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    Zu Gast beim Klassenfeind: Als Chruschtschow die USA besuchte

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    MOSKAU, 15. September (RIA Novosti). Mit dem Historiker Igor Doluzki sprach RIA Novosti über den ersten USA-Besuch des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow und seine Folgen.

    RIA Novosti: Vor 50 Jahren, am 15. September 1959, initiierte Nikita Chruschtschow seinen ersten Besuch in den USA. Wie würden Sie, Herr Doluzki, diesen Besuch charakterisieren, welche Bedeutung hatte er?

    Doluzki: Ich würde diesen Besuch ebenso charakterisieren, wie es Chruschtschow selbst tat. In den Jahren des Kalten Kriegs wurde viel angehäuft. Das Einzige, was, wie Nikita Sergejewitsch in seinen Memoiren schrieb, getan werden konnte, war "das Eis zu brechen, in dem die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen festgefroren waren". Das heißt, dass eine gewisse Annäherung eintrat. Es gelang, das Eis ein wenig aufzutauen, allein dank des Umstands, dass Chruschtschow erstmals in der Geschichte der Sowjetunion als Führer des Landes nach drüben, ans andere Ufer des Ozeans, reiste. Das bezieht sich gerade auf jene Zeit vor 50 Jahren und auf das, was getan werden konnte. Damals entstanden auch günstige Bedingungen für die weitere Entwicklung der Beziehungen. Ein Gegenbesuch Eisenhowers in der Sowjetunion wurde vorgemerkt, und man hätte viel erwarten können. Auf jeden Fall sagte Chruschtschow nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion, als er im Moskauer Luschniki-Stadion vor dem Volk sprach, dass die Bedingungen für die Beendigung des Kalten Krieges völlig gegeben worden seien und der US-Präsident bereit sei, ihn zu beenden. Die Aussichten waren sehr rosig.

    RIA Novosti: Wie ist der Besuch heute, 50 Jahre später, einzuschätzen?

    Doluzki: Objektiv gesprochen, lässt sich feststellen, dass das zweifellos ein Durchbruch in den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen war. Menschen, die buchstäblich am Rande des Krieges balancierten, konnten sich näher kommen und entwickelten die Fähigkeit, sich zuzuhören.

    Nur wenige Wochen vor seinem Besuch traf sich Chruschtschow mit Senator Humphrey und erzählte ihm, wie viele Raketen die Sowjetunion habe. Anschließend fragte er den Senator, wo dieser lebe. Humphrey antwortete, in Minneapolis. Chruschtschow zeichnete mit einem Bleistift auf der Landkarte einen Kreis um Minneapolis und sagte: "Wenn wir also gegen die USA einen Schlag führen werden, will ich befehlen, ihre Stadt auszulassen." Immer wieder drohte Chruschtschow, dass für die Vernichtung Berlins eine Bombe reichen werde, für England würden fünf Bomben genügen. Doch hinter der Rhetorik stand eins: Chruschtschow war für den Frieden, und er erkannte, dass auch die Vereinigten Staaten keineswegs darauf aus waren, Krieg zu führen.

    RIA Novosti: Welchen Beitrag leistete Chruschtschow zur Veränderung der Beziehungen?

    Doluzki: Chruschtschow war ein sehr widersprüchlicher Politiker. Er stellte sich überhaupt nur nebelhaft vor, was in der Welt vor sich ging. Einerseits war er einfach neugierig darauf, wie die Menschen im Ausland lebten. Deshalb strebte er nach einem Besuch, drängte sich ein ganzes Jahr lang direkt den Amerikanern auf. In großem Maße war dieser Besuch seine persönliche Initiative.

    Chruschtschow war ein Erpresser, ständig bluffte er, führte sich herausfordernd auf, weil er fühlte, dass er schwächer war. Immer wieder trumpfte er mit Raketen auf, von denen er sagte, in der Sowjetunion würden sie wie Würstchen gestanzt. Dabei hatten wir lediglich vier Interkontinentalraketen. Chruschtschow verstand, dass Amerika uns überlegen war. Vor lauter Schwäche war er frech und provozierte damit ständig Reaktionen. Dennoch war er klug genug, zu begreifen, dass es sinnlos war, ein Wettrüsten zu starten, dass eine vernünftige Hinlänglichkeit not tat. Ständig verfolgte ihn der Gedanke: "Amerika kann uns zwanzigmal vernichten". Dann dachte er: "Wir aber können es nur einmal, doch auch das würde reichen." Er verstand: Wenn es um die Vernichtung ging, genügte das, was er hatte, vollkommen. Danach schlief er ruhiger.

    Chruschtschow war seiner Zeit wenn nicht um 50, so doch um 30 Jahre voraus in der Einsicht, dass ein Wettrüsten keinen Sinn hatte.

    RIA Novosti: Wie gestalteten sich die Beziehungen zwischen Chruschtschow und Eisenhower während des Besuchs?

    Doluzki: Furchtbar. Sie verstanden sich nicht. Wegen seiner Unsicherheit hatte Chruschtschow fortwährend Angst, verhöhnt zu werden, doch zugleich wollte er den antisowjetisch gesinnten Kräften eine Abfuhr erteilen.

    Er hatte Eisenhower schon früher in der Schweiz getroffen und damals für sich beschlossen, für einen US-Präsidenten sei der Mann ein bisschen schwächlich, da könne man sich schon etwas leisten. Dieses Verhalten ohne Rücksicht wirkte sich im Ergebnis auf das Gespräch aus, mehr als nur einmal waren sie kurz davor, sich zu überwerfen. Aber am wichtigsten ist, dass sie es doch nicht taten. Chruschtschow wurde sich allmählich darüber klar, dass er etwas falsch machte.

    An beiden letzten Tagen des Besuchs führten die Präsidenten persönliche Gespräche. Sie fuhren zu einer Ranch, Eisenhower erzählte Chruschtschow, wie er seine freien Stunden verbringe, wie er jage, wie er wohne. Chruschtschow war darauf sehr neugierig, deshalb zankten sie sich nicht, darauf kommt es schließlich an. Allmählich lernten sie sich gegenseitig verstehen, obwohl zu Beginn sowohl Eisenhower bereit war, alle Beziehungen abzubrechen, als auch Chruschtschow mehrmals drohte, sein Flugzeug sei jederzeit für einen Rückflug startklar. Sie taten das, was von Stalin nicht zu erwarten gewesen wäre: Sie kamen sich entgegen. Chruschtschow sah in Eisenhower nicht einen Feind, sondern einen "Anderen", er verstand, dass zweiseitige Beziehungen entwickelt werden konnten.

    RIA Novosti: Möglicherweise wissen Sie etwas von der Vorgeschichte des Besuchs oder von anderen früher unbekannten interessanten Fakten?

    Doluzki: Chruschtschow traf Vorbereitungen auf den Besuch. Im Januar 1959 entsandte er Anastas Mikojan in die USA. Dieser schaute sich alles an, bereiste alles, traf sich mit amerikanischen Senatoren und mit Diplomaten, die noch zu Stalin-Zeit in der UdSSR gearbeitet hatten.

    Ansonsten ist die Vorgeschichte des Besuchs leider nicht gerade als die günstigste anzusprechen. Chruschtschow erpresste den Westen damit, West-Berlin in die Interessensphäre der DDR eingliedern zu wollen. Auch sonst versuchte er, unsere westlichen Alliierten aus der Kriegszeit aus West-Berlin zu verdrängen. Das heißt, dass die Berlin-Frage akut war. Chruschtschow hielt seinen Finger immer wieder in diesen wunden Punkt. Er sagte: "Da, seht euch doch Adenauer, den Kanzler von Deutschland, an. Zieht man ihm die Hose aus, so ist hinten zu sehen, dass Deutschland in zwei Stücke geteilt ist, und wenn man ihn sich vorne anschaut, ist klar, dass sich West-Deutschland nie erheben wird." Er führte sich herausfordernd auf und verhielt sich allerorten flegelhaft, wo er nur konnte. Dennoch hatte der Besuch einen günstigen Ausgang. Chruschtschow erreichte, dass die UdSSR und die USA nationale Ausstellungen austauschten. Die Ausstellung der USA brachte Vizepräsident Nixon nach Moskau, und auch unsere Ausstellung fand in Amerika statt.

     

     

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