01:18 11 Dezember 2017
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    Verliert Russland Turkmenistan als Gaslieferant?

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    MOSKAU, 15. Dezember (Dmitri Babitsch, RIA Novosti). Es war kein Zufall, dass der Eröffnung der Gaspipeline Turkmenistan - China die Führer aller einflussreichen Staaten in Zentralasien beiwohnten.

    MOSKAU, 15. Dezember (Dmitri Babitsch, RIA Novosti). Es war kein Zufall, dass der Eröffnung der Gaspipeline Turkmenistan - China die Führer aller einflussreichen Staaten in Zentralasien beiwohnten.

    Lediglich aus dem Iran und dem nicht zu dieser Region gehörenden Russland reisten keine Spitzenpolitiker zu dem Ereignis.

    Um die Öl- und Gasressourcen der ehemaligen Sowjetrepubliken, vor allem Turkmenistans, wird künftig heftig gerungen. Wie es aussieht, hat China sich am besten in Stellung gebracht. Russland und Iran werden, wenn sie ihre Positionen festigen oder zumindest halten wollen, diesen neuen unabhängigen Staaten gegenüber eine flexiblere Politik betreiben müssen und sie auf keinen Fall vom hohen Ross behandeln dürfen.

    Die neue 7000 Kilometer lange Gaspipeline wird überwiegend turkmenisches Gas durch Usbekistan und Kasachstan nach China befördern. Ihre Leistung soll bei 40 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr liegen. Dabei entfiel einst genau dieselbe Menge an turkmenischen Gaslieferungen (44 Milliarden Kubikmeter) auf Gazprom. Das machte den russischen Gaskonzern fast zum Monopolabnehmer von turkmenischem Exportgas. Der zweitwichtigste Kunde war Iran, das für seine Gebiete im Norden jährlich lediglich fünf Milliarden Kubikmeter brauchte.

    Es lässt sich leicht errechnen, dass bei einer negativen Entwicklung China Russlands Platz als Gasabnehmer einnehmen könnte. Freilich gibt es noch Zeit, darum zu kämpfen: Die Leitung nach China wird die geplante Leistung von 40 Milliarden Kubikmeter nicht vor dem Jahr 2012 erreichen. Zudem bringen die strengen Gesetze Irans und dessen schlechte Beziehungen zu den USA und der EU westliche Konzerne um die Möglichkeit des turkmenischen Gasexports durch Iran, was in naher Zukunft zunächst wohl auch so bleiben wird.

    Turkmenistans Neuausrichtung auf China nahm ab dem 8. April dieses Jahres erheblich zu, als nach einer Havarie an der Pipeline Mittelasien - Zentrum die turkmenischen Gaslieferungen an Russland unterbrochen wurden. Bislang wurden sie auch nicht wieder aufgenommen. Zwar habe der Zwischenfall, wie Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte, "rein technologischen Charakter" gehabt, aber die turkmenische Seite schob Gazprom daran die Schuld in die Schuhe.

    Nach  Version von Aschchabad hat Gazprom den Umfang des entnommenen Gases einseitig und stark gesenkt, was zur Havarie geführt habe. Turkmenistans Außenministerium erklärte, Gazprom habe gegen seine Vertragsverpflichtungen verstoßen. Zwar gab die turkmenische Seite zu, dass Russland sie über die Verringerung des beanspruchten Umfangs im Voraus benachrichtigt habe, betonte jedoch, dass dies nicht gemäß den im Vertrag vorgesehenen Verfahren getan worden sei.

    Jetzt ist die Frage zweitrangig, was sich konkret an dem an Usbekistan grenzenden Abschnitt der Gasleitung Dowletobad - Derjalyk genau ereignete. Die wichtigste Folge war eine auffällige Belebung der in Aschchabad ohnehin beliebten Maxime über die "Verminderung der Abhängigkeit vom russischen Monopol".

    Die Pläne der Umorientierung des Gasexports von Russland auf China, die in Turkmenistan weder zu Zeiten des Turkmenbaschi noch später vergessen wurden, wurden plötzlich im Frühjahr und Sommer wieder aktuell. China spürte die günstige Konjunktur und gewährte Turkmenistan einen Kredit von vier Milliarden Dollar. Dies vollzog sich im Juni, als Turkmenistan wegen der Krise und der Schwierigkeiten in den Beziehungen zu Gazprom an  Geldmangel litt.

    Der Vorsitzende der Volksrepublik China, Hu Jintao, hob bei der Eröffnung der Pipeline hervor, dass das Darlehen vor allem für die Erschließung des in Turkmenistan größten Gasvorkommens Süd-Jeleten bestimmt sei.

    "Wir hoffen, dass die Seiten den Kredit gebührend nutzen werden, um mit der Realisierung dieses wichtigen Projekts möglichst bald zu beginnen", sagte der chinesische Präsident bei den Verhandlungen mit seinem turkmenischen Amtskollegen Gurbanguly Berdymuchamedow nach Angaben der Agentur RIA Novosti. Dabei betonte er, dass die Rohstoffvorräte des Vorkommens Süd-Jeleten durch die britische Beraterfirma Gaffney, Cline & Associates auf 14 Billionen Kubikmeter Gas geschätzt worden seien, weshalb das Vorkommen weltweit das viert-  oder fünftgrößte sei.

    Ist die russische Seite wirklich an der entstandenen Situation schuld? Was ist jetzt zu tun? Bemerkt sei, dass der Preis, zu dem Gazprom Anfang dieses Jahres turkmenisches Gas kaufte, eindeutig zu hoch war: 375 Dollar je 1000 Kubikmeter (an die EU-Länder wurde russisches Gas in derselben Zeit zu 280 Dollar geliefert). Folglich kaufte Gazprom turkmenisches Gas mit Verlusten ein.

    Michail Krutichin, Partner der Beratungsgesellschaft RusEnergy, sieht den Grund für diese Situation im Kampf gegen das Nabucco-Projekt, das die westlichen Partner Turkmenistan, Aserbaidschan und der Türkei als Alternative zu der von Moskau lobbyierten Pipeline South Stream anbieten.

    In einem Interview für RIA Novosti sagte Krutichin: "Bestrebt, Turkmenistan von dem geplanten Gasverkauf an Nabucco abzubringen, hat Gazprom Aschchabad einen sehr hohen Preis für dessen Gas angeboten und musste dann diesen für den Konzern verlustbringenden Kauf beenden.

    Die turkmenische Seite verstand das als Bruch der geschäftlichen Abmachung und fühlte sich zu Recht gekränkt. China, das schon seit langem in der Region ohne jede Eile eine sehr wohl durchdachte Politik verfolgt, nutzte die Situation aus. China geht davon aus, dass die zentralasiatischen Gaslieferanten selber zu ihm kommen würden."

    Auf die Frage "Was tun?" gab Präsident Dmitri Medwedew keine schlechte Antwort. Er hat sich in die Lösung des Problems eingeschaltet und empfing vor kurzem in seiner Residenz in Sawidowo den turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdymuchamedow. Nach dem 20. Dezember soll Medwedew Aschchabad besuchen.

    "Danach zu urteilen, dass über die Verhandlungsergebnisse keine offiziellen Mitteilungen vorliegen, haben sich die Präsidenten bisher nicht einigen können. Gazprom will kein turkmenisches Gas mit Verlust kaufen, und die turkmenische Seite ist nicht zu Zugeständnissen bereit. Aber die Tatsache, dass sich die Präsidenten an der Lösung der Frage beteiligen, flößt Optimismus ein", schreibt die Zentralasien-Expertin der Nachrichtenagentur RIA Novosti, Sanobar Schermatowa.

     Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.