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    Kuhhandel: Iskander-Raketen gegen US-Raketenabwehr

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    MOSKAU, 30. Januar (Ilja Kramnik, RIA Novosti). Im Streit um die geplante US-Raketenabwehr in Europa deuten die Zeichen auf eine Wende hin.

    Das russische Verteidigungsministerium ließ verlauten, keine konkreten Pläne für die Stationierung von Iskander-Raketen im Gebiet Kaliningrad zu haben. Dabei soll es lediglich um hypothetischen Schritt gehen, der von den Handlungen des Opponenten abhängt.

    Zbigniew Brzezinski, Nestor der US-Politik, hatte zuvor die Erklärung abgegeben, wonach die Aufstellung eines Raketenabwehrsystems in Polen ein Erörterungsgegenstand sei und dass die Schaffung eines Stellungsraums des ABM-Systems "von Russlands Verhalten" abhängen könne.

    Faktisch haben also Russland und die USA - wenn auch nicht aus dem Mund der Chefs der zuständigen Behörden - die Welt von ihrer Bereitschaft in Kenntnis gesetzt, die Zukunft des internationalen Sicherheitssystems mit Rücksicht auf die Meinung des Gegenübers zu besprechen.

    Die Installierung der Iskander-Raketensysteme als Gegenmaßnahme gegen die geplante Schaffung eines dritten Stellungsraums des ABM-Systems wurde vom russischen Präsident Dmitri Medwedew bereits im Herbst 2008 angekündigt.

    Doch unter Experten wurde diese Möglichkeit schon viel früher erörtert, zumal die Eigenschaften der Iskander-Rakete sie zu einem idealen "ABM-Jäger" machen.

    Die Reichweite der für den Export entwickelten Iskander-Raketen beträgt 280 Kilometer. Den russischen Streitkräften wird ein Raketenkomplex mit einer Reichweite von bis zu 500 Kilometer geliefert. Nach Meinung von angesehenen Raketenkonstrukteuren kann Iskander auch mit weiter reichenden Raketen ausgestattet werden, falls sich Russland entschließt, den INF-Vertrag von 1987 auszusetzen.

    Außerdem können die Iskander-Systeme nicht nur mit ballistischen Raketen ausgerüstet werden. Das System kann auch weitreichende Flügelraketen abschießen: Teststarts von R-500-Flügelraketen mit einer Reichweite von 500 Kilometer von einer Iskander-Abschussrampe wurden bereits vorgenommen.

    Darüber hinaus kann ein Iskander-Komplex mit Flügelraketen größerer Reichweite - von 2000 bis 3000 Kilometer - ausgestattet werden. Dadurch können sogar beinahe alle Ziele in ganz Westeuropa erreicht werden.

    Falls im Gebiet Kaliningrad und potentiell in Weißrussland mobile Iskander-Abschussrampen stationiert werden sollten, können sie selbst in der Standardausführung den größten Teil Polens durch einen (auch atomaren) Überraschungsschlag bedrohen. Die rasche Entfaltung (nur wenige Minuten) und die Charakteristika der Rakete erhöhen die Effektivität der Zielbekämpfung, zumal die Hauptziele - die Startrampen der GBI-Abfangraketen - stationär sind.

    Die Verkündung der möglichen Aufstellung einer solchen Waffe in der russischen Ostsee-Exklave ist verständlich: Der Aufbau des US-Raketenabwehrsystems in Polen und Tschechien bedeutet eine direkte Gefahr für das russische Atompotential. Selbstverständlich können die zehn GBI-Abfangraketen, deren Installierung in Polen in der ersten Etappe geplant ist, und selbst 50 dieser Raketen einen groß angelegten Schlag der russischen strategischen Raketentruppen und Raketen-U-Boote nicht parieren.

    Aber die Bedeutung dieser Abfangraketen würde nach einem möglichen atomaren Erstschlag der USA gegen Russland unermesslich zunehmen. Bei diesem Szenarium würden es die US-Abfangraketen mit einer äußerst begrenzten Zahl von Raketen zu tun haben, die nach dem Erstschlag übrig bleiben würden.

    Eben dadurch kann Washington mit einem Erfolg und erstmals seit den 50er Jahren mit einem Sieg bei einem Atomwaffenkrieg rechnen.

    Aus der Logik des Wettrüstens ergibt sich, dass dieses Stadium der Konfrontation keineswegs das letzte ist, sondern vielmehr die Spirale von "Maßnahmen und Gegenmaßnahmen" mit offenem Ausgang weiter in Gang setzt.

    Zugleich damit war klar, dass die Möglichkeit des neuen Wettrüstens in vieler Hinsicht von der Position der neuen US-Administration abhängt. Während des Wahlkampfs zeigte Barack Obama im Unterschied zu seinem Kontrahenten keine übertriebene Neigung zur gewaltsamen Lösung der Streitfragen in den russisch-amerikanischen Beziehungen.

    In diesem Zusammenhang tauchten mehrmals Annahmen auf, dass das Schicksal des dritten Stellungsraums des ABM-Systems und die Entfaltung von Iskander-Raketen zu einem Feilschgeschäft zwischen Moskau und Washington führen könnten.

    Die jüngsten Erklärungen beider Seiten bestätigen diese Vermutungen. Es gilt nun, die Ergebnisse der neuen Runde im großen politischen Spiel abzuwarten.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.