Widgets Magazine
00:40 23 September 2019
SNA Radio
    Meinungen

    Molotows Enkel zu Hitler-Stalin-Pakt: "Er hat nie bereut, ihn unterschrieben zu haben"

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)
    0 20
    Abonnieren

    Eines der umstrittensten Dokumente der Geschichte Russlands - der Nichtangriffsvertrag zwischen der UdSSR und Deutschland - wurde vor 70 Jahren am 23. August 1939 unterzeichnet.

    MOSKAU, 21. August (RIA Novosti). Eines der umstrittensten Dokumente der Geschichte Russlands - der Nichtangriffsvertrag zwischen der UdSSR und Deutschland - wurde vor 70 Jahren am 23. August 1939 unterzeichnet.

    Dem Molotow-Ribbentrop-Pakt bzw. Hitler-Stalin-Pakt lag ein geheimes Zusatzprotokoll bei, das im Falle einer "territorialen Umgestaltung" die sowjetische Einflusssphäre in Osteuropa von der deutschen abgrenzte. Trotz des unterzeichneten Vertrags überfielen die deutschen Truppen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion.

    Darüber, ob der Pakt notwendig war oder eine Alternative zu ihm hätte gefunden werden können, ob er den Krieg aufschob, wovon sich die Sowjetmacht leiten ließ und wie der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow den Pakt beurteilte, sprach RIA-Novosti-Korrespondentin Maria Frolowa mit Molotows Enkel, dem Politologen und Exekutivdirektor der Stiftung "Russki Mir", Wjatscheslaw Nikonow.

    RIA Novosti: War der Pakt ein Schachzug, um mehr Zeit für die Vorbereitung zu einem Krieg zu gewinnen, oder ein geäußerter Wunsch des "Dritten Reiches" und der Sowjetunion, die Interessenssphären voneinander abzugrenzen?

    Nikonow: Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Für die sowjetische Führung war die Fragestellung Ende August recht einfach. Deutschland werde einen Krieg mit Polen beginnen - das wurde beinahe offiziell bekannt gegeben. Die Hauptfrage sei, wo sie eigentlich Halt machen wollten. Wenn in Warschau - würden sie dann gegen Minsk oder gegen Moskau vorrücken? Unter diesen Bedingungen bedeutete die Abgrenzung der Interessenzonen die Festlegung der Linie, an der die deutschen Truppen haltmachen würden. Das war für die Sowjetunion also eine Frage über Tod oder Leben. Worum handelte es sich, um den Wunsch, Zeit zu gewinnen, oder um die Absicht, die Interessen gegeneinander abzugrenzen? All das hing aufs Engste miteinander zusammen.

    RIA Novosti: Gab es eine Alternative zum Pakt? Hat seine Unterzeichnung den Krieg gegen Hitler-Deutschland schneller näher gebracht oder aufgeschoben?

    Nikonow: Theoretisch gab es natürlich eine Alternative zum Pakt. Die sowjetische Führung schlug eine solche Alternative zumindest seit April 1939 vor: nämlich die Schaffung eines gesamteuropäischen Sicherheitssystems auf der Grundlage von Abkommen zwischen der Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich. Die Abkommen hätten Sicherheitsgarantien für Polen und Rumänien vorgesehen. Die Schaffung eines solchen Systems hätte im Prinzip die Chancen auf die Entfesselung des Kriegs Deutschlands gegen Polen stark abbremsen können. Leider wurde diese Alternative nicht realisiert. Es gab diese Versuche, aber sie führten ins nichts. Vor allem deshalb, weil Frankreich und Großbritannien nicht bereit waren, gewisse Verpflichtungen zu übernehmen. Zweitens deshalb, weil Polen und Rumänien keine Sicherheitsgarantien von der Sowjetunion wollten. Theoretisch gab es also diese Alternative, doch konnte sie in der Praxis nicht Wirklichkeit werden.

    Da der Krieg zudem schon rasend schnell über Polen zog, stellte sich die Frage nach der konkreten Erzielung einer Vereinbarung. Leider hatten die militärischen Delegationen aus Frankreich und England, die im August in Moskau tätig waren, keine Befugnisse, um irgendwelche Abkommen zu unterzeichnen. Deshalb war die Wahl hier nicht besonders groß. Deshalb konnte man unter diesen Bedingungen, als die Verhandlungen mit Frankreich und England nicht richtig vorankommen wollten, von keiner Alternative sprechen. Eigentlich gab es keine.

    Was den Zeitpunkt des Überfalls Deutschlands auf Polen betraf, so war der Pakt in dem Fall neutral. Der Zeitpunkt war lange vor dem Pakt festgelegt worden, und Hitler hätte ohnehin Polen mit oder ohne ihn überfallen. Für Hitler gab es keinen besonderen Unterschied, wenn man bedenkt, dass er Chancen und vielleicht die Absicht hatte, schon damals auch einen Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen.

    RIA Novosti: War der Überfall der Deutschen für die sowjetische Führung wirklich eine Überraschung?

    Nikonow: Der Überfall wurde jeden Tag erwartet. Dass dies nicht am 21., sondern am 22. Juni 1941 geschah, war keine sonderlich große Überraschung.

    RIA Novosti: Das heißt, dass der Krieg trotz der Unterzeichnung des Paktes erwartet wurde?

    Nikonow: Unbedingt. Die Führung war sich hundertprozentig sicher, dass der Krieg kommen wird. 1939 konnte er noch aufgeschoben werden. Mein Großvater sagte zu mir: Nach der Ansicht seiner Kollegen in etwa um ein Jahr. Dann gelang noch ein gewisser Aufschub. Natürlich bestand auch noch am 21. Juni die Hoffnung auf einen abermaligen Aufschub.

    RIA Novosti: Besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Pakt und der Münchner Abmachung?

    Nikonow: Die Münchner Abmachung sah keinerlei Interessensgebiete vor. In München wurden keine Nichtangriffspakte unterzeichnet. In München trafen sich die Regierungschefs der westlichen Staaten mit Deutschland, gesprochen wurde über die deutschen Gebietsansprüche an die Tschechoslowakei. In München wurden die Gebietsansprüche Deutschlands für begründet erklärt. Das heißt, dass ein Teil der Tschechoslowakei den Deutschen übergeben wurde. Daraufhin wurde schon bei der faktischen Annexion Tschechiens ein Auge zugedrückt. Das sind einfach unterschiedliche Ereignisse. Aber natürlich ermutigten die westlichen Staaten den Aggressor bereits seit vielen Jahren, und das bezog sich nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Italien.

    RIA Novosti: Sprach Molotow über seine Eindrücke vom Treffen mit der deutschen Delegation?

    Nikonow: Doch. Das seien ernsthafte Menschen, sagte er. Weil er aber nahezu täglich mit Außenministern und Staatschefs zusammenkam, bisweilen mehrmals am Tag, denke ich nicht, dass sie irgendeinen unvergesslichen Eindruck auf ihn machten. Obwohl es natürlich ein wichtiges Ereignis war.

    RIA Novosti: Was war der Pakt für Molotow selbst? Wie beurteilte er ihn?

    Nikonow: Er beurteilte ihn positiv. Er war der Meinung, dass der Pakt uns ermöglichte, uns auf den Krieg vorzubereiten und letztendlich den Sieg zu erringen. Er bereute nie, ihn unterzeichnet zu haben.

    RIA Novosti: Gab es unter Deutschlands Abkommen mit anderen Staaten Analogien zum Pakt?

    Nikonow: Deutschland hatte auch mit anderen Staaten Nichtangriffsverträge, darunter mit dem bereits erwähnten Polen. Allerdings wurde dieser Vertrag im April 1939 aufgekündigt. Aber Nichtangriffspakte wurden unter den Staaten natürlich geschlossen.

    RIA Novosti: Der Pakt ist eines der Hauptargumente für jene, die die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges revidieren wollen. Was sollte Russland tun, um sich den Versuchen der Gleichsetzung von Nazismus und Kommunismus zu widersetzen?

    Nikonow: Versuche, den Faschismus und den Kommunismus gleichzusetzen, bedeuten eine bestimmte ideologische Position. Da lässt sich wohl kaum etwas tun. Antworten auf diese Fragen gab seinerzeit der Nürnberger Prozess, bei dem eigentlich die Schuld der Seiten bestimmt wurde. Die Leute, die am Faschismus Gefallen finden - tja, was kann man ihnen groß empfehlen? Nichts. Wenn jemand gewisse historische Fakten zu politischen Zwecken ausnutzen will, ist es unmöglich, dies diesen Leuten zu verbieten, sie werden das Ihre auch weiter tun.

    RIA Novosti: Was könnte eine Revision der Geschichte für Russland mit sich bringen?

    Nikonow: Für Russland nichts, wie ich hoffe. Man möchte, dass dies für die ganze Menschheit nicht in die Rehabilitierung des Faschismus umschlage, die in einigen vielen bekannten Ländern ziemlich rege vor sich geht. Es gibt gewisse Länder, in denen dieser Prozess im Gange ist und die dabei eine ziemlich ernsthafte Unterstützung bekommen, darunter auf der Ebene europäischer Strukturen. Auf jeden Fall stand die Europäische Union, als der Bronzesoldat in Tallinn abgebaut wurde, ganz auf Seiten Estlands und nicht Russlands. Bei jedem Konflikt Russlands mit einem Nachbarn wird die Europäische Union auf Seiten des Nachbarstaats stehen, was dieser auch anstellen mag. Dies hat jetzt bereits einen Stand erreicht, bei dem sich ein Nachbar in der Rehabilitierung des Faschismus üben kann - trotzdem wird er dabei unterstützt werden.

     

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Themen:
    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)