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    "Offen zu sein ist besser, als Offensichtliches abzustreiten"

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    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)
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    MOSKAU, 21. August (RIA Novosti). Kurz vor dem 70. Jahrestag des Molotow-Ribbentrop-Pakts sprach RIA Novosti mit Akademiemitglied Alexander Tschubarjan über den Nichtangriffsvertrag und dessen Folgen.

    MOSKAU, 21. August (RIA Novosti).  Kurz vor dem 70. Jahrestag des Molotow-Ribbentrop-Pakts sprach RIA Novosti mit Akademiemitglied Alexander Tschubarjan über den Nichtangriffsvertrag und dessen Folgen.

    Frage: Bisweilen entsteht der Eindruck, dass die Einstellung zum Molotow-Ribbentrop-Pakt im heutigen Russland nicht eindeutig ist. Einerseits wurden bereits 1989 alle geheimen Anlagen zum Pakt veröffentlicht, auch werden in Büchern und der Presse immer mehr Forschungsarbeiten zu diesem Thema veröffentlicht. Andererseits ist die moralische Einschätzung, die dem Pakt 1989, noch zu Gorbatschow-Zeiten, in einem Beschluss des Kongresses der Volksdeputierten der UdSSR gegeben wurde, viel deutlicher als die Urteile, die man heute von einigen Politikern hören kann. In unseren Tagen wird der Pakt entweder überhaupt gerechtfertigt oder pragmatisch betrachtet: ob er für die Sowjetunion von Vorteil war oder nicht. Es erhebt sich die Frage: Kann der Pakt im heutigen Russland verurteilt werden? Oder bleibt die Formel von 1989 erhalten: das Protokoll sei amoralisch, der Pakt als Ganzes aber normal, für seine Zeit üblich gewesen.

    Antwort: In den zwanzig Jahren seit dem Beschluss des Kongresses der Volksdeputierten hat unsere Geschichtswissenschaft eine bestimmte Evolution durchgemacht. Aber Folgendes ist interessant: in den vergangenen Jahren haben sich die gesellschaftlichen Leidenschaften um den Pakt nicht etwa gelegt, sondern sich noch verschärft. Paradoxerweise hängt diese Verschärfung nicht mit der Veröffentlichung immer neuer Dokumente zusammen. Seit Mitte der 90er Jahre, als das Original der Geheimprotokolle gefunden wurde, gibt es keine neuen sensationellen Entdeckungen. Es geht also nicht um neue Fakten, sondern um ihre Deutung. Ich verbinde das nicht so sehr mit den Meinungsverschiedenheiten zwischen den Wissenschaftlern wie vielmehr mit den gesellschaftlichen und politischen Leidenschaften. Die Situation wird durch die Position unserer Nachbarn - einiger Personen aus den baltischen Ländern und gewissen Vertretern von Polen - noch erhitzt. All das politisiert das Problem, das eigentlich zur Kompetenz der Historiker hätte gehören sollen.

    Trotz dieser Schwierigkeiten können wir in Russland den Pakt und seine Folgen frei erörtern, sowohl in unseren Diskussionen untereinander als auch in Dikussionen mit unseren ausländischen Kollegen. Neue Arbeiten erscheinen, unter anderem wurde vor kurzem die Publikation von Band 4 der Dokumente aus dem Staatlichen Archivdienst Russlands (Rosarchiv) über die Umstände der Erschießung polnischer Offiziere in Katyn abgeschlossen.

    Offen zu sein ist stets besser, als Offensichtliches abzustreiten. Seinerzeit wurde die Position der Sowjetunion dadurch bedeutend geschwächt, dass wir das Bestehen der Geheimprotokolle als solche beharrlich verneinten. Die Tatsache, dass die Geheimprotokolle zum Pakt vor zwanzig Jahren in der Sowjetunion doch veröffentlicht wurden, verstärkt unsere Position und beweist unseren Bruch mit der Politik des Totschweigens.

    Frage: Dennoch sind auch unter den Historikern Streitgespräche im Gange, die manchmal nicht weniger hitzig sind als die unter den Politikern. In den EU-Ländern und den USA überwiegt der Standpunkt, dass gerade der Molotow-Ribbentrop-Pakt der Auslöser des Zweiten Weltkriegs gewesen sei, der lediglich eine Woche nach seiner Unterzeichnung vom 23. August 1939 begann. Bekanntlich überfielen die deutschen Truppen bereits am 1. September 1939 Polen, weil sie völlig sicher waren, dass die Sowjetunion ihm nicht zu Hilfe eilen werde. Sind Sie mit diesem Standpunkt nicht einverstanden?

    Antwort: Nein. Ich kenne diese Meinung, daraus wird manchmal sogar der Schluss gezogen, die UdSSR und Nazi-Deutschland seien für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges gleichermaßen verantwortlich. Eine Berufung auf diesen Standpunkt ist in der entsprechenden Resolution der Parlamentarischen Versammlung der OSZE enthalten. Hierbei wurde folgender bewiesener Fakt nicht berücksichtigt: Hitler traf die Entscheidung über den Überfall auf Polen einige Monate vor dem Abschluss des Nichtangriffspaktes mit der UdSSR. Hitler bereitete sich seit dem Frühjahr 1939 auf den Überfall auf Polen vor. Es wurde sogar das mutmaßliche Datum des Überfalls - der 26. August 1939 - festgelegt. Und die Deutschen hielten diesen Termin beinahe genau ein. Der Angriff begann am 1. September. Dabei war das Schicksal des am 23. August unterzeichneten Paktes praktisch bis zum letzten Tag unklar. Folglich fühlte Hitler unabhängig vom Ausgang der Verhandlungen mit der UdSSR weder Zweifel noch Unsicherheit. Die Garantien, die England und Frankreich Polen gewährt hatten, hingen ebenfalls mit diesem Fakt zusammen: sie wussten von Deutschlands Kriegsvorbereitungen. Aus demselben Grund reiste Ribbentrop eilig nach Moskau. Er musste alles noch vor Beginn des schon geplanten Angriffs erledigen.

    Frage: Dennoch erklärten England und Frankreich nach Hitlers Überfall auf Polen Deutschland den Krieg, während die UdSSR nicht nur abseits stand, sondern auch im September 1939 mit Deutschland noch den Freundschaftsvertrag abschloss. War das nicht eine Ermutigung des Aggressors?

    Antwort: Zweifellos waren die Geheimprotokolle zum Pakt, die Unterzeichnung des Grenz- und Freundschaftsvertrags im September 1939 und das in der UdSSR eingeführte Verbot der Kritik am Nationalsozialismus, das von 1939 bis 1940 galt, amoralische Handlungen, die es verdient haben, sowohl in Russland als auch im Ausland verurteilt zu werden.

    Trotzdem lassen sich die Ereignisse jener Tage nicht auf die Formel reduzieren: "Hitler beschloss, die Nachbarländer zu überfallen, und Stalin wurde zu seinem Verbündeten." Ich halte an der multifaktoriellen Methode der Geschichtsforschungen fest. Bei der Betrachtung einer Erscheinung gilt es, alle Faktoren in Betracht zu ziehen, die zu dieser Erscheinung geführt haben und sich nicht auf eines oder zwei genehme Momente zu beschränken. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt ist ein kompliziertes politisch-diplomatisches Konstrukt. Deshalb ist es notwendig, bei seiner Beurteilung die Vorgeschichte der Frage zu untersuchen. Deshalb kehren wir in unseren Studien auch zum Jahr 1938 zurück. Nicht weil wir unbedingt unsere westlichen Kollegen an die Münchner Abmachung erinnern möchten. Es ist einfach so, dass ohne Berücksichtigung des Faktors München unmöglich erklärt werden kann, warum sich Stalin auf den Nichtangriffspakt mit Nazi-Deutschland einließ. Vor München bestand in Europa in Bezug auf Hitler und sein Regime ein bestimmter Konsens. Alle europäischen Großmächte - Großbritannien, Frankreich, die UdSSR - standen dem seit 1933 in Deutschland bestehenden Naziregime negativ gegenüber. München hat diesen Konsens praktisch durchkreuzt. Vom Standpunkt der Moral unterschieden sich das Münchner Abkommen und der Molotow-Ribbentrop-Pakt kaum voneinander. Beide Dokumente wurden hinter dem Rücken jener Völker unterzeichnet, deren Schicksal sie betrafen. In München saßen die Vertreter der Tschechoslowakei in einem Nebenzimmer, als das Abkommen unterzeichnet wurde. In ihrer unmittelbaren Nähe wurde ohne ihr Wissen über das Schicksal ihres Landes entschieden. Wobei in München, anders als im Molotow-Ribbentrop-Pakt, die Rede nicht einmal von Interessensphären war. Darin war die Rede direkt von der Übergabe eines Teils der Tschechoslowakei an Deutschland, über die Aufteilung eines unabhängigen Landes zwischen anderen Staaten. Wir aber waren in München nicht dabei. Stalin war sehr argwöhnisch gegen die westlichen Demokratien, besonders misstrauisch stand er zu England. Im Münchner Vertrag sah er eine Spielart von Englands Kurs auf die Isolation der Sowjetunion.

    Frage: Warum aber zog Stalin damals den künftigen westlichen Alliierten doch Hitler vor? Historiker aus dem Kreis Ihrer Opponenten behaupten, weder England und Frankreich noch Polen hätten die von Moskau gestellte Bedingung, notwendigenfalls sowjetische Truppen durch ihr Territorium hindurchzulassen, akzeptieren können. In der Sowjetzeit war es üblich, der polnischen Vorkriegsführung vorzuwerfen, dass sie einem solchen Durchlass nicht zugestimmt hatte. Wir aber wissen heute aus der Erfahrung der Vergangenheit, dass Stalin, wenn er das Territorium eines Landes einmal besetzte, ihm eine selbstständige Entwicklung selten erlaubte.

    Antwort: Wir wollen uns daran erinnern, was das Thema der englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen war, die im Sommer 1939 in Moskau stattfanden. Erörtert wurde die Möglichkeit, den osteuropäischen Ländern im Falle eines Angriffs seitens Hitlerdeutschlands beizustehen. Im Juli 1939 wurde die Frage von Garantien für die baltischen Länder behandelt und im August endlos von Polen und Rumänien geredet. Am 20. August teilten uns die Franzosen mit, sie hätten den polnischen Außenminister Józef Beck doch herumgekriegt und Warschau die Zustimmung zum Durchlass der sowjetischen Truppen abgerungen. Aber eine offizielle Erklärung Polens wurde letztendlich nicht abgegeben. Eine Zusammenarbeit der UdSSR mit England und Frankreich wurde also noch vor dem Pakt vereitelt.

    Was die Frage anbelangt, ob Stalin das Territorium Polens, Rumäniens oder anderer Länder, durch die die sowjetischen Truppen im Falle eines Abkommens mit den westlichen Verbündeten hätten marschieren sollen, wieder geräumt hätte, so ist diese Frage sehr strittig. Es gab Beispiele von Ländern, denen Stalin sein System aufgezwungen hatte, aber es gab auch Länder, aus denen die sowjetischen Truppen nach einer zeitweisen Stationierung wieder abzogen und ihnen so die Entwicklung nach eigenem Ermessen überließen. Das waren Iran und Österreich. Auch in Finnland gehörte Andrej Schdanow nach dem Krieg zur Alliierten Kontrollkommision. Dennoch behielten all diese Länder ihre Unabhängigkeit bei. Das hätte sich auch auf Polen erstrecken können, wenn Frankreich und England ihm zuverlässige Garantien gewährt hätten.

    Frage: Das heißt, dass Hitler Stalin einfach eine vorteilhaftere Option anbot als England und Frankreich?

    Antwort: Bei den Verhandlungen mit England und Frankreich wurde das Problem der Territorien, die später in die sowjetische Interessenzone aufgenommen werden sollten, nur im Zusammenhang mit dem Durchlass der Truppen behandelt. Hitler aber ging weiter und schlug vor, die Interessensphären zu teilen. Bekanntlich hielt er sein Versprechen nicht lange ein. Schon im November 1940, als sich Molotow in Berlin aufhielt und die Beziehungen zwischen der UdSSR und Deutschland bereits schlecht waren, sagte Hitler dem sowjetischen Chefdiplomaten: Wer hat Ihnen denn gesagt, dass Sie das Recht bekommen hätten, sich diese Territorien einzuverleiben? Aus dem Pakt geht das nicht hervor! Das ist überhaupt die wichtigste Lehre aus den Ereignissen von 1938 - 1941: jedesmal, wenn einzelne Länder versuchen, ihre Sicherheit auf Kosten anderer zu realisieren und sich über gemeinsame Gefahren hinwegzusetzen, verliert nicht nur die kollektive Sicherheit, sondern auch jedes einzelne Land. Fast alle Länder Europas versuchten bis hin zum Jahr 1941, mit Hitler eine Einigung zu erzielen. Er versprach allen alles, um sie dann alle zu betrügen.

    Frage: Als der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR 1989 seinen Beschluss über die Einschätzung des Molotow-Ribbentrop-Paktes fasste, war die moralische Beurteilung dieses Dokuments eindeutig. Im Wortlaut des Beschlusses wurde es analog zum Münchner Abkommen von 1938 ebenfalls „Abmachung“ genannt. Heute dagegen wird das Wort "Abmachung", wenn in der offiziellen russischen Presse überhaupt gebraucht, nur auf München angewandt. Warum ist dem so?

    Antwort: Das Wort "Abmachung" im Beschluss des Kongresses spiegelte die sowjetischen politischen Realitäten von 1989 wider. Heute gebrauchen die meisten Wissenschaftler diese Terminologie nicht mehr. Der Stil ist neutraler geworden, es gibt nicht mehr die einzig richtige Beurteilung dieses oder jenes Ereignisses durch die Partei, an welche sich alle zu halten hatten. Und das ist normal. An unserem Institut vertreten Menschen, die sich mit dieser Periode befassen, oft völlig gegensätzliche Standpunkte sowohl über den Pakt als auch darüber, was darauf folgte. Ich habe von Anfang an gesagt, dass wir Bücher mit den unterschiedlichsten Meinungen drucken werden.

    Frage: Wenn ich Ihre Position richtig verstehe, finden Sie nicht einfach Parallelen zwischen München und dem Nichtangriffspakt, Sie vertreten darüber hinaus die Auffassung, dass Deutschland und die Sowjetunion nicht die einzigen Länder waren, die die Verantwortung für die Aufteilung Polens 1939 tragen.

    Antwort: Eine bestimmte Verantwortung tragen auch die Westmächte. Als am 17. September die sowjetischen Truppen in die östlichen Gebiete Polens einzogen, wurden in England Stimmen laut, dass es gelte, Deutschland den Krieg zu erklären, aber auch über die UdSSR Sanktionen zu verhängen. Im Ergebnis aber traf die englische Regierung die Entscheidung: die britischen Garantien an Polen erstreckten sich nur auf seine westlichen Grenzgebiete, und gegen die UdSSR wurden keine Sanktionen verhängt. Im Gegenteil, es wurde Befriedigung darüber geäußert, dass die sowjetischen Truppen an der Curzon-Linie stehen blieben, das heißt an der Grenzlinie zwischen Polen und Sowjetrussland vom November 1918, nachdem Polen die Unabhängigkeit ausgerufen hatte.

    Frage: Wer äußerte diese Befriedigung?

    Antwort: Das Außenministerium, das Kriegskabinett und selbst das Parlament Großbritanniens. Es gab also keine Demarchen gegen uns. Auch fiel 1939 kein einziger Schuss, um Polen zu verteidigen. Es gab nicht einmal demonstrative Handlungen, um die deutschen Truppen von Polen abzulenken. Ähnlich stand es um das Baltikum. Die westlichen Länder erkannten die Eingliederung der baltischen Länder in die Sowjetunion de jure nicht an, aber de facto taten sie das. Folglich tragen die westlichen Länder ebenfalls einen Teil der Verantwortung für die damaligen Ereignisse in Osteuropa.

    Mehr noch, nicht nur Stalin und Hitler praktizierten die Geheimdiplomatie. Whinston Churchill, nach Chamberlains Rücktritt bereits Premierminister, schrieb im Sommer 1940 einen Brief an Stalin, worin er ein Geheimabkommen zwischen Großbritannien und der UdSSR vorschlug. Was versprach Churchill Stalin im Tausch gegen die Loyalität der Sowjetunion? Er versprach, dass von diesem Abkommen niemand erfahren und dass Großbritannien nach dem Sieg über Deutschland die Zugehörigkeit des Baltikums zur UdSSR de facto anerkennen werde.

    Frage: Wurde dieser Brief veröffentlicht? Und wie antwortete Stalin auf den Brief?

    Antwort: Dieser Brief ist im Archiv des Außenministeriums der UdSSR zu finden, seine Kopien werden auch in englischen Archiven aufbewahrt. Ich habe ihn in meinem Buch veröffentlicht. Als Stalin den Brief gelesen hatte, grinste er, wie Augenzeugen bestätigen, und sagte: "Was verspricht er die Anerkennung erst nach dem Krieg, wo doch all das de facto bereits anerkannt worden ist!" Wie wir sehen, bewegte das Schicksal der baltischen Völker Churchill nicht allzu sehr.

    Frage: Aber Churchill hat die Angliederung des Baltikums an die UdSSR einfach nur "weggesteckt", während Stalin die Triebkraft und der Organisator dieser Angliederung war. Also trägt doch Russland die größte Verantwortung.

    Antwort: Die Verantwortung trägt immerhin nicht Russland, sondern die Sowjetunion. Die Frage der Nachfolgeschaft in einem Bereich wie dem der Verantwortung ist sehr verworren. Auch darf nicht vergessen werden, dass am Prozess der endgültigen Vorbereitung des Paktes sowjetischerseits nur einige wenige Personen teilnahmen: Stalin, Molotow und Woroschilow, der mit den Engländern und den Franzosen verhandelte. Selbst Chruschtschow, der damals Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU war, schreibt in seinen Erinnerungen, dass er vom Pakt erst am Abend des Tages seiner Unterzeichnung erfahren habe.

    Heute versuchen die Vertreter Polens und der baltischen Länder, diese Frage den internationalen Organisationen zu unterbreiten, und einige ihrer Staatsorgane (beispielweise das litauische Parlament) stellen an Russland in die Milliarden gehende Forderungen als Leistung für die Zeit der "Okkupation". Was ist da zu tun? Wäre ihr Herangehen nicht dermaßen radikal, fiele auch die Reaktion in Russland möglicherweise nicht so hart aus. Immerhin ist das eine alte Geschichte, deren Studium eher abstrakt theoretischen als praktischen Charakter tragen sollte. Wie ist es möglich, den heutigen Generationen eine Rechnung für die Handlungen von Stalin und zwei Personen aus seinem Gefolge zu präsentieren, Handlungen, über welche die anderen Bürger der UdSSR keine Informationen hatten? Der Stalinismus und der Nazismus können schon deshalb nicht einander gleichgesetzt werden, weil das sowjetische System sein Vermögen bewiesen hat, sein Wesen zu verändern. Die Geheimprotokolle wurden bereits unter Gorbatschow veröffentlicht, ihr verbrecherisches Wesen wurde also noch zu Sowjetzeiten anerkannt. Das Hitler-Regime zeigte keinerlei Anzeichen der Fähigkeit zu einer Transformation. Das Nazi-Regime beruhte auf einer unverhüllten Predigt des Genozids gegenüber anderen Völkern. Der Stalinismus begründete das Genozid als Idee nicht, er verbrämte das eigene Wesen mit den schönsten Worten, aber zu leiden hatte darunter vor allem das Sowjetvolk selbst.

    Das Gespräch führte Dmitri BABITSCH.

     

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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