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    "In der Politik muss das getan werden, was den Interessen des eigenen Staates und seines Volkes entspricht"

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    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)
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    Am 23. August jährt sich die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrags zwischen der Sowjetunion und Deutschland zum 70. Mal.

    MOSKAU, 20. August (RIA Novosti) Am 23. August jährt sich die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrags zwischen der Sowjetunion und Deutschland zum 70. Mal.

    Über seine Bedeutung und Bewertungen dieses Dokuments spricht der ehemalige russische Botschafter in der BRD, heute Vizechef des Auswärtigen Duma-Ausschusses, Juli Kwizinski.

    Wohl kein anderer zwischenstaatlicher Vertrag, der als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt ist, hat so viele Streite und widersprüchliche Einschätzungen ausgelöst. In den Jahren danach wurden zahlreiche Publikationen herausgegeben, worin Historiker, Politiker und Öffentlichkeitsvertreter Stalin und seine Mitstreiter gebrandmarkt oder versucht haben, die Notwendigkeit des Paktes zu beweisen. Darüber, ob sich Russland des Paktes zu schämen habe, ob die Vorwürfe gegen Russland rechtmäßig seien, wie auch darüber, unter welchen Bedingungen und weshalb der Pakt geschlossen wurde, sprach Julij Kwizinski, Vizechef des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma, mit RIA Novosti..

    Herr Kwizinski, was ist der Molotow-Ribbentrop-Pakt: eine Schande oder ein Sieg der sowjetischen Diplomatie?

    Der Pakt kam zur rechten Zeit, war nötig, unter jenen Bedingungen durchaus legitim und vom Standpunkt der politischen Strategie sehr realistisch. Die überstürzten Beschlüsse des 2. Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR, bei denen es hieß, der Pakt sei unmoralisch und habe dem Völkerrecht widersprochen, sollten im Grunde, nach Annahme entsprechender Erklärungen beider Kammern des heutigen russischen Parlaments, mit nüchterneren Einschätzungen revidiert werden.

    Gegen Ende der 30er Jahre, nach der "Münchner Abmachung", sah sich die Sowjetunion nahezu in internationaler Isolation. Dieser Zustand an und für sich gefährlich für einen Staat, besonders gefährlich war er damals, als die Achsenmächte zur Politik der Entfesselung von immer neuen militärischen Konflikten übergingen. Deshalb war der Ribbentrop-Molotow-Pakt ein Meisterstück Stalins, wodurch die Sowjetunion viele für sie vorteilhafte Ziele erreichen konnte. Nach Deutschlands Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 bestimmte er auch die Entstehung der Anti-Hitler-Koalition voraus.

    Stimmt die Meinung, dass die "Münchner Abmachung" einen Anstoß zum Abschluss des Paktes gab?

    Ich finde ja. England und Frankreich zeigten ihren Wunsch, sich auf Kosten der Interessen anderer Staaten mit Hitler zu einigen und die Verlegung seiner Truppen zu den Orten unmittelbar an der Grenze zur Sowjetunion zu beschleunigen, dermaßen augenfällig, dass weiteres Zögern keinen Sinn hatte. Stalin versuchte zwar, bis zum Sommer 1939 militärische Verhandlungen mit England und Frankreich zu führen, diese brachten aber keine Ergebnisse hervor. Es war offensichtlich, dass die Engländer und Franzosen die Angelegenheit in die Länge zogen, in der Hoffnung, dass ein Krieg zwischen Deutschland und der UdSSR ausbreche und sie als der dritte Lachende ihre Sicherheit gewährleisten würden.

    Bestand unmittelbar vor dem Abschluss des Paktes eine offenkundige Gefahr für die UdSSR?

    Die Situation war insofern gefährlich, als es unzweifelhaft feststand: Hitler werde den Krieg gegen Polen anfangen. Polen werde von den Westmächten wohl kaum eine effektive Hilfe bekommen, so dass Hitler bis an die UdSSR-Grenze vorrücken sowie versuchen werde, seinen Einfluss und seine Kontrolle auf die baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland auszudehnen, das heißt, ein mächtiges Aufmarschgebiet für den Beginn der Kriegshandlungen gegen die Sowjetunion zu schaffen. Ihm war nicht zu trauen angesichts seiner strategischen Orientierung auf die Vernichtung des slawischen russischen Staates, was mit Erklärungen verbrämt wurde, dem Bolschewismus müsse ein Ende gemacht werden. Doch in Wirklichkeit war der Kampf gegen den Bolschewismus nur eine Ausschmückung der Drang-nach-Osten-Politik und der Kolonisierung von Osteuropa.

    Wer traf die Entscheidung, den Pakt mit Deutschland abzuschließen?

    Alle strategischen Entscheidungen traf das Politbüro, das höchste politische Organ in der Sowjetunion. Doch zu jener Zeit spielte Stalin im Politbüro eine ganz besondere Rolle, er war die endgültige, entscheidende Instanz. Ohne seine Bereitschaft, den Pakt zu schließen, wäre dieser natürlich nicht zustande gekommen.

    Im Westen vertreten viele Historiker die Auffassung, dass die UdSSR unter Stalin überhaupt nicht daran interessiert gewesen sei, die Sicherheit im Bündnis mit England und Frankreich zu gewährleisten, dass die Annäherung an Deutschland von dem Streben diktiert worden sei, die eigene Interessensphäre zu erweitern, und dass die Sowjetunion die Verantwortung für die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs in gleichem Maße wie Deutschland habe. Wie würden Sie auf solche Behauptungen antworten?

    Völkerrechtlich gesehen fügte der Nichtangriffspakt an sich unseren Beziehungen zu Deutschland kaum etwas hinzu. Zwischen uns bestand der Nichtangriffs- und Neutralitätsvertrag von 1926 - er war damals noch gültig. Der Vertrag war eine politische Demonstration dessen, dass weder Deutschland noch die Sowjetunion zu jener Zeit einen Militärkonflikt vorhatten. Von der Münchner Abmachung sprach ich bereits: von ihrer Bedeutung, von dem Eindruck, den sie auf Moskau machte. Die Münchner Abmachung leuchtete ja die sehr gefährliche Rolle des damaligen Polen aus. Die Polen hatten sich an der Aufteilung der Tschechoslowakei beteiligt...

    Sie meinen das Teschener Gebiet...

    Ja, Cesky Tesin. Außerdem gab es Dokumente der polnischen Aufklärungsverwaltung, in denen bewiesen wird, dass Polen im Falle des Beginns eines Kriegs zwischen Deutschland und Russland ein natürlicher Verbündeter der deutschen Armee werden und gemeinsam mit den Deutschen das Ziel verfolgen solle, den Sowjetstaat zu vernichten, was angeblich den nationalen Interessen Polens entsprach. Wenn Sie einmal Museen in Minsk besuchen, werden Sie sehen, dass die Verteidigungsanlagen, die die UdSSR in der 30er Jahren in westlicher Richtung baute, nicht gegen Deutschland errichtet wurden. Vielmehr wurden sie gegen Polen gebaut, das für uns eine ständige militärische Gefahr schuf und Intrigen spannte, die die Interessen unserer Sicherheit betrafen. Wenn also gesagt wird, wir hätten Polen so oder so verteidigen, für seine Sicherheit sorgen sollen, ist das nicht sehr glaubwürdig. Polen wollte unsere Hilfe nicht annehmen. Polen teilte den Verbündeten seine Bereitschaft mit, die polnische Armee gegen uns vorzuschicken, wenn die UdSSR 1938 die Tschechoslowakei gegen Deutschland unterstützen werde. Was mit Polen geschah, ist natürlich höchst traurig für das polnische Volk, doch das war eine Vergeltung für die Handlungen der damaligen dummen und abenteuerlichen polnischen Regierung. Sie verspielte die polnische Souveränität, das Schicksal Polens. Vom Standpunkt Stalins und der sowjetischen Führung war die Beseitigung der unmittelbaren Kriegsgefahr an der sowjetischen Grenze durch einen anderen Staat ein sehr gut gefundener Schachzug, der nur zu begrüßen war.

    Warum ließ die UdSSR am 17. September 1939 ihre Truppen in Ostpolen einmarschieren?

    Diese Operation verfolgte zwei Ziele: die Grenze vor Beginn des unvermeidlichen Kriegs möglichst weit weg zu schieben und Zeit zu gewinnen. Im Geheimprotokoll zum Pakt steht nicht geschrieben, dass wir diese Territorien okkupieren würden. Darin heißt es, dies sei unsere Interessensphäre. Warschau wurde von den Deutschen eingenommen. Die polnische Regierung flüchtete in den Süden und regierte überhaupt nicht mehr. Ohne wie auch immer geartete Kriegshandlungen zu unternehmen, marschierten die sowjetischen Truppen in Polen ein, aber nur in jene Gebiete - West-Weißrussland und West-Ukraine -, die Polen im Krieg gegen uns nach dem Vertrag von Riga von 1921 entgegen den Entente-Beschlüssen besetzt hatte. Die Rede ist von der "Curzon-Linie". (Bedingte Bezeichnung der Demarkationslinie, die Polens Ostgrenze durch den Beschluss des Obersten Rates der Entente auf der Pariser Friedenskonferenz vom Dezember 1919 festlegte. Die Curzon-Linie verlief auf eine Weise, dass praktisch alle überwiegend polnisch besiedelten Gebiete im Westen und die mit der nicht polnischen - der ukrainischen, der weißrussischen und der litauischen - Bevölkerung im Osten lagen. Polen ignorierte jedoch die Empfehlungen der Entente und begann Kriegshandlungen gegen die UdSSR. Das Ergebnis dieses Vorgehens war der 1921 unterzeichnete Friedensvertrag von Riga, dem zufolge die Gebiete mit der ukrainischen, der weißrussischen und der litauischen Bevölkerung, die früher zum Russischen Reich gehört hatten, wieder an Polen fielen. - Die Red.). Hier von Ungerechtigkeit zu reden hat im Grunde wenig Sinn. Später ordneten wir diese Grenze gemeinsam mit den Deutschen gemäß dem Freundschafts- und Grenzvertrag vom 28. September 1939, indem wir aus den rein polnischen Gebieten, die in unsere Sphäre geraten waren, abzogen und sie gegen Litauen, gegen Vilnius tauschten. Wir meinten, dass es galt, für die Sicherheit und territoriale Integrität Litauens, das ein traditioneller Teil des Russischen Reichs gewesen war und mit dem wir ein Militärbündnisvertrag hatten, Sorge zu tragen und die nationalen Bestrebungen der Litauer zu befriedigen.

    Dann folgte der Anschluss des Baltikums...

    Nach den Dokumenten zu urteilen, zogen wir ins Baltikum ein, weil wir eine freundschaftliche Einstellung der damaligen Regierungen der baltischen Staaten zu uns nicht sichern konnten. Wir wussten von den deutschen Plänen, die Truppen in Litauen und Lettland einzuführen. Das musste durch einen vorbeugenden Schritt verhindert werden. Dieser Schritt waren denn auch zuerst der Abschluss der Verträge über militärische Zusammenarbeit mit den baltischen Ländern und dann der Eintritt dieser Länder in die Sowjetunion. (Nach Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939 schlug Moskau den Regierungen dieser Länder vor, Verträge über gegenseitigen Beistand zu schließen. Am 28. September kam der Pakt über gegenseitigen Beistand mit Estland zustande, er sah die Schaffung sowjetischer Militärstützpunkte und die Verlegung eines 25 000 Mann starken Militärkontingents auf sein Territorium vor. Am 5. Oktober wurde ein ähnlicher Vertrag mit Lettland geschlossen. Ihm zufolge zog ein 25 000 Mann starkes Kontingent der sowjetischen Truppen ins Land ein. Am 10. Oktober wurde der sowjetisch-litauische "Vertrag über die Übergabe der Stadt Wilno und des Wilno-Gebiets und über den gegenseitigen Beistand" unterzeichnet, der den Einmarsch eines 20 000 Mann starken Kontingents der sowjetischen Truppen vorsah. Gegen Mitte Juni 1940 kamen in den Regierungen der baltischen Länder profaschistische Elemente auf, was die Gefahr des Einzugs von Hitler-Truppen ins Baltikum hervorrief. Am 14. Juni stellte die Sowjetunion Litauen, am 16. Juni Lettland und Estland ein Ultimatum: Sie forderte von ihnen, der UdSSR gegenüber freundschaftliche Regierungen an die Macht zu bringen und zusätzliche Truppenkontingente in diese Länder einziehen zu lassen. Die Bedingungen wurden angenommen. Einen Monat später siegten bei den Wahlen in allen drei Staaten prokommunistische Blöcke. Die neu gewählten Regierungen riefen die Estnische, die Lettische und die Litauische Sozialistische Sowjetrepublik aus und nahmen eine Deklaration über den Eintritt in die UdSSR an. Vom 3. bis 6. August 1940 wurden die baltischen Republiken in die Sowjetunion aufgenommen. - Anm. d. Red.)

    Wenden wir uns wieder der Gegenwart zu. Wie würden Sie die Resolution der Parlamentarischen Versammlung der OSZE kommentieren, die den Stalinismus dem Nazismus gleichsetzt?

    Die Behauptungen, die Sowjetunion sei in gleichem Maße wie Deutschland an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs schuld, zeugt davon, dass die Urheber solcher Initiativen und Resolutionen kein reines Gewissen haben. Zuerst leistete das okkupierte Europa Deutschland überhaupt keinen Widerstand. Die europäische Industrie arbeitete für die deutsche Armee. Deutschland begann seine Offensive gegen uns nicht nur mit seinen 152 Divisionen, sondern auch noch mit 29 rumänischen und finnischen Divisionen. Die UdSSR war der einzige Staat, der damals wirklich imstande war, den Faschismus zu zerschlagen, was die blitzartige Niederlage Frankreichs und Englands 1940 bewies. Uns, die wir den Faschismus aufs Haupt geschlagen haben, zu sagen, wir wären dasselbe wie Hitler-Deutschland gewesen - das kann doch nicht ernst genommen werden. Wäre nicht die Ostfront, wären nicht Hunderte deutscher Divisionen gewesen, die wir um den Preis gewaltiger Verluste aufgerieben hatten, so hätte sich keine amerikanische und britische Armee nach Europa gewagt. Sie wären durch die deutsche Armee binnen einiger Wochen auseinander genommen worden. Wären nicht die Sowjetunion und die Sowjetarmee gewesen, so hätte Europa alle Aussichten gehabt, eine germanisierte deutsche Kolonie, ein durch SS-Ideen vereinter Staatenbund zu werden. Das entsprach den Plänen des "Dritten Reiches", das ab 1944 von einem vereinigten Europa und davon zu schwafeln begann, dass die Verteidigung eines solchen vereinten Europa gegen den Kommunismus durch zusammengeschlossene Kräfte der in den SS-Legionen kämpfenden europäischen Völker die höchste Pflicht der "Freiheitskämpfer" sei.

    Inwiefern könnten Ihrer Ansicht nach die gegen die UdSSR erhobenen Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Ribbentrop-Molotow-Pakt dem heutigen Russland gelten?

    Die Vorwürfe wurden seit langem erhoben. Das begann in dem Moment, als England und Frankreich am 23. August 1939 angesichts dieses Paktes eine kolossale Enttäuschung erlebten. Denn es handelte sich um ein komplettes Fiasko ihrer Politik, Hitler auf die Sowjetunion aufzuhetzen. Churchill nannte das eine riesige Fehlrechnung der damaligen Diplomatie, und er hatte vollkommen Recht. Mit Recht sagte er, dass Stalin einfach keine andere Wahl hatte. Wäre an Stalins Stelle ein westlicher Politiker gewesen, hätte er dasselbe getan.

    Heute fordern einige russische Bürgerrechtler dazu auf, den Pakt zu verurteilen und seine Opfer um Entschuldigung zu bitten. Ist das ein Muss?

    Eher sollten sich Leute, die so etwas sagen, für solche politischen Ausfälle, solche Dummheiten, um es einfacher zu sagen, bei unseren Veteranen und unserem Land entschuldigen. Wir brauchen nichts zu bereuen. Jeder Krieg wird nach seinen Ergebnissen beurteilt. Die Ergebnisse dieses Kriegs fielen zu unseren Gunsten aus, dieser Krieg machte uns zu einer Weltmacht. Dieser Krieg führte für uns einen Zustand in Europa herbei, bei dem - wie es nach den Napoleonischen Kriegen geheißen hatte - nicht eine einzige Kanone ohne Russlands Zusage schoss. Jetzt darum Tränen zu vergießen, dies wäre ein Fehler gewesen, und man hätte alles besser machen können - das ist meiner Meinung nach unsinnig.

    Wir brauchen also nicht in die Verteidigung zu gehen, sobald die Rede auf den Pakt kommt?

    Keinesfalls. In der Politik ist das zu tun, was den Interessen des eigenen Staates und seines Volkes entspricht. Sonst ist es nicht Politik, sondern ein Verbrechen.

    Das Gespräch führte Oksana Burjak

     

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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