10:12 11 Dezember 2017
SNA Radio
    Meinungen

    “Junge Demokratien“ machen Nazi-Helfer zu Nationalhelden

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 0 0

    MOSKAU, 20. November (Valentin Rachmanow, RIA Novosti). Am 20. November jährt sich der Beginn der Nürnberger Prozesse, die eine Bilanz vom sechsjährigen Gemetzel zwischen 1939 und 1945 zogen.

    MOSKAU, 20. November (Valentin Rachmanow, RIA Novosti). Am 20. November jährt sich der Beginn der Nürnberger Prozesse, die eine Bilanz vom sechsjährigen Gemetzel zwischen 1939 und 1945 zogen.

    Außer den Bonzen des Dritten Reichs wurden auch ihre osteuropäischen Helfer verurteilt, alle diese Hintergrundfiguren, die heute als Nationalhelden der „neuen Demokratien" in der Region fungieren.

    Ende Oktober bis Anfang November feierte die Ukraine mit großem Pomp das von Präsident Viktor Juschtschenko erfundene Fest - den 65. Jahrestag der Befreiung der Ukraine von den Faschisten. Juschtschenko wies darauf hin, dass die ukrainischen Nationalisten gegen Kriegsende sowohl gegen die Nazis als auch gegen die Rote Armee anzukämpfen versuchten.

    Skizzen zum Porträt eines Kollaborateurs

    Zunächst die Fakten. „Die Frage, wie viele Kollaborateure aus der Sowjetunion während des Krieges wirklich in Deutschlands Diensten standen, ist sehr schwierig. Westliche Quellen sprechen häufig von zwei oder drei Millionen. Die russischen Quellen sprechen größtenteils von einer Million Menschen", sagte der Historiker Dr. Sergej Drobjasko während eines Rundtischgesprächs am Russischen Institut für strategische Forschung.

    Zu den Kollaborateuren werden dabei sowohl diejenigen gezählt, die mit der Waffe in der Hand für Deutschland kämpften, als auch diejenigen, die ihnen irgendwie halfen, beispielsweise die Gräben aushuben oder bei der Polizei dienten.

    Einen anderen interessanten Fakt gab der Abgeordnete der Obersten Rada (ukrainisches Parlament), Dmitri Tabatschnik, bekannt. Laut Tabatschnik hat den Kern der Einheiten der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) sowie der Melnikow-Banden, die die ukrainische Geschichtsschreibung als Kämpfer für ukrainische Interessen darstellt, Bewohner von Ostpolen ausgemacht, die Polen und keine Sowjetbürger waren.

    „Bevor wir gegen die Rehabilitierung von Kollaborateuren in den postsowjetischen Staaten ankämpfen, müssen wir selbst viele historische Mythen loswerden", sagt Alexander Fomenko von der Russischen Staatlichen Handels- und Industrieuniversität.

    Es sei notwendig, die Einstellung des Alten Europas zum Zweiten Weltkrieg zu verstehen. Von dort seien keine lauten Proteste zu erwarten. „Für Europa war der Erste Weltkrieg wahrhaft erschütternd, und im Zweiten waren es die Sowjetunion und das Dritte Reich, die den höchsten Preis dafür zahlen mussten. Für die westlichen Staaten war das Unbequemste am Krieg, dass es keinen Kaffee im freien Verkauf gab, deswegen ist der Sieg in diesem Krieg für sie nicht heilig."

    Das sowjetische Ideologem über die europäische Widerstandsbewegung sei ebenfalls ein Mythos, sagt Fomenko. „Sie sollten wissen, dass Maurice Thorez (Leiter der französischen Kommunistischen Partei) 1940 Defätist war und dafür agitierte, Paris für Deutschland aufzugeben", sagt er.

    „Die deutschlandfreundliche Regierung von Petain wurde in Frankreich unter Beachtung aller Formalitäten gewählt", bemerkt er. „Diejenigen, die sich freiwillig für den Militärdienst bei den Nazis anmeldeten, waren nicht weniger zahlreich als die aktiven Mitglieder der Résistance. Tausende Franzosen dienten dem Dritten Reich. Wenige wissen, dass Berlin während der letzten Stunden des Sturms von großen französischen Einheiten verteidigt wurde", sagt Fomenko.

        Der Leiter der Forschungsprogramme der Stiftung „Historisches Gedächtnis", Wladimir Simindej, äußerte eine schockierende Vermutung über die Verbindung der Kollaborateure und der gegenwärtigen osteuropäischen Führungen. Es gebe einen spürbaren Zusammenhang zwischen den nationalistischen Zirkeln der Emigranten und den gegenwärtigen Führungen in der Ukraine und in den baltischen Staaten.

    „Sehen Sie sich mal die rührende Freundschaft zwischen der ukrainischen und der georgischen Elite an. So etwas gab es früher nie, doch die nationalistisch gesinnten Emigranten aus beiden Ländern waren auch früher im Ausland befreundet", sagte Simindej.

        Zukunftsparadies aus der Sicht der Kollaborateure

    Während der internationalen Pressekonferenz bei RIA Novosti wurde die Notwendigkeit, gegen die Rehabilitierung der Kollaborateure anzukämpfen, als etwas selbstverständliches geäußert. Doch vielleicht haben die baltischen und ukrainischen Ideologen Recht? Hätte es eine eigenständige und glückliche Ukraine gegeben, wenn Bandera, Schuchewitsch und andere Freischärler gesiegt hätten?

    Die allgemeinsten und unwidersprüchlichsten Argumente legen ein „Nein" nahe. „Am Anfang des Krieges, als die Rote Armee sich in den Osten zurückzog, machten Soldaten aus einer profaschistischen Formation der estnischen Nationalisten Rast im Lenin-Museum.

    Der Kommandeur der Truppe war betrunken und sagte seinen Untersetzten, dass ihm während der Nachtruhe auf ‚Lenins Bett' eine Idee eingefallen sei: Groß-Estland bis zum Ilmen-See sei zu kleinlich gedacht, Groß-Estland solle sich bis zum Ural erstrecken", so Boris Kowaljow, Professor vom Lehrstuhl für Staatswesen und Recht der Staatlichen Universität Nowgorod.

    Doch dieser Kommandeur habe seinen Posten sehr bald verlassen müssen, sagte Kowaljow, weil die Deutschen eigene Pläne für die besetzten Territorien gehegt hätten. „Wenn Deutschland gesiegt hätte, hätte es niemals unabhängige osteuropäische Staaten gegeben", betonte Kowaljow.

    Nach ihrem Sieg hätten die Nazis den osteuropäischen Nationalisten vielleicht erlaubt, einen Friseurladen oder einen kleinen Park nach deren Führer Schuchewitsch zu benennen, doch inhaltlich wäre es deutsches Gebiet mit faschistischer sozialer Praxis gewesen.

    Schutz der historischen Wahrheit

    Wladimir Simindej zufolge muss im Kampf gegen die Revision der Geschichte allen voran eine solche Umschreibung in Russland verhindert werden. "Wenn bei uns Krasnow und sonstige russische Kollaborateure rehabilitiert werden, verlieren wir jedes moralische Recht, dasselbe den baltischen Staaten und der Ukraine vorzuwerfen. Es ist notwendig, eine konsolidierte Position der Gesellschaft gegen diese Erscheinung in Russland auszuarbeiten", sagte er.

    "Personen, die schreiben, Wlassow sei keine einfache Figur und habe seine eigene Wahrheit gehabt, haben nicht selten PR-Kampagne und Unterstützung aus dem Ausland, so dass von Versuchen die Rede sein kann, etwas wie eine Internationale der Kollaborateure zu gründen", bemerkte Alexander Djukow, Direktor der Stiftung "Historisches Gedächtnis".

    Wie er hinzufügte, muss Russland eine moralisch tadellose Position einnehmen.

    Dmitri Tabatschnik, Abgeordneter der ukrainischen Obersten Rada, vertritt die Auffassung, dass die Gründung eines internationalen Historikergremiums zum Schutz des historischen Gedächtnisses notwendig sei. Allerdings erläuterte der Abgeordnete nicht, wie dieses Gremium effektiv zum Einsatz kommen könnte.

    Der Historiker und Generalleutnant der Bundeswehr, Franz Uhle-Wettler, ist nicht mit dem Standpunkt einverstanden, dass eine gleich unversöhnliche Einstellung zu allen Kollaborateuren gelten soll. Er nannte die Inder als Beispiel. Während des Zweiten Weltkriegs wechselten viele auf Seiten der Japaner, die zusammen mit Deutschland gegen Großbritannien kämpften. In London hätten sie stets einen Besatzer gesehen. Können sie als Verräter bezeichnet werden, fragte der General.

    Interessant ist ein juristisches Herangehen an dieses umstrittene Thema. So bemerkte Michail Demurin, Direktor für wissenschaftliche Programme am Moskauer Institut für dynamischen Konservatismus, dass "die traditionelle Auffassung der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs den Ergebnissen der Nürnberger Prozesse zugrunde lag, und diese bildeten die Grundlage der UN-Gesetzgebung.

    In Art. 107 der UN-Charta ist der Begriff 'feindlicher Staat' formuliert. Zu einem solchen Staat wird jedes Land erklärt, das Kampfhandlungen gegen eine der Koalitionsmächte führt", erklärte Demurin. "Dadurch, dass all diese Länder ihre Kontinuität in Bezug auf die Kollaborateure deklarieren, schaffen sie für sich eine Situation, in der sie diesem Artikel unterliegen. Es gibt Art. 52, wonach jede alliierte Macht gegen einen feindlichen Staat ohne UN-Sanktion beliebige Schritte unternehmen darf", fügte der Experte hinzu.

    Sergej Kudrjaschow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Moskau, bemerkte seinerseits, dass die osteuropäischen Kollaborateure vom juristischen Standpunkt aus schon deshalb Verbrecher seien, weil viele von ihnen einen Eid auf Hitler geleistet hatten.

    Wie kann im Streit um Geschichtsfälschungen in den postsowjetischen Ländern ein Schlusspunkt gesetzt werden? Wahrscheinlich ist es unmöglich, ein Schlusspunkt zu setzen.

    Die Hauptsache ist: Die prinzipiellsten Aspekte der Geschichte des Zweiten Weltkriegs dürfen nicht durch die gegenwärtige politische Konjunktur Schaden erleiden, denn diese Konjunktur verändert sich je nach den Regierungen. Denn es geht um eine klare Verurteilung der Faschisten und ihrer Helfershelfer als Brandstifter jenes Krieges durch die Weltgemeinschaft. In dieser Frage darf es absolut keine Kompromisse geben.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren