handlungen entschlossen hätten, wenn den einen nicht ständig und resolut die "eiserne" Nino Burdschanadse und den anderen die "ungestüme" Julia Timoschenko vorwärts gestoßen hätten.

    Die komplizierte Kombination von solcherart Faktoren war wohl der Grund dafür, dass die "orange" Revolutionen nicht auf dem ganzen postsowjetischen Versuchsgelände vervielfältigt werden konnten. Eine Zeitlang schien es, als seien sowohl ein "Mann" (Nemzow) als auch eine "Frau" (Irina Chakamada) gefunden worden, aber sie verwechselten ihre Rollen. Danach war es zu spät, weil sich der Zyklus der geforderten Revolutionen seinem Abschluss näherte.

    Nicht zu Ende gebrachte Revolutionen

    Jede Revolution ist in ihrem Wesen eine Methode zur Umverteilung des Eigentums. Die Revolution geht zu Ende, sobald das Eigentum umverteilt worden ist. In der georgischen und der ukrainischen Variante wurden die Revolutionen faktisch zum Stillstand gebracht, als die Umverteilung der finanziellen Ströme und der Aktiva auf der Ebene der höchsten Elite stattgefunden hatte (die Umgebung der Präsidenten und Regierungschefs, die einflussreichsten Politiker der Parlamentsfraktionen und die Leiter der Sicherheitsstrukturen).

    Möglicherweise war es nicht die Schuld, sondern einfach die Schwäche der siegreichen "orange" Führer, dass sie oder ihre nächste Umgebung, noch ganz heiß von den zornigen Reden gegen die Oligarchen, über Nacht zu deren Mitbeteiligten und Partnern bei Gas-, Öl-, Energie- und sonstigen Geschäften wurden.

    In einer solchen Situation bestand die Möglichkeit eines "schönen Abgangs" und des Abweichens von den revolutionären Paradigmen, die Führer hätten sich reibungslos in Reformer verwandeln können und ihre Aufmerksamkeit zunehmend nicht auf die Suche nach Feinden, sondern auf die Probleme der Transformation der Gesellschaft konzentrieren können. Zu einer solchen Mutation sollte es nicht kommen. Das revolutionäre Wesen zerfraß sich allmählich von innen.

    Heute beginnt in beiden Ländern eine dramatische Phase, da die "binären“ Charismatiker versuchen, die Interessen ihrer organischen Hälfte zu verwerfen.

    Deshalb wird das ganze nächste Jahr in Georgien am wahrscheinlich im Zeichen der schwerwiegenden Frage "Wer wen?" stehen: Siegt Saakaschwili oder Burdschanadse? In der Ukraine heißt es entsprechend: Juschtschenko oder Timoschenko? Dramatisch ist, dass es sich um einen tödlichen Kampf von siamesischen Zwillingen handelt: Der Sieg des einen und der Untergang des anderen bedeutet sowieso den Untergang auch des Siegers.

    "Bunte" Evolution

    Dank ihrer spannungsgeladenen Atmosphäre und der emotionalen Komponente stellten die bunten Revolutionen eine politische "Starfabrik" dar. Es erwies sich jedoch, dass das Produkt bei der Antwort auf die aktuellen Herausforderungen der Zeit, erst recht der schweren Krisenzeit, inhaltlich ineffektiv ist. Die Ereignisse der letzten Monate in den führenden Ländern der Welt haben im Prinzip vor Augen geführt, nach welchem Typ der Eliten am ehesten die Nachfrage bestehen wird. Nicht eine karnevalistisch bunte Form, sondern ein methodischer, politisch-konservativer Inhalt wird denn auch zum Hit der anbrechenden globalen politischen Saison werden.

    Ein solches Modell wird von den Gesetzgebern der weltweiten politischen Mode - vor allem US-Präsident Barack Obama und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy - probeweise bereits vorgeführt, und Russlands Präsident Dmitri Medwedew schaut es sich offenkundig genauer an.

    Dass dieses Modell in der ganzen Welt populär sein wird, löst keine Zweifel mehr aus. Wenn es aber noch dazu seine Effektivität beweist, muss sich die gesamte politische Welt auf globale Veränderungen gefasst machen. Darunter natürlich auch der georgisch-ukrainische, künftig möglicherweise evolutionäre "Kreidekreis".

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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