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    Tauziehen um Gibraltar

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    MOSKAU, 23. Juli (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). Erstmals seit 305 Jahren hat ein spanischer Offizieller den Boden von Gibraltar betreten.

    Auf dem "Felsen", wie die Briten dieses Gebiet nennen, trafen sich der spanische Außenminister Miguel Moratinos, sein britischer Amtskollege David Miliband und der Chefminister von Gibraltar, Peter Caruana. Zuvor hatten britische Zeitungen berichtet, Moratinos habe den "Felsen" nur unter der Bedingung betreten, dass "die Souveränitätsfrage nicht aufgeworfen wird".

    Am Morgen des 22. Juli berichteten die Zeitungen, die Verhandlungen seien erfolgreich verlaufen: "Die Souveränitätsfrage kam nicht zur Sprache."

    Zurück in Madrid sprach Moratinos ebenfalls von erfolgreichen Verhandlungen, doch Spanien werde "seine Ansprüche auf die Souveränität über Gibraltar nie aufgeben".

    Das diplomatische Wirrwarr des "dreiseitigen Prozesses" um die Gibraltar-Frage begann bereits vor mehr als 20 Jahren. Das Wort "dreiseitig" muss in Anführungsstriche gesetzt werden, weil der Chefminister von Gibraltar an den englisch-spanischen Gesprächen nur nominell teilnimmt.

    Bei der jüngsten Runde wurde beschlossen, die Zusammenarbeit im Finanzwesen, in der Justiz und bei der Nutzung der Gewässer zu erweitern. Kurz vor den Verhandlungen erklärte Spanien, die Gewässer um Gibraltar seien "von besonderem ökologischem Interesse", und begann dort mit verstärkten Patrouillen. Gibraltar (London) fasste das als Gebietsanspruch auf seine Hoheitsgewässer auf und kündigte eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gegen Madrid an.

    Echte und vorgespielte Leidenschaften um Gibraltar brodeln bereits seit mehr als 300 Jahren. Seit die Briten Gibraltar am 4. August 1704 während des Spanischen Erbfolgekriegs besetzten (die Operation war durchaus ruhig und unblutig), haben "offizielle Spanier" keinen Zutritt zum Gebiet.

    Madrid unternahm immer wieder Versuche, Gibraltar zurückzuholen - es wurde während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs im 18. Jahrhundert von der spanischen und der französischen Flotte sogar gemeinsam belagert. Aber die Engländer schlugen die "Aufsässigen" immer zurück und demonstrierten regelmäßig, dass die Einwohner von Gibraltar dem britischen Königreich die Treue halten.

    Regelmäßige Referenden stellen die Einwohner des britischen Überseegebiets vor die Wahl: entweder weiter unter dem Schutz der britischen Krone zu leben oder auf zwei Stühlen einer "doppelten Souveränität" zu sitzen.

    Das Ergebnis ist immer eindeutig: die Gibraltarer brauchen keinerlei "doppelte Souveränität" mit Madrid und hissen am Tag jedes Referendums den britischen Union Jack. Was nicht weiter verwunderlich ist, bedenkt man, dass beinahe alle 28 875 Einwohner von Gibraltar Umsiedler oder Nachkommen  von zugewanderten Briten sind.

    Heute ist Gibraltar der größte Anachronismus und ein Paradoxon des modernen Europa. Nicht, dass es die Beziehungen zwischen Großbritannien und Spanien verschlimmern würde, die Zeiten haben sich geändert. Doch ist kaum zu glauben, dass im 21. Jahrhundert ein europäischer Staat, Mitglied der UNO (darunter des Ausschusses für Dekolonisation), der Europäischen Union und der Nato auf dem Territorium eines anderen europäischen Staates, der Mitglied der UNO (darunter des Ausschusses für Dekolonisation) und Partner der Europäischen Union und der Nato ist, eine Kolonie hat. Aber das ist nun einmal ein Fakt.

    Offiziell gilt Gibraltar als Überseegebiet der britischen Krone. London hat ihm 1969 sogar eine Verfassung beschert und behauptet, der "Felsen" sei gar keine Kolonie, vielmehr eine Selbstverwaltungsautonomie freier Menschen unter britischer Souveränität.

    Werden aber britische Diplomaten gefragt, warum Gibraltar nicht auf der Liste des UN-Ausschusses für Dekolonisation als Territorium ohne Selbstverwaltung stehe und folglich eine Kolonie sei, werden sie meist stur wie ein Geizhals, der angepumpt wird.

    Wenn man all diese britischen Exerzitien um Gibraltar sieht, sehen die Argumente Londons in Bezug auf die Kosovo-Unabhängigkeit plötzlich ganz anders aus. Das gilt besonders für die Behauptungen, dass jedes Souveränitäts- und Unabhängigkeitsproblem in einem gesonderten Kontext zu betrachten sei.

    Russland bestand bis zum Beginn des Kaukasus-Kriegs auf einem universellen Herangehen an die Kosovo-Frage - und verlor. Als es aber nach Saakaschwilis  Abenteuer ein "besonderes Herangehen" zeigte, gewann es in Abchasien und Südossetien.

    Man sollte all die Entwicklungen um den "Felsen" aufmerksamer verfolgen: In den Streitigkeiten darum werden Methoden angewandt, die künftig einmal gute Dienste leisten könnten.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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