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    Wo Hitler seinen Krieg begann: Die Provokation von Gleiwitz

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    70 Jahre Hitler-Stalin-Pakt (10)
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    Leonid Swiridow, RIA Novosti

    GLEIWITZ (Polen), 31. August (Leonid Swiridow, RIA Novosti). Die von der SS inszenierte Provokation in Gleiwitz am 31. August 1939 lieferte Hitler formal den Vorwand, den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln.

    Bereits am 1. September wurde die Westerplatte bei Danzig unter Feuer genommen und der Einmarsch nach Polen begonnen.

    Гливицкая радиостанция"Heute ist hier ein Museum, uns besuchen viele Touristen, besonders Deutsche, aber auch Gäste aus Russland. Doch RIA Novosti ist das erste russische Medium, das für diese Geschichte ein so starkes Interesse zeigt. Soweit ich mich erinnere, gab es hier, jedenfalls nach 1989, als in Polen umfassende Prozesse der politischen und wirtschaftlichen Umgestaltung begannen, keine russischen Journalisten", sagt Andrzej Jarczewski, Direktor des Museums "Sender Gleiwitz".

     

    Ein wenig Geschichte

    Gleiwitz (polnisch Gliwice, tschechisch Hlivice) ist eine Stadt in Schlesien im südlichen Teil Polens. Gegenwärtig zählt sie an die 200 000 Einwohner - nach europäischem Maßstab eine gewöhnliche mittelgroße Stadt.

    Ihre erste geschichtliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1276. Zuerst war die Stadt tschechisch, dann polnisch, und nach 1742 wurde sie Preußen angegliedert.

    Nach dem Ersten Weltkrieg ereigneten sich hier drei schlesische Aufstände (1919 - 1921) und drei Volksentscheide. Am 20. März 1921 hätte die Bevölkerung entscheiden sollen, ob sie zu Polen oder Deutschland gehören wolle. 32 029 Wähler (78,7 Prozent der Stimmen) sprachen sich dafür aus, im Bestand Deutschlands zu bleiben; 8558 Einwohner (21 Prozent) waren für den Anschluss an Polen. Die Wahlbeteiligung machte 97 Prozent aus. Gleiwitz war die letzte größere Stadt am äußersten Rand des "Dritten Reiches", die Grenze zu Polen lag nur fünf Kilometer entfernt.

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 fiel Gleiwitz als auch ganz Schlesien Polen zu.

    Ungewöhnlicher Holzturm

    Гливицкая радиостанцияJarczewski erzählt: "Eine der interessantesten Holzbauten Oberschlesiens ist der Sendeturm Gleiwitz, der mit seinen 111 Metern Höhe zurzeit die weltweit höchste Holzkonstruktion ist."

    Dank einer sorgfältigen technischen Wartung, Vorbeugungsmaßnahmen und jährlichen Reparaturen kann der Turm noch 20 Jahre lang gefahrenfrei betrieben werden. "Der Baustoff ist Lärchenholz, das gegen Schädlinge und Wetterfaktoren besonders widerstandsfähig ist. Hier gibt es keinen einzigen Eisennagel. Die Balken sind durch 16 000 Messingschrauben miteinander verbunden", setzt der Museumsdirektor fort. Alle Gebäude des Senders wurden 1935 von der deutschen Firma Lorenz errichtet. Im Hauptgebäude haben sich viele Originalfunkapparaturen aus der Vorkriegszeit erhalten - sie stammen von Siemens, Telefunken, der AEG und anderen Firmen.

    Der Turm ist weiter in Betrieb. Auf ihm sind einige Dutzend Antennen angebracht, die das Rettungszentrum von Gleiwitz, Handynetze und andere Nachrichtensysteme bedienen. Dank den Nutzungsgebühren ist der Turm finanziell selbstständig.

    "Großmutter gestorben"

    Um 20 Uhr des 31. August 1939 drangen mehrere bewaffnete SS-Leute in Zivil, angeblich "schlesische Aufständische", auf das Gelände des deutschen Rundfunksenders in Gleiwitz ein. Die Operation leitete SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks, der auf Hitlers direkte Weisung von SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, ausgewählt wurde.

    Die Operation fand unter besonderer Geheimhaltung statt. Es wurde nur das Codesignal festgelegt und von Heydrich telefonisch Naujocks durchgegeben: "Großmutter gestorben". Das war der Befehl, die Operation zu beginnen.

    Die verkleideten SS-Leute konnten nur einen Teil der Mitteilung in polnischer Sprache (buchstäblich zehn Sekunden lang) durchgeben: "Achtung! Achtung! Hier ist der Sender Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand..." Der weitere Teil des damals vorgelesenen Aufrufs kam nicht durch: Ein Angestellter des Senders schlich sich unbemerkt für Hitlers Leute am Hauptschalter vorbei und drückte auf den "Aus"-Knopf.

    "Lebende Konserve"

    "Hier, an dieser Stelle vor dem Eingang zum Gebäude des Senders, wurde Franciszek (Franz) Honiok getötet, ein Oberschlesier, der als das erste Opfer des Zweiten Weltkriegs gilt", sagt der jetzige Direktor des Rundfunksenders Gleiwitz.

    Am Vorabend wurde Honiok von der Gestapo in seinem Heimatdorf bei Gleiwitz verhaftet. Hitlers Leute betäubten ihn mit Drogen, brachten ihn um 20.10 Uhr als "lebende Konserve" zum Sendergebäude und erschossen ihn gleich.

    Der Schlesier hätte als Beweis der "polnischen Schuld" dienen sollen. Das Ziel dieser Inszenierung war, zu zeigen, dass Deutschlands Überfall auf Polen nur eine Antwort auf die Gewalt der polnischen Seite gegen die deutschen Einwohner sei. Am Tag darauf, dem 1. September 1939, hielt Hitler eine Rede, in der er den Beginn von Kriegshandlungen mit Grenzprovokationen erklärte.

    Im Sommer 1939 hatten die Deutschen zahlreiche Provokationen längs der ganzen polnisch-deutschen Grenze veranstaltet. Das Hauptziel der Operation "Großmutter gestorben" bestand darin, die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens von der Erfüllung der Verträge abzuhalten, die Polen militärische Hilfe garantierten. "Die so genannte 'Logik' war einfach: Wenn die Deutschen von den Polen überfallen wurden, durften Frankreich und Großbritannien nicht auf der Seite des 'polnischen Aggressors' handeln", fügte Jarczewski hinzu.

    SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks ist in die Geschichte eingegangen als "der Mensch, der den Zweiten Weltkrieg begann". Er starb im Jahr 1960 in Hamburg.

    Über den Zwischenfall in Gleiwitz berichteten damals die größten Zeitungen der Welt, der Rundfunk und die Nachrichtenagenturen. Die Wahrheit über die Provokation in Gleiwitz wurde erst beim Nürnberger Prozess festgestellt.

    Früher Störsender für "Free Europe"

    Die Stadt Gleiwitz kaufte 2002 dem Unternehmen Telekomunikacja Polska, das den Sender nach dem Krieg betrieben hatte, das Grundstück und die Immobilien des Senders auf einer Fläche von drei Hektar ab. Гливицкая радиостанция

    Vor 1951 sendete der Rundfunk in Gleiwitz die Programme von "Radio Kattowitz", und später diente er bis 1956 als Störsender für "Radio Liberty"/"Free Europe". Später wurden auf diesem Gelände Sendegeräte und verschiedene Telekommunikationsgeräte produziert.

    2005 ging der Rundfunksender in das Eigentum des Museums in Gleiwitz über, das hier ein Museum der Rundfunkgeschichte und der Medienkunst eröffnete.

    Zurzeit werden umfassende Renovierungsarbeiten am Museumsgebäude und am Holzturm abgeschlossen. "Der Sender wird nicht nur ein Ort für die Durchführung eines anschaulichen Geschichtsunterrichts sein, sondern auch der Jugendlichen helfen, die sich für die modernsten Technologien und Multimedia begeistern", meint Jarczewski.

    In der Dämmerung wirkt der Holzturm besonders malerisch. Von zehntausenden Lampen und mächtigen Reflektoren angeleuchtet, ist er aus einer Entfernung von mehreren Kilometern zu sehen.

    Alle Arbeiten sollen Ende August abgeschlossen sein. Doch eigens für RIA Novosti wurde das Licht getestet. So wird der Rundfunksender ab 31. August 2009 jeden Abend aussehen.

    Messe für den Frieden

    "Gleiwitz ist eine Grenzstadt, jahrhundertelang vermischten sich hier verschiedene Kulturen. Menschen mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft lebten einträchtig nebeneinander. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das eine deutsche Stadt, doch schon immer lebten Polen hier", sagt Bürgermeister Zygmunt Frankiewicz.

    1945 war Gleiwitz die erste durch die Rote Armee befreite deutsche Stadt. "Von 1945 bis 1946 kamen Polen aus dem Osten hierher, während die deutschen Einwohner weiter westlich ausgesiedelt wurden. Damals stellten Polen die Mehrheit, die gewaltsam aus der heutigen Westukraine, hauptsächlich aus Lwow und Umgebung, deportiert worden waren. Meine Mutter wurde ebenfalls auf ukrainischem Gebiet geboren", erzählt Frankiewicz.

    Für die Stadteinwohner ist der Rundfunksender ein historischer Ort, denn an dieser Stelle begann der Zweite Weltkrieg. "Der Holzturm ist an sich ein einzigartiges Objekt. Daher kamen die Stadtbehörden auf die Idee, den Turm mit den anliegenden Gebäuden zu kaufen. Bis heute hat die Stadt für die Neueinrichtung der Rundfunkstation bereits etwa zwei Millionen Euro ausgegeben. Darüber hinaus wollen wir alle umliegenden Gebäude rekonstruieren. Wir wollen die Europäische Union um finanzielle Hilfe bitten und hoffen, dieses Geld zu erhalten. Hier soll ein großer Anlaufpunkt für Touristen entstehen", so der Bürgermeister von Gleiwitz.

    Am 30. August werden in der Stadt mehrere Veranstaltungen zum 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs stattfinden. Am Abend wird ein Sinfonieorchester auf einer Freilichtbühne eine "Messe für den Frieden" spielen. Das Stück wird von dessen Autor, dem polnischen Komponisten Wojciech Kilar, persönlich dirigiert.

    "Wir haben Gäste aus vielen Ländern und Partnerstädten eingeladen, darunter aus Schweden, Großbritannien, Deutschland, Ungarn, der Slowakei und Frankreich", sagt Frankiewicz.

    Er erläuterte, warum die Veranstaltungen nicht am 31., sondern am 30. August stattfinden werden: "Alles wird am Vortag und nicht am Tag der Provokation geschehen. Wir wollen den Jahrestag der Provokation nicht feiern. Wir wollen mahnen: Hier begann die Tragödie, jetzt aber wird an diesem Ort eine Messe für den Frieden zelebriert. Wir wollen vorankommen. Im vereinten Europa gilt es, in die Zukunft zu blicken und nicht in den alten Wunden zu wühlen."

     

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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