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    Gespenst der Achse Moskau-Berlin geht weiter um

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    Anders als die russisch-polnischen Beziehungen, die zum 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs in der Krise stecken, herrscht zwischen Russland und Deutschland beinahe eine heitere Atmosphäre.

    MOSKAU, 03. September (RIA Novosti). Anders als die russisch-polnischen Beziehungen, die zum 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs in der Krise stecken, herrscht zwischen Russland und Deutschland beinahe eine heitere Atmosphäre.

    Von Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift „Rossija w globalnoj politike" (Russland in der globalen Politik)

    Die Zusammenarbeit ist dermaßen erfolgreich, dass das sensible Warschau vor vier Jahren das Projekt zum Bau der Ostsee-Pipeline, die Russland an Polen, der Ukraine und Weißrussland vorbei direkt mit Mecklenburg-Vorpommern verbinden soll, sogar dem Hitler-Stalin-Pakt gleichsetzte.

    Auch die USA blicken beunruhigt auf die Annäherung Moskaus an Berlin: Washington bangt um seinen Einfluss in Europa. Vor diesem Hintergrund macht General Motors kein Hehl daraus, dass die Beteiligung der russischen Staatsbank Sberbank der Hemmschuh für die Opel-Übernahme durch Magna ist und den für die Bundesregierung äußerst wichtigen Deal gefährdet.

    Die historische Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen, die im 20. Jahrhundert einander mit größter Hingabe sich niedermetzelten, erregt ein derart reges Interesse, weil sie fundamentale Wandlungen in Europa widerspiegelt.

    In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beruhte das westeuropäische Sicherheitssystem auf dem Leitsatz „Americans in, Russians out, Germans down”: die Einbindung der USA stärken, jede Einmischung Russlands (der Sowjetunion) unterbinden und die Ambitionen Deutschlands eindämmen. Eben darauf waren die Nato und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zugeschnitten.

    Nach den schrecklichen Lehren des Zweiten Weltkrieges setzten die europäischen Nationen alles daran, zu verhindern, dass in der Alten Welt ein neuer böser Pariastaat entsteht. Der einstige Aggressor Deutschland wurde nicht durch Isolation, sondern durch eine enge Integration eingedämmt.

    Selbst nach der Aufteilung war Westdeutschland eine durchaus große Macht. Da eine Wiederherstellung des deutschen Militärpotenzials ein Tabuthema war, blieb der Bundesrepublik nichts weiter übrig, als ihren wirtschaftlichen Einfluss auszubauen.

    Traditionell richtete sich die deutsche Wirtschaftsexpansion gen Osten: Im Westen war die Konkurrenz zu stark. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft bereits im Jahr 1952 entstanden war, drei Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Westdeutschland und der Sowjetunion.

    Auch für Russland war Deutschland bereits seit dem 18. Jahrhundert ein enger Wirtschaftspartner, so dass die Wirtschaftsbeziehungen allmählich in Schwung kamen, obwohl das aufgeteilte Deutschland und Berlin bis Mitte der 1960er Jahre am Schnittpunkt der Konfrontation zwischen Ost und West lagen.

    Ende der 1960er brachten die gemeinsamen Wirtschaftsinteressen auch die politische Zusammenarbeit auf ein neues Niveau. Die Ostpolitik Willy Brandts, des ersten sozialdemokratischen Kanzlers nach Kriegsende, führte eine Entspannung in Europa herbei und machte Energieprojekte möglich, die auch heute noch das Kräfteverhältnis von Lissabon bis Helsinki bestimmen.

    Als vor 20 Jahren die Wiedervereinigung Deutschlands auf den Plan gerufen wurde, brachte die Sowjetunion erstaunlicherweise sogar mehr Verständnis auf als Bonns Nato-Verbündete Frankreich, Großbritannien und Frankreich.

    Das mag natürlich an Gorbatschows Idealismus liegen, doch Fakt ist, dass Russland, obwohl es zwei grausame Kriege gegen Deutschland hinter sich hatte, keine Angst vor einem Erstarken der Bundesrepublik hat. Bei den anderen europäischen Nationen trifft das nicht immer zu.

    Nach dem Kalten Krieg scheint das westeuropäische Sicherheitssystem auf den ganzen Kontinent ausgebreitet zu sein. Dennoch hält die Nato immer noch am bereits erwähnten Prinzip „Americans in, Russians out, Germans down” fest. In der neuen Welt ist dieser Leitsatz wohl absurd, weil Russland kein Feind mehr ist, vom demokratischen Deutschland keine Gefahr mehr ausgeht und die USA in anderen Weltteilen ihre Prioritäten haben.

    In den 1970er und 1980er Jahren baute die Regierung in Bonn kontinuierlich die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit mit der Sowjetunion aus, auch wenn das Washington nicht gefiel. Es gelang der Bundesrepublik stets, ihre „älteren Partner“ zu beschwichtigen und davon zu überzeugen, dass die Einheit des Westens unerschütterlich sei.

    So konnte Kanzler Helmut Schmidt bei dem für seinen harten Kurs gegenüber Moskau bekannten US-Präsidenten Ronald Reagan die Zustimmung für die Aufstockung von Gaseinkäufen in der Sowjetunion aushandeln.

    Doch damals brauchte sich Amerika nicht im Geringsten darum zu sorgen, dass ihm die Kontrolle über Europa entgleitet. Selbst wenn die Sowjetunion ihren Anteil am europäischen Gasmarkt etwas aufstocken würde. Erstens, weil die Europäer ernsthaft Angst vor der militärischen Bedrohung aus dem Osten hatten. Zweitens hatten die USA genügend andere Einflusshebel, um ihre Verbündeten unter Kontrolle zu halten.

    Heute ist das nicht mehr der Fall. Dennoch kann Angela Merkel trotz aller Bemühungen den Opel-Verkauf an Magna bislang nicht zustande bringen. Auch die Ostsee-Pipeline gerät ins Stocken. Die Vereinigten Staaten fürchten Europas wachsende Selbstständigkeit, die Wirtschaft wird immer mehr zum Politikum. Hinzu kommen Ängste der mitteleuropäischen Staaten, die ihren Nachbarn stark misstrauen.

    Deutschland hat sein strategisches Gespür verloren, was der Erfolg des Nachkriegsmodells beweist. Die Politiker (mit seltenen Ausnahmen) denken in Wirtschaftskategorien, was der Idee eines vereinigten Europa vollständig entspricht.

    Die Deutschen, die in allem immer vorbildlichen Eifer an den Tag legen, wurden zu den konsequentesten Europäern. Als die richtigen „neuen Europäer“ wollen sie das ökonomische Gemeingut, festigen und ausweiten, darunter auch im Osten. Der Ausbau der Zusammenarbeit mit Russland ist ein natürliches Element dieser Vorgehensweise. Trotz des Zick-Zack-Kurses der Berliner Politiker ist Russlands Potential nach wie von hoher Attraktivität.

    Allerdings sind bei weitem nicht alle von der Idee eines „Neuen Europas“ begeistert. Dazu zählen sicherlich nicht die Staaten aus Mittel- und Osteuropa, die auf jegliche russisch-deutsche Kontakte hinter ihrem Rücken mit Panik reagieren. Auch die Vereinigten Staaten gehören dazu, die auf ihr altes Strategiedenken niemals verzichten würden.

    Das Gespenst der Achse Moskau-Berlin erweckt unangenehme Erinnerungen und als Minimum den Verdacht, dass Russland einen Einflusshebel auf das restliche Europa bekommen wird.

    Man könnte meinen, dass Berlins Russland-Politik der europäischen Idee folgt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezeichnete sie vor zwei Jahren als Annäherung mittels Verflechtung - frei nach Vermächtnissen der Integrationsväter.

    Doch in Europa herrscht gegenüber Russland nach wie vor Skepsis. Wie es sich herausgestellt hat, vertraut man auch Deutschland nicht ganz, obwohl sein Wandel in eine gesetzesgehorsame Friedensmacht die größte Leistung der ganzen europäischen Politik ist.

    Dem europäischen Modell liegen sowohl die Garantie der Festigkeit der russisch-deutschen Beziehungen als auch deren Beschränkung zugrunde. Als Garantie dienen die ökonomische Denkweise der deutschen Politik und Wirtschaft sowie ein traditionell starker Einfluss der Unternehmen auf die Regierung.

    Die Beschränkung besteht darin, dass Deutschland ein Teil des allgemeinen Systems der Regeln und Vorstellungen ist, über deren Rahmen es nicht hinausgehen darf und will. Das hat man ihm abgewöhnt und ist eine stabile Basis.

    Auf der anderen Seite handelt es sich um eine unüberwindbare Mauer, um ein qualitativ neues Niveau zu erreichen. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung hängt davon ab, ob es gelingen wird, eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa zu etablieren. Die Perspektiven sind bislang nebelhaft. Doch der Verfall des früheren Modells ist derart offensichtlich, dass eine Reform unvermeidlich ist. Allerdings ohne die Garantie, dass es besser ist.

    (Quelle: gazeta.ru)