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    Rätsel gelüftet: CIA half Pasternak bei Gewinn des Nobelpreises

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    MOSKAU, 19. Januar (Anatoli Koroljow für RIA Novosti). Nach dem Statut der Schwedischen Akademie werden die Archive über die Zuerkennung der Nobelpreise erst 50 Jahre nach einer Verleihung geöffnet.

    Im Januar des Jahres 2009 läuft die Zeit der Geheimhaltung für die Dokumente des Nobelpreiskomitees für Oktober 1958 abgelaufen. Ein denkwürdiges Datum für die russische Kultur! In jenem Jahr vergaben die Akademiemitglieder den Nobelpreis für Literatur an den sowjetischen Dichter Boris Pasternak.

    Da die Archivdokumente jetzt offiziell offen liegen, können die Umstände des größten Skandals in der Geschichte des Preises endlich untersucht und bis zu ihrem logischen Ende durchdacht werden.

    Die Geschichte um Pasternaks Nobelpreis endete im vergangenen Jahr in eine Sensation. Wie sich herausstellte, hatte bei der Zuerkennung des Preises der US-amerikanische Geheimdienst CIA seine Finger im Spiel. Die Central Intelligence Agency ließ die erste russischsprachige Ausgabe des Romans "Doktor Schiwago" drucken, ohne die das Nobelkomitee keinen offiziellen Anlass hatte, Pasternak als Kandidaten in Erwägung zu ziehen.

    Selbstverständlich hatte Boris Pasternak selbst mit dem Spionagehumbug nichts am Hut, sein Genie wurde einfach als mächtige Waffe im Kalten Krieg zwischen Westen und Osten ausgenutzt. Bis vor kurzem lag um diese ganze Geschichte ein dichter Schleier der Geheimhaltung, nur dank der Beharrlichkeit des Philologen Iwan Tolstoi (Nachkomme der berühmten Familie) wurde das Geheimnis gelüftet und der Öffentlichkeit präsentiert. Der Enträtselung hat der Historiker selbst 20 Jahre seines Lebens gewidmet!

    Kehren wir zu den Anfängen der Geschichte zurück: Boris Pasternak begann mit der Arbeit an seinem legendenumwobenen Roman kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1946. Der Schriftsteller schrieb unter dem vollen Einsatz seiner Kräfte ganze zehn Jahre lang an dem Roman. Im Januar 1956 wurde der Roman abgeschlossen. Danach wurde Pasternak nachdenklich.

    Es war klar, dass das Buch, das letzten Endes den Titel "Doktor Schiwago" bekam (zuerst hieß er "Die Kerze brannte"), seinem ganzen Geist nach der laufenden sowjetischen Literatur zuwiderlief. Was tun? Den Roman in der Hoffnung auf bessere Zeiten in die Schublade legen? Aber ob die Zeit der Freiheit einmal kommen würde? Schließlich war er selbst nicht mehr der jüngste.

    Kurzum: Pasternak wählte zwei Wege. Offiziell bot er den Roman der braven Monatszeitschrift "Nowy Mir" an, inoffiziell aber überreichte er die schwere Mappe mit einer maschinegeschriebenen Kopie dem jungen italienischen Journalisten Sergio D'Angelo bei dessen Besuch. Der Italiener war damals Ansager beim Moskauer Rundfunk und suchte im Nebenberuf für Giangiacomo Feltrinelli, einen ambitionierten jungen und reichen italienischen Verleger (Kommunist) aus Mailand, nach Neuheiten der sowjetischen Literatur.

    Aus den Nachrichten erfuhr D'Angelo, dass Pasternaks Roman demnächst veröffentlicht werden soll, und fuhr eilig in das Schriftstellerdorf Peredelkino bei Moskau, um bei Schriftsteller vorstellig zu werden. Der Dichter übergab dem Italiener sein Mauskript ohne dabei zu zögern.

    Als Pasternaks Frau Sinaida Nikolajewna davon erfuhr, hätte sie beinahe geheult. Sie hatte keine Illusionen darüber, womit dieser Schritt für die ganze Familie enden könnte: Verhaftung, Lager, Trennung, Verlust der Datsche in Peredelkino. Der Dichter selbst tat, als wäre nichts Besonderes geschehen, und versuchte seine Angehörigen zu beruhigen: Alles werde sich einrichten.

    Dennoch spürte Pasternak, wie sich Gewitterwolken über seinem Kopf zusammenbrauten. Trotzdem beschloss er, bis zu Ende zu gehen. So überreichte Pasternak zwei maschinengeschriebene Kopien des Romans weiteren ausländischen Besuchern: dem amerikanischen Essayisten und Philosophen Isaiah Berlin und der französischen Slawistin Helene Pelletier.

    Hier fällt ein erster Schatten des Geheimnisses auf die Geschichte.

    Die CIA erfährt von Pasternaks Roman. Das für Russland zuständige Department versteht sehr wohl, welche politischen Vorteile die Veröffentlichung des Romans verspricht, der in der Heimat sicherlich verboten wird. Nur eine Kleinigkeit bleibt: Sie müssen den Text bekommen. Darauf folgt die vielleicht rätselhafteste Episode der geheimen Geschichte. Ein Flugzeug, mit dem ein Passagier mit einer maschinengeschriebenen Kopie des Romans fliegt, macht unerwartet eine Zwischenlandung auf dem Flughafen des Inselstaats Malta, obwohl das nicht vorgesehen war.

    Der Pilot bittet die Passagiere um Entschuldigung wegen der Verzögerung, diese begeben sich in den Wartesaal des Flughafens. Unterdessen finden CIA-Agenten den Koffer und fotografieren jede Seite des Texts aus Pasternaks Mappe auf einen Film. Dann bringen sie das Manuskript zurück zur alten Stelle. Zwei Stunden später fliegt die Maschine aus Malta ab. Die Passagiere fliegen zu ihrem Zielort. Der Besitzer des Koffers hat von allem keine Ahnung.

    Etwa zur gleichen Zeit erfährt der KGB, dass Pasternaks Roman ins Ausland gebracht worden ist. Nun überschlagen sich die Ereignisse : Die Zeitschrift "Nowy Mir" lehnt den Roman ab und weist den Dichter wegen des unzulässigen Texts scharf zurecht, der KGB und das KP-Zentralkomitee setzen über die Kommunistischen Partei in Italien den Mailänder Verleger unter Druck. Aber Feltrinelli zeigt ihnen die lange Nase, verlegt den Roman und tritt demonstrativ aus der Partei aus.

    Am 23. November 1957 erscheint Pasternaks Roman in italienischer Sprache und übertrifft alle Erwartungen der Leser. In wenigen Tagen ist die gesamte Auflage von 12 000 Exemplaren ausverkauft. Alle zwei Wochen (!) kommen Zusatzauflagen heraus, aber der Rummel legt ist immer noch nicht vorüber. Den Roman erlangt Weltruhm. Es erscheinen Übersetzungen ins Englische, Deutsche, Französische u. a. Im Frühjahr 1958 schlägt Albert Camus den Roman für den Nobelpreis vor. Doch!

    Aber gemäß dem Statut des Nobelkomitees hat die Schwedische Akademie kein Recht, den Roman auszuzeichnen. Nun kommt das von der CIA kopierte Exemplar ins Spiel. Es geht um Stunden. Jetzt oder nie! Über fiktive Stiftungen stellt die CIA eilig das Geld für die Verlegung des Romans in der Originalsprache bereit.

    Um aber die Spuren des Diebstahls zu verwischen und die Namen der wahren Anstifter zu verwischen, wird „Doktor Schiwago“ auf Grundlage der Kopien von US-Agenten fotografierten Manuskripts gedruckt. In russischer Sprache erscheint der Roman im August 1958 als Piratenausgabe nicht in Amerika, sondern in Den Haag, im Akademie-Verlag "Mouton".

    Es ist vollbracht!

    Nunmehr sehen die schwedischen Akademiemitglieder keine formellen Hindernisse für Pasternaks Auszeichnung mehr. Am 23. Oktober 1958 gibt die „Nobel-Kanone“ einen Schuss auf die Sowjetmacht ab: Der Preis wird Boris Pasternak zuerkannt: "für hervorragende Verdienste um die moderne lyrische Poesie, für die Fortführung der Traditionen des großen russischen Romans".

    Pasternak schickt ein Antworttelegramm: "Unendlich dankbar, gerührt, stolz, verwundert, verwirrt." Der in den Wolken schwebende Dichter glaubt in naiver Weise, nach Stockholm reisen und aus den Händen des Königs den Preis bekommen zu können. Daraufhin setzen die Behörden die enge Vertraute des Dichters, Olga Iwinskaja (anscheinend Informantin und geheime Mitarbeiterin) stark unter Druck. Pasternak lehnt, völlig entgeistert wegen der Folgen für das Leben der geliebten Frau, den Preis ab. Das entsprechende Telegramm wird nach Stockholm abgeschickt.

    Es muss zugegeben werden: Die CIA-Operation war ein Erfolg. Der UdSSR wurde ein empfindlicher Schlag versetzt. Gerade dank der Geschichte um Pasternak wurde erst richtig erkannt, welch niederschmetternde Kraft die Publikation von antisowjetischen Texten aus Russland im Westen haben kann. Pasternak wies den Weg einer ganzen Lawine solcher Publikationen. Ihren Höhepunkt erreichte ein weiterer Sensationsroman, "Der Archipel Gulag". Für ihn wurde mit dem Nobelpreis ein anderer Dissident, Alexander Solschenizyn, ausgezeichnet.

    Zum Verfasser:

    Anatoli Koroljow ist Schriftsteller, Mitglied des russischen PEN-Clubs.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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