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    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt: Kurzsichtige Politik

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    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)
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    Wladimir Ryschkow für RIA Novosti

    MOSKAU, 21. August (Wladimir Ryschkow für RIA Novosti). "Jetzt habe ich die Welt in meiner Tasche!" jubelte Hitler, als am 23. August 1939 in Moskau der Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion (Hitler-Stalin-Pakt auch als Molotow-Ribbentrop-Pakt bekannt) unterzeichnet wurde.

    Am 11. April 1939 hatte Hitler bereits den Plan des Überfalls auf Polen abgesegnet. Das Einzige, das den "Führer", der bereits Österreich und die Tschechoslowakei einverleibt hatte, beunruhigte, war die Gefahr eines Zwei-Fronten-Krieges gegen England und Frankreich im Westen und gegen die UdSSR im Osten. Die Unterzeichnung des Vertrags mit Stalin beseitigte diese Gefahr. Mehr noch: Neben dem Nichtangriffsvertrag gab es noch das am 19. August 1939 unterzeichnete deutsch-sowjetische Handelsabkommen. Die UdSSR bekam neueste deutsche Waffen sowie moderne Technologien, Werkzeugmaschinen und Ausrüstungen und Deutschland bezog das, was für einen Krieg am meisten benötigt wurde: Metalle, Erdölprodukte, Getreide und andere wichtige Rohstoffe.

    Bis heute sind Streitereien darüber im Gange (sie werden wohl kaum jemals aufhören), ob Hitler Polen überfallen hätte, wenn Stalin ihm nicht seine Nichteinmischung garantiert hätte. Oder was gewesen wäre, wenn die englisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen über ein Militärbündnis, die den ganzen Sommer 1939 in Moskau andauerten, nicht in einem völligen Fiasko geendet hätten. Zu guter Letzt wird darüber gestritten, wer an dem Desaster mehr schuld sei: der Westen oder der Kreml. Fest steht auf jedem Fall: Im Herbst 1939 waren beide Diktatoren bester Laune.

    Hitler bekam alles, was er wollte. Er hatte Polen zerschlagen und okkupiert, einen empfindlichen Keil zwischen die UdSSR und den Westen getrieben. Nun erhielt er mitten im Kampf gegen England und Frankreich Zugang zu strategisch wichtigen Rohstoffen in der Sowjetunion.

    Auch Stalin war zufrieden. Am 17. September 1939 zog die Rote Armee in Polen ein und okkupierte seinen ganzen östlichen Teil in genauer Befolgung der Vereinbarungen mit Hitler. Am 30. November 1939 griffen die sowjetischen Truppen Finnland an. Nach dem blutigen Kampf fiel ein Teil des finnischen Territoriums der UdSSR zu.

    Von der schnellen Zerschlagung und Aufteilung Polens beflügelt, beeilten sich beide Diktatoren, das erfolgreiche Bündnis festzuzurren. Am 28. September 1939 kam der sowjetisch-deutsche Grenz- und Freundschaftsvertrag zustande, der ebenfalls geheime Anlagen und Landkarten enthielt. In die sowjetische Interessensphäre geriet noch Litauen. 1940 wurden Litauen, Lettland, Estland sowie Bessarabien und die nördliche Bukowina in die UdSSR aufgenommen. Auf diese Weise erweiterte Stalin in großem Maße seine Besitztümer, stieß Hitler zugleich zum Krieg im Westen an und half dem Führer dabei sogar ein wenig. Außerdem verbesserte er beträchtlich die strategischen Positionen der UdSSR im Falle eines Angriffs Deutschlands. Bald stellte sich heraus, dass diese Politik äußerst kurzsichtig war: Nachdem Hitler Frankreich, Belgien, die Niederlande, Dänemark und Norwegen besiegt und an Stärke kolossal zugenommen hatte, startete er einen Angriff gegen die UdSSR, der seiner Wucht und der Opferzahl nach verheerend war. Doch im Herbst 1939 sah Stalin das nicht voraus.

    Es ist und bleibt absolut indiskutabel: Hitlers Nazi-Regime war der einzige und wichtigste Schuldige an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, der Dutzende Millionen Menschen in der ganzen Welt, aber am meisten in der Sowjetunion in den Tod führte.

    Doch ein gewisser Teil der Schuld trifft auch die damaligen Spitzenpolitiker des Westens. Die USA hielten sich lange Zeit von den Problemen in Europa fern, bis diese schließlich weltweite Ausmaße annahmen. Großbritannien und Frankreich nahmen es hin, als Hitler im März 1936 deutsche Truppen ins Rheingebiet einmarschieren ließ. Sie blieben untätig, als Hitler im März 1938 dem "Dritten Reich" Österreich anschloss. Im September 1938 unterzeichneten sie in München das schmähliche Abkommen über die Aufteilung der Tschechoslowakei. Dann unternahmen sie nichts, als Hitler ganz Tschechien okkupierte. London, Paris und Moskau sind auch daran schuld, dass sie sich im Sommer 1939 nicht über ein Anti-Hitler-Bündnis einigen konnten. Ein gut Teil der Schuld trifft ferner Polen, Litauen und die Slowakei: Sie beteiligten sich ebenfalls an den Gebietsaufteilungen jener Jahre. All diese strategischen Fehler führten direkt in einen großen Krieg.

    Unmöglich ist ferner die Verneinung der Tatsache, dass die Abmachung zwischen Hitler und Stalin bei der Entfesselung des Weltkriegs eine große Rolle spielte. Im Unterschied zum schmachvollen Münchner Abkommen, das Hitler nur einen überwiegend deutsch besiedelten Teil der souveränen Tschechoslowakei zugestand, teilte der Molorow-Ribbentrop-Pakt einen bedeutenden Teil von Osteuropa zwischen Moskau und Berlin auf und entschied insgeheim über die Geschicke von sechs souveränen Staaten nicht nur ohne ihr Einverständnis, sondern auch ohne ihre Benachrichtigung. Nicht von ungefähr stritt die sowjetische Führung stets das Bestehen der Geheimprotokolle ab. Die Protokolle selbst wurden sorgfältig in den persönlichen Tresoren der sowjetischen KP-Generalsekretäre versteckt gehalten.

    Am 24. Dezember 1989 fasste der Kongress der Volksdeputierten der UdSSR, das oberste Machtorgan der Sowjetunion, aufgrund der Arbeitsergebnisse einer von Akademiemitglied Alexander Jakowlew geleiteten Sonderkommission einen Beschluss, worin die Existenz und Authenzität der Geheimprotokolle zugegeben und der Paktabschluss verurteilt wurden. Dabei wurde betont, dass die Vereinbarungen heimlich vor dem Sowjetvolk gemacht wurden, "das für diese Abmachung keine Verantwortung trug". Den Beschluss unterschrieb Michail Gorbatschow, damals Vorsitzender des Obersten Sowjets der UdSSR. 1990 wohnte Gorbatschow der Grundsteinlegung einer Gedenkstätte für die von der NKWD im Jahr 1940 erschossenen gefangenen polnischen Offiziere bei. 1991 wurde zwischen Russland und Litauen ein zwischenstaatlicher Vertrag geschlossen. In seiner Präambel wurde die Annexion Litauens durch die Sowjetunion zugegeben. Russlands Präsident Boris Jelzin verurteilte öffentlich mehrmals den Molotow-Ribbentrop-Pakt, er nannte ihn eine Äußerung der "schmutzigen Politik von Hitler und Stalin". Der Pakt selbst und der Wortlaut der Geheimprotokolle wurden mehrfach publiziert.

    Nach diesen Geständnissen und Publikationen wirkt die heutige Position einiger russischer Offizieller und der staatlichen Propaganda sehr merkwürdig. Darin wird die Abmachung zwischen Hitler und Stalin erneut als ein absolutes Muss und sogar als "die einzig richtige Entscheidung" gerechtfertigt, jedoch die Wahrheit von der Erschießung in Katyn und der Rolle des Molotow-Ribbentrop-Paktes bei der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges wie auch bei der gewaltsamen Aufteilung Osteuropas verneint. Die Resolution der Parlamentarischen Versammlung der OSZE, deren Hauptinhalt eine scharfe Verurteilung der totalitären Regimes bildet, hat aus irgendeinem Grunde Zorn ausgelöst. Dabei waren die wichtigsten der Regimes im 20. Jahrundert die von Hitler und Stalin. Jemand hatte den Vertrieb des dokumentarisch und künstlerisch genauen Films von Andrzej Wajda "Katyn" in Russland verboten. Völlig unverständlich ist, warum das heutige Russland mit seiner demokratischen Verfassung, das die Verbrechen des Stalin-Regimes offiziell verurteilt hat, es heute nötig hat, als Anwalt des Stalinismus sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik aufzutreten.

    Der Schutz von Stalins Geschichtsauffassung und des Stalinschen Herangehens an die Innenpolitik (beides ist in den neuen russischen Geschichtslehrbüchern genau zu verfolgen) bringt Russland in Misskredit und kompliziert in höchstem Maße seine Beziehungen zu den nächsten Nachbarn, die seinerzeit unter der zynischen Abmachung zwischen beiden Diktatoren zu leiden hatten. Es fällt schwer, zu verstehen, was außer eines falsch verstandenen Patriotismus und eines ebenso schiefen Ehrgefühls von uniformierten Verbrechern Russland, das mit den Verbrechen des Stalinismus nichts gemein hat, daran stört, gemeinsam mit Polen die Erschießung von Katyn 1940 zu verurteilen und alle vorhandenen Dokumente freizugeben. Was verhindert die Freigabe und Veröffentlichung aller Dokumente zur Massenhungersnot von Anfang der 30er Jahre, die das Stalin-Regime in den südlichen Gebieten der Sowjetunion organisierte? Warum kann Russland dieses Verbrechen an der Menschheit nicht gemeinsam mit der Ukraine verurteilen? Was hindert uns daran, alle Dokumente über die Massendeportationen und -erschießungen im Baltikum freizugeben und dann diese Verbrechen gemeinsam mit Litauen, Lettland und Estland zu verurteilen? Was lässt uns nicht zugeben, dass die nach 1945 in Osteuropa errichteten kommunistischen Regimes aufgezwungen waren? Warum können wir sie nicht gemeinsam mit den Polen, Ungarn, Bulgaren, Tschechen und anderen verurteilen? Russland ist kein Rechtsnachfolger des Stalin-Regimes, und die Verurteilung von dessen Fehlkalkulationen und Verbrechen wird das internationale Ansehen unseres Landes nur erhöhen und das Vertrauen zu ihm sowie seiner Politik festigen. Und umgekehrt: Die Verteidigung der Stalinschen Hinterlassenschaft lässt die alten Ängste und die Beschuldigungen, Russland treibe eine neoimperiale aggressive Politik, schroff aufwachen lassen.

    Wenn wir die Verbrechen des Stalinismus verurteilen und das Verbrecherische des Stalin-Regimes selber zugeben, das unter anderem auch für die zahllosen Opfer unseres Volkes in den Vorkriegs- und Kriegsjahren wie auch in der Nachkriegszeit die Verantwortung trägt, wird das die Großtat unseres Volkes nur noch hervorheben und ausleuchten - eines Volkes, das entgegen allen Bestialitäten und Verbrechen der eigenen Regierung zur Zerschlagung des Nazismus am meisten beitrug.

    Zum Verfasser:

    Historiker Wladimir Ryschkow ist Professor an der Moskauer Wirtschaftshochschule und Vorsitzender der Bürgerbewegung "Russlands Wahl".

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

     

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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