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    USA-China-Dialog: Schuldner umwirbt Gläubiger

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    MOSKAU, 28. Juli (Dmitri Kossyrew, RIA Novosti). Wohl noch nie sind auf einen Schlag 200 chinesische Spitzenpolitiker und -Unternehmer in die USA gereist.

    Der Termin in Washington wird als strategischer und Wirtschaftsdialog zwischen den USA und China bezeichnet. Die Eröffnungsrede hielt Barack Obama. Mit einem Wort: ein Top-Ereignis.

    Sowohl auf der chinesischen als auch auf der amerikanischen Seite waren Entscheidungsmacher für die Wirtschaft dabei. Das Treffen war ein überzeugendes Zeichen für die amerikanisch-chinesische Einigung in dem Punkt, dass die Wirtschaft heutzutage für beide Staaten das Allerwichtigste ist. Alle anderen Aspekte der Beziehungen zwischen den beiden Supermächten - unter anderem nicht ganz angenehme - wurden erstmal beiseite geschoben.

    US-Außenamtschefin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner hatten im Vorfeld des zweitägigen Forums einen gemeinsamen Artikel für "The Wall Street Journal" geschrieben, der übrigens auch von der chinesischen "Renmin Ribao" sofort abgedruckt wurde. Darin wurden klare und konkrete Zahlen genannt. Zum Beispiel: Chinas BIP macht heute mehr als vier Billionen Dollar aus. Im nächsten Jahr wird die Zahl der Direktflüge zwischen den USA und China auf 249 steigen. Und so weiter.

    Eine Kennziffer, die in dem Artikel nicht enthalten ist, macht aber das Kernstück der heutigen bilateralen Beziehungen aus - jeder Teilnehmer des Treffens hatte sie sowieso im Kopf: Die amerikanischen Staatsverschuldung gegenüber China - in US-Staatspapieren ausgedrückt - beträgt 1,5 Billionen Dollar. China ist der weltgrößte Gläubiger der US-Wirtschaft. Diese Summe ist mit dem heutigen US-Staatshaushaltsdefizit durchaus vergleichbar. Im kommenden Jahr soll das Defizit übrigens auf 1,84 Billionen Dollar steigen.

    Natürlich sollten die aus China zu vernehmenden Äußerungen, der US-Dollar sei als die globale Reservewährung langsam nicht mehr geeignet, nicht wirklich ernst genommen werden. Dennoch überkommt vielen in Washington ein Schauder, wenn sie so etwas hören. Oder wenn die Chinesen ihre Zweifel lautstark zum Ausdruck bringen, wie das im Frühjahr der Fall war: Hallo, sind die chinesischen Gelder in Amerika wirklich gut untergebracht? Wird die US-Wirtschaft nicht etwa demnächst platzen?

    Das Treffen in Washington bot den Top-Wirtschaftspolitikern beider Länder die Gelegenheit, gemeinsame Ansatzpunkte für eine gemeinsame Überwindung der Krise zu finden. Die "Wir sitzen im selben Boot"-Einsicht prägt das heutige Verhältnis zwischen der ersten und der zweiten Supermacht der Welt. Dieses Verhältnis wird sich auch weiterhin so entwickeln - ungeachtet der riesigen Unterschiede in der Kultur wie auch zwischen den sozialen und den politischen Systemen.

    Ohne diplomatische Umschweife ließe sich die jetzige Atmosphäre der heutigen Beziehungen wie folgt formulieren: Der Schuldner Amerika möchte dem Gläubiger China möglichst gut gefallen und den letzteren vor radikalen Schritten bewahren. Um eben von Peking weiterhin Geld pumpen zu können.

    Eine Frage, die am Rande des Washingtoner Treffens entsteht: Wie werden sich die internationalen Beziehungen weiter entwickeln, in denen das amerikanisch-chinesische Mammutpaar eine ständig wachsende Rolle spielt? Wird sich der bisherige Stil der US-Außenpolitik nun ändern? Immerhin hat Washington bei den vorangegangenen Präsidenten allen um sich herum die demokratischen Regeln beigebracht, aber auch aktiv - über die NGOs - auf einen Wechsel der jeweiligen Regimes hingearbeitet. China kennt das an den Beispielen von Tibet und Xinjiang viel zu gut.

    Allerdings sind die US-Leviten an Peking immer leiser geworden. Werden sie bald nicht mehr zu hören sein? Oder wird Washington auch weltweit nicht mehr so aufdringlich den Mentor spielen?

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA-Novosti-Redaktion übereinstimmen.