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    Zwanzig Jahre ohne Honecker

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    MOSKAU, 20. Oktober (Dmitri Babitsch, RIA Novosti). Vor zwanzig Jahren, im Oktober 1989, trat Erich Honecker als Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ab und gab gleichzeitig auch alle anderen Staatsposten auf.

    Eine große Überraschung war der Rücktritt des 77-jährigen Kommunisten eigentlich nicht. Schon in den Monaten zuvor hatte er das Land nicht mehr im Griff. Zehntausende Ostdeutsche flüchteten über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik.

    In der Deutschen Demokratischen Republik entstand im September die Oppositionsbewegung "Neues Forum", deren Migliederzahl schnell 10 000 erreichte. Von Rostock bis ins damalige Karl-Marx-Stadt schien sich eine "Perestroika" nach sowjetischem Modell anzukündigen: mit "Volksfronten", flammenden Reden und einem langsamen Wirtschaftsrückgang.

    Doch während sich die sowjetische Perestroika beinahe über sieben Jahre hinzog, dauerte die deutsche nicht einmal sieben Wochen: Die Berliner Mauer fiel schon am 9. November. Das war der Unterschied.

    Die Geschichte des Niedergangs der DDR enthält viele Lehren, die jedoch von einigen Staatsführern in Osteuropa bisher nicht beherzigt worden sind. Eine der wichtigsten ist, dass der persönliche Umgang mit führenden westlichen Politikern und selbst deren mündliche Versprechungen keine Garantie der persönlichen Unantastbarkeit in Zukunft geben.

    Kurz vor den stürmischen Ereignissen, im September 1987, besuchte Honecker Westdeutschland. Kanzler Helmut Kohl unterhielt sich mit ihm durchaus respektvoll, und die Einwohner seiner Heimatstadt Neunkirchen im Saarland begrüßten ihn mit dem Transparent: "Willkommen, Erich!"

    Doch nur ein paar Jahre danach beharrte das vereinigte Deutschland auf Honeckers Auslieferung aus Moskau, wohin er sich 1991 im letzten Augenblick vor dem "Gericht der Sieger" retten wollte. Es halfen weder das Alter noch die ärztlichen Atteste über eine unheilbare Krankheit, noch die Einladungen, die ihm in Chile lebende Verwandte schickten.

    Diese Lehre hätten Slobodan Milosevic und Radovan Karadzic beherzigen sollen, die sich später auf gewisse "Sicherheitsgarantien" beriefen, die ihnen die westlichen Staatsführer 1995 gaben. "Wehe den Besiegten!" - dieses altrömische Prinzip gilt, wie sich herausstellt, für das 20. und auch noch im 21. Jahrhundert.

    Die Führer der DDR und das sowjetische Politbüro zeigten sich als schlechte Marxisten: Sie vergaßen, dass in der heutigen Welt die Wirtschaft den Vorrang hat. Viel zu viele Hoffnungen wurden in diplomatische Verträge, freundschaftliche Versicherungen und sonstigen "Überbau" gesetzt. Unter Honecker, der 1971 die Nachfolge des Stalinisten Walter Ulbricht antrat, erzielte die DDR zweifellos diplomatische Erfolge.

    Das Land wurde beinahe von all seinen Freunden und Feinden anerkannt, darunter von der Bundesrepublik, erhielt einen Platz in der UNO und hatte das Beste von beiden Welten: Rohstoffe und Energieträger aus der Sowjetunion und eine stabile Währung aus der Bundesrepublik.

    Angefangen mit der Helsinkier Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (1975) wurden in Europa die Grenzen, die nach dem Krieg von 1945 entstanden waren, festgelegt und anerkannt, folglich auch die Grenzen der Nachkriegsstaaten DDR, Volksrepublik Polen und CSSR. Es schien, als hätten Breschnew und Honecker triumphieren können: Die Nachkriegsordnung, die ihnen östlich der Elbe alle Macht gab, wurde für immer fixiert.

    Doch in der Welt der Marktwirtschaft (beziehungsweise, auf marxistisch, der gefühllosen "Barzahlung") sind Verträge nicht einmal das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind, wenn sie nicht durch Wirtschaftsmacht und moderne Waffen untermauert sind. Die DDR hatte weder das eine noch das andere.

    Auch konnte sie sich nicht auf die militärischen Muskeln der Sowjets verlassen: Gorbatschow gab beim Begräbnis seines Vorgängers Konstantin Tschernenko 1985 den Führern der "brüderlichen kommunistischen Parteien" zu verstehen, dass die Zeit der kostenlosen Kuchen vorbei sei.

    Es blieben freilich noch die Ideologie und der durchtrainierte Apparat der Geheimdienste (Stasi), der in der DDR unvergleichlich besser war als in Westdeutschland. Die Stasi hörte westdeutsche Politiker ab und warb in der engsten Umgebung der Bundeskanzler Agenten an. Dennoch waren auch sie nicht imstande, die Außenschulden der DDR zu senken. 1989 bezifferten sie sich auf 20 Milliarden Dollar.

    Zum Totengräber der DDR wurde also nicht Gorbatschow, sondern das bekannte administrative Kommandosystem, an das sich Honecker hartnäckig klammerte und das einfach nicht in der Lage war, konkurrenzfähige Waren zu produzieren.

    Für die Massenbedarfsgüter, die die DDR an die UdSSR ablieferte, erhielt sie den "Transferrubel", für den man in Russland noch mehr Erdöl oder in Vietnam noch mehr Stoffschuhe kaufen konnte. Aber die Bürger sehnten sich nach amerikanischen Jeans, westdeutschen Motorrädern und sonstigen Dingen, für die der Dollar und die D-Mark nötig waren. Im Ergebnis ging die DDR wirtschaftlich noch früher Bankrott als politisch.

    Das ist eine wirklich lehrreiche Geschichte: Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise schlug selbst Gorbatschows Besuch einige Wochen vor der Krise, der für Honecker hätte werben sollen, ins Gegenteil um: In Leipzig fand eine Demonstration von Hunderttausend Deutschen unter der Parole "Wir sind das Volk!" statt. Einige Monate später sollten die Bürger, enttäuscht von der kapitalistischen Ausbeutung, an gleicher Stelle unter dem Motto "Wir sind kein Volk?!" demonstrieren.

    Heute wollen 15 Prozent der Deutschen erneut eine Teilung in Ost und West. Aber das ist bereits eine andere Geschichte - und außerdem: Wer wird ihnen heute eine solche Mauer geben?

    Jene Geschichte aber endete einigermaßen gut. Honecker starb 1992 in Chile im Kreise seiner Angehörigen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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