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    Hitler-Stalin-Pakt: Russisches Roulette zwischen Hitler und Stalin

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    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)
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    Boris Kaimakow, RIA Novosti

    MOSKAU, 21. August (Boris Kaimakow, RIA Novosti). Unter den russischen Publizisten gibt es zwei konträre Standpunkte zum Hitler-Stalin-Pakt (auch Molotow-Ribbentrop-Pakt genannt).

    Während die liberalen Publizisten ein verbrecherisches Komplott zweier Diktatoren in dem Nichtangriffsvertrag sehen, sind die national eingestellten Geschichtswissenschaftler und Journalisten der Meinung, der Pakt sei durch die Politik der westlichen Staaten bedingt gewesen und habe den Interessen der Sowjetunion entsprochen.

    Der Präsident des Zentrums für Systematische Analyse und Prognose, Rostislaw Ischtschenko, behauptet, dass die Sowjetunion vor 70 Jahren, am 23. August 1939, einen großen Sieg erzielt habe. Stalin (damals Chef des KPdSU-Zentralkomitees) habe die Situation insgesamt richtig eingeschätzt und im Fahrwasser der damals üblichen moralischen und diplomatischen Regeln gehandelt. Seiner Meinung nach hätte Hitler keinen Krieg gegen die UdSSR gewagt, denn ein Zwei-Fronten-Krieg hätte unvermeidlich zu einer Niederlage Deutschlands geführt.

    RIA-Novosti-Kommentator Pjotr Romanow wirft Paris und London vor, ein Doppelspiel geführt und den Kreml vor die Wahl gestellt zu haben: Entweder moralisch, aber politisch unsachgemäß zu handeln und auf eine Annäherung mit Hitler zu verzichten oder aber unmoralisch und politisch vernünftig zu verfahren. Die Unterzeichnung des Dokuments hat die unvermeidliche Kollision mit Deutschland hintangestellt und es ermöglicht, den Faschisten unter besseren Bedingungen zu begegnen.

    Diesen Standpunkt hat auch der sowjetische Ex-Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Valentin Falin, in einer Diskussion vertreten. Ihm zufolge hat die Einverleibung zusätzlicher Gebiete, die die sowjetische Grenze weit in den Westen gerückt hatte, der UdSSR einen immensen strategischen Nutzen gebracht. Die Wehrmacht war dadurch gezwungen, bei einem erbitterten Widerstand der Roten Armee in die angeschlossenen Territorien vorzurücken.

    Das, was patriotisch gesinnte Publizisten eine unmoralische, aber doch notwendige Politik nennen, wird von den liberalen Geschichtsforschern als ein überaus grobes völkerrechtliches Delikt angeprangert.

    So schreibt Denis Babitschenko in der Zeitschrift "Itogi", dass die UdSSR nach der Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Paktes die Rolle eines Aggressors gespielt habe und erst später selbst Opfer der Aggression geworden sei. Mehr noch: Der Autor gelangt zu einem für den einfachen russischen Leser schockierenden Schluss: "Es ist nicht leicht, auf der Ebene des Massenbewusstseins zu begreifen, dass der Molotow-Ribbentrop-Pakt in einem großen Maße der Entfesselung des Krieges diente."

    Diese These wird indirekt vom Kommentator Romanow geteilt. Am Ende seines Artikels schreibt er, dass Deutschland die Rote Armee als einen gefährlichen Rivalen unschädlich gemacht hatte und sich die Hände für die erste Kriegsphase in Europa frei machen konnte.

    Diese Feststellung kann als ein notwendiges Gegenargument in einer Diskussion aufgefasst werden, wenn die Frage aufkommt, ob Stalin als erster habe Hitler überfallen wollen. Diese These fand erstmals ein großes Echo in Russland, als Viktor Suworows "Der Eisbrecher" vor rund zehn Jahren erschienen war. Der Autor behauptete anhand von zahlreichen offenen Quellen in Russland, dass gerade Stalin geplant habe, als erster Deutschland zu überfallen.

    Viktor Suworow ist das Pseudonym des im Westen zurückgebliebenen Aufklärers des militärischen Auslandsgeheimdienstes GRU, Wladimir Resun.

    Da die russischen und die westlichen Wissenschaftler noch keinen Zugang zu besonders wichtigen Archivdokumenten aus der damaligen Zeit haben, war Suworows Analyse eine Sensation und wurde bis jetzt von keinem angesehenen Geschichtsschreiber widerlegt.

    Mehr noch: Diese Analyse spaltete die Geschichtsforscher in zwei Lager. So ist der Direktor des Institutes für Russische Geschichte, Andrej Sacharow, der Auffassung, dass die von Suworow dargelegte Version einer Vorbereitung der UdSSR auf einen Angriffskrieg eine bewiesene Tatsache sei.

    Ein anderer angesehener Historiker, Akademiemitglied Alexander Tschubarjan, hingegen sieht keine dokumentarischen Beweise für die Theorie eines Präventivschlages. Er spricht lediglich von einer Politik der Umstellung der defensiven Denkweise der Bevölkerung auf eine offensive. Als letztes Argument beruft sich der Experte auf Wissenschaftler im Westen, die die von Suworow vorgebrachte Version ablehnen.

    Das in der Zeitschrift "Itogi" veröffentlichte Interview mit Akademiemitglied Tschubarjan nimmt sich recht ungewöhnlich aus. Bei der Beantwortung von scharfen Fragen der Zeitschrift ist das Mitglied der Präsidentenkommission gegen Geschichtsfälschung offensichtlich bemüht, eine Diskussion bei heiklen Fragen zu vermeiden. Seine Antworten ähneln den Aussagen eines Tatverdächtigen gegenüber dem Ermittler. Sie sind wortkarg, aalglatt und größtenteils nicht analytisch.

    Doch auf die Frage, ob Stalin mit der Unterzeichnung des Paktes einen Fehler begangen habe, sagte Tschubarjan eindeutig: "Hitler hatte 1939 alle überlistet, aber letztendlich verloren." Also trifft die Aussage des französischen Politikers aus der Napoleon-Zeit, Joseph Fouché, auf Stalin zu, dass ein politischer Fehler mehr sei als ein Verbrechen.

    Der Molotow-Ribbentrop-Pakt war eine Art russisches Roulette, das Stalin und Hitler gespielt hatten. Bezeichnenderweise traf die letzte Kugel aus der Revolvertrommel den Führer in die Schläfe.

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