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    War die Hungersnot in der Ukraine ein Völkermord?

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    Die Ukraine begeht den 75. Jahrestag der Hungersnot, die von den ukrainischen Politikern als Holodomor bezeichnet wird.

    MOSKAU, 21. November (Dr. sc. Viktor Kondraschin für RIA Novosti). Die Ukraine begeht den 75. Jahrestag der Hungersnot, die von den ukrainischen Politikern als Holodomor bezeichnet wird.

    In Russland sind bislang keine wissenschaftlichen Abhandlungen veröffentlicht worden, die die Hungersnot von 1932-1933 in der Ukraine behandeln. Und das ist ganz selbstverständlich. Denn die russischen Historiker erforschen den „Holodomor" in allen Regionen der ehemaligen UdSSR.

    Für uns ist daher klar, dass die ukrainischen Forscher, die die Geschichte der Hungersnot ausschließlich als einen Völkermord an den Ukrainern bezeichnen, politisch engagiert und nicht unvoreingenommen sind. Ich und viele andere Historiker treten entschieden gegen diese vorgefasste und politisch instrumentalisierte Fragestellung auf.

    Die Ereignisse in der UdSSR von 1932 -1933 dürfen nicht unsere Völker trennen, sie sollen die Völker Russlands und der Ukraine vereinen, denn das war unsere gemeinsame Tragödie. Die Lehren daraus sollten die Freundschaftsbande zwischen Russen und Ukrainern stärken, insbesondere in der schweren Zeit der Entstehung einer neuen Staatlichkeit.

    Doch die ukrainischen Anhänger eines Holodomor-Konzepts halten die Hungersnot für ein spezifisch ukrainisches Phänomen und bezeichnen es als einen „Akt des Völkermords am ukrainischen Volk“, wissentlich herbeigeführt durch das Stalin-Regime.

    In Wirklichkeit aber muss man diese Hungersnot als eine Konsequenz der Fehlkalkulationen der Politik Stalins betrachten. Diese Politik ist unzertrennlich mit einem viel größeren Problem der gewaltsamen industriellen Modernisierung der UdSSR Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre verbunden.

    Wie argumentieren die Verfechter der Holodomor-Theorie? Sie sagen, dass die Maßstäbe der Hungersnot und die Zahl derer Opfer in der ehemaligen sowjetischen Ukraine eine viel größere Dimension hatte, als die Hungersnot in anderen vergleichbaren Regionen der ehemaligen UdSSR, wie zum Beispiel im Wolgagebiet.

    Doch die Verfechter der Holodomor-Theorie haben keine Dokumente, anhand derer man belegen könnte, dass die politische Führung in Moskau, und Stalin persönlich, das Ziel gehabt hätten, gerade das ukrainische Volk auszulöschen. Dies zeigen auch die Ergebnisse der Arbeit der Internationalen Kommission zur Erforschung der Hungersnot in der Ukraine 1932-1933.

    Nach der eingehenden Untersuchung aller ihr zur Verfügung gestellten Dokumente, der Zeugenaussagen und der Meinungen der Forscher ist die Kommission zu dem Schluss gekommen, dass es nicht möglich sei, einen vorsätzlichen Plan zur Herbeiführung einer Hungersnot in der Ukraine für die Sicherstellung des Erfolgs der Politik der Machtzentrale in Moskau nachzuweisen.

    Andererseits belegen die wissenschaftlichen Werke des Instituts für Russische Geschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften mit aller Deutlichkeit, dass die Hungersnot 1932-1933 die Folge des gewaltsamen Zusammenschlusses privater landwirtschaftlicher Betriebe zu genossenschaftlichen oder staatlichen (Kolchosen) Betrieben auf dem ganzen Territorium der UdSSR war; also eines Prozesses, der besser als „die Kollektivierung“ bekannt ist.

    Diese Schlussfolgerung wurde anhand früher teilweise nicht zugänglicher Dokumente aus den zentralen und örtlichen Archiven, darunter auch aus dem Zentralarchiv des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, gemacht.

    Die ausländischen Forscher, die sich an der gemeinsamen Arbeit beteiligt hatten, haben zum selben Schluss gelangt - nämlich, dass Stalin die Hungersnot in der Ukraine nicht speziell geplant hat, aber eindeutig auch nichts getan hat, um diese Katastrophe abzuwenden. Bei der Lektüre ausländischer Untersuchungen kann man nicht die Meinungen der Gegner der Holodomor-Theorie außer Acht lassen, wie Stephan Merl (Deutschland), Sheila Fitzpatrick und Mark Tauger (die USA) und viele andere.

    So schreibt beispielsweise Fitzpatrick, dass die Verantwortung für die Hungersnot dem Stalin-Regime in Moskau aufzuerlegen sei, und unterstreicht unter Verweis auf die Werke des Nobelpreisträgers und eines angesehenen Experten in Sachen Hungersnot in der Ukraine, Amartya Kumar Sen, dass die Hungersnot von 1932-1933 eher eine Norm als eine Ausnahme in der modernen Geschichte des Hungers sei.

    Eine Verbindung zwischen der voranschreitenden Industrialisierung der damaligen UdSSR und der Hungersnot ist offensichtlich, wobei diese Besonderheit der sowjetischen Industrialisierung keinesfalls in den Stuben der überzeugten Stalinisten erfunden worden ist.

    Im zaristischen Russland hat man beispielsweise, um die Industrialisierung des Landes voranzutreiben, von 1887 bis 1891 etwa zehn Millionen Tonnen Getreide exportiert. Danach kam die berühmte „Superhungersnot“ in den Jahren von 1891 bis 1892. Von 1930 bis 1933 betrugen die Getreideausfuhren aus der UdSSR fast 13 Millionen Tonnen, daher war logischerweise die Hungersnot in den Getreidegebieten des Sowjetreiches so verheerend.

    Die Theorie „eines durch die Hungersnot herbeigeführten Völkermords“ sieht nicht überzeugend aus, auch wenn man die Politik des Stalin-Regimes vor der Hungersnot und unmittelbar danach in Betracht zieht. Wäre es die Rede von einem richtigen Völkermord gewesen, also von einem Verhalten, das die Nazis in den Juden-Ghettos in Europa während des Zweiten Weltkriegss an den Tag legten, so hätte die stalinsche Führung diese mörderische Politik bis zur einer „Endlösung“ führen müssen.

    Das heißt, sie hätte jegliche Lebensmittellieferungen in die Ukraine endgültig stoppen müssen. Das Gegenteil aber war der Fall! Im Jahr 1933 bekam die Ukraine insgesamt 501 000 Tonnen Getreide in Form eines Darlehens geliefert, was 7,5 Mal mehr war als im Vorjahr (65 600 Tonnen). Die russischen Regionen (ohne Kasachstan) bekamen 990 000 Tonnen, was 1,5 Mal mehr war als im Vorjahr (650 000 Tonnen).

    Wie viel Getreide bekam insgesamt die Ukraine 1933 vom Zentrum? Die Antwort ist: genau soviel wie das ganze Sowjetrussland im Jahr 1922 von allen internationalen Organisationen, die damals sich an der Linderung der Hungersnot in Russland beteiligten, bekommen hatte.

    Warum ausgerechnet die Ukraine? Die Antwort ist auch sehr einleuchtend: Die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik war die Kornkammer des Stalin-Reiches, die Hungersnot bedrohte den rechtzeitigen Abschluss der Aussaat, was natürlich mit allen Mitteln zu vermeiden galt.

    Wenn man die Lage in der Ukraine im Jahr 1932 analysiert, muss man auch die Tatsache im Auge behalten, dass die damalige kommunistische Führung der Ukraine, die maßgeblich zur Verschleierung der Katastrophe beitrug, auch seine Verantwortung für die Hungersnot zu übernehmen hat.

    So schreibt beispielsweise der ZK-Sekretär der ukrainischen Kommunistischen Partei, Stanislaw Kosior, an Josef Stalin am 26. April 1932: „Wir haben Einzelfälle des Hungers, und sogar einige Dörfer, die hungern mussten, doch dies ist ausschließlich auf die Tölpelei und Kopflosigkeit örtlicher Machtorgane und auf deren Überspitzungen und Übergriffe insbesondere in Bezug auf die Kolchosen zurückzuführen. Jedes Gerede über eine Hungersnot in der Ukraine muss eindeutig verworfen werden.“

    Die Geschichtswissenschaftler verfügen über Dokumente, die beweisen und anschaulich zeigen, wie Stalin 1933 eigenhändig eine Getreidelieferung in die Ukraine veranlasste, wobei die russischen Regionen, milde ausgedrückt, zu kurz kamen. Hier nur eine Tatsache. Am 27. Juni 1933 schickte der neue ZK-Sekretär der ukrainischen Kommunistischen Partei Chatajewitsch an Stalin ein chiffriertes Telegramm.

    Dort stand schwarz auf weiß: „Es regnet seit zehn Tagen ununterbrochen, was das Getreide beträchtlich daran hindert, rechtzeitig Reife zu erlangen, was wiederum nicht zulässt, die Einbringung der Ernte fristgerecht in Angriff zu nehmen. In einigen Kolchosen hat man das Brot, das ihnen als Saatgut zugeteilt wurde, entweder bereits aufgegessen, oder man ist gerade dabei, die Reste des Saatguts zu verzerren. Die Lage verschärft sich, was in sich eine Gefahr birgt, insbesondere vor dem Beginn der Ernte. Ich bitte sie, wenn möglich, uns zusätzlich 50 000 Pud (800 Tonnen, 1 Pud = 16 Kilos - Anm. der Red.) Getreide zur Verfügung zu stellen “.

    Auf dem Dokument steht ein charakteristisch lapidarer Beschluss Stalins: “(Es ist) notwendig zu geben“. Zeitgleich aber wurde eine ähnliche Bitte, die aus einer russischen Region am unteren Wolgalauf kam, schroff zurückgewiesen.

    Wichtiges Argument gegen die Völkermord-durch-Hungersnot-Theorie und gegen die Behauptung, die Situation in der Ukraine sei etwas Besonderes gewesen, ist die Tatsache, dass die Hungersnot gleichzeitig dort eingetreten ist, wo eine flächendeckende Kollektivierung durchgeführt wurde.

    Der Mechanismus funktionierte überall auf die gleiche Art und Weise. Als endgültig bewiesen gilt die Tatsache, dass die Hungersnot von 1932-1933 nicht nur die Ukraine, sondern auch die Regionen an den Flüssen Don und Kuban, das Wolgagebiet, Südural, Westsibirien und Kasachstan gleichzeitig heimsuchte.

    Die Völkermord-durch-Hungersnot-Theorie ist auch im Sinne der damaligen demographischen Situation nicht besonders einleuchtend. Statistiken aber belegen, dass die Bevölkerungszahl überall in den Getreide produzierenden Regionen stark rückläufig war. Die Volkszählungen von 1926 und 1937 zeigen genau, wie stark.

    In den Regionen, die von der Hungersnot betroffen waren, verringerte sich die Bevölkerungszahl wie folgt: in Kasachstan um 30,9 Prozent, im Wolgagebiet um 23 Prozent, in der Ukraine um 20,5 Prozent, im Nordkaukasus um 20,4 Prozent.

    Die Volkszählungen belegen auch, dass mindestens vier Regionen der damaligen Russischen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik, und zwar das Gebiet Saratow, die Autonomie der Wolgadeutschen, die Asow- und Schwarzmeerregion sowie Südural viel stärker von der Hungersnot betroffen waren, als die Ukraine. Außerhalb der Ukraine starben zu der Zeit vier bis fünf Millionen Menschen eines Hungertodes.

    Also, wir haben allen Grund zu behaupten, dass die Hungersnot von 1932-1933 auf die bewusst gegen die Bauernschaft gerichtete Politik des Stalin-Regimes, sowie auf dessen Fehlkalkulationen und auf die verbrecherischen Maßnahmen bei der Kollektivierung zurückzuführen sind - auf Maßnahmen also, die letztendlich zum Verfall und Zerfall der Landwirtschaft und zur katastrophalen Hungersnot geführt haben.

    Diese Hungersnot wurde von niemandem extra geplant, doch sie wurde vom Stalin-Regime benutzt, um die Bauern zu zwingen, in die Kolchose zu gehen, um den eingeschlagenen politischen Kurs zu stärken.

    Die Hungersnot hat kein Volk extra als Zielscheibe ausgewählt. Den Völkermord an den Ukrainern gab es nicht, es gab eine gemeinsame Tragödie des russischen und des ukrainischen Volks sowie anderer Bürger des Landes. Schuld daran ist die damalige politische Führung der UdSSR.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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