12:15 23 August 2017
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    Hintergrund zum START-Vertrag: Russland und USA loten Atomwaffenarsenale aus

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    MOSKAU, 23. Dezember (Ilja Kramnik, RIA Novosti). Der Inhalt des neuen Vertrags zur Verringerung der Strategischen Offensivwaffen zählt zu den meistdiskutierten Themen des vergangenen Jahres.

    MOSKAU, 23. Dezember (Ilja Kramnik, RIA Novosti). Der Inhalt des neuen Vertrags zur Verringerung der Strategischen Offensivwaffen zählt zu den meistdiskutierten Themen des vergangenen Jahres.

    Der alte Vertrag lief am 5. Dezember 2009 ab.

    Ein neues Abrüstungsabkommen sollte bis zum Jahresende abgeschlossen werden, was jedoch nicht geschah. Die Unterzeichnung ist für die nahe Zukunft, vielleicht im kommenden Januar geplant.

     Nach den gegenwärtig bekannten Bestimmungen des neuen Vertrags willigen beide Parteien ein, die Zahl der Träger auf 700 bis 750 und die Zahl der Gefechtsköpfe auf 1500 bis 1675 zu reduzieren. Dabei war ursprünglich von 500 bis 1100 Trägern die Rede, was den USA erhebliche Vorteile bringen würde. Russland muss die Zahl der Träger im kommenden Jahrzehnt sowieso abbauen.

    Bei der Erörterung des neuen Vertrages gab es den größten Streit um drei Positionen:

     1. die Verknüpfung des Abbaus der strategischen nuklearen Angriffswaffen mit der Einschränkung des Aufbaus eines globalen Raketenabwehrsystems.

    2. Die Begrenzung des wiederverwendbaren Potentials - der Zahl der Träger und Gefechtsladungen, die aus dem Truppengebrauch genommen und eingemottet werden, doch jederzeit wieder in den Truppendienst gestellt werden können.

    3. Kontrolle über die mobilen Raketensysteme auf dem Festland und die Begrenzung ihrer Stellungsräume.

     Das Thema Raketenabwehr ist für die USA und Russland seit langem politisch. Dabei muss in Betracht gezogen werden, dass es unmöglich ist, in den nächsten 15 bis 20 Jahren ein Raketenabwehrsystem zu schaffen, das vor einem Angriff mit mehreren Hundert Interkontinentalraketen schützen würde. Wenn die meisten gegnerischen Raketen durch den Erstschlag vernichtet werden, kann der Schaden minimiert werden. Doch auch in diesem Fall werden bei einem Konflikt zwischen Russland und den USA Dutzende Gefechtsköpfe die Verteidigung durchbrechen und irreparablen Schaden anrichten.

     Doch für Russland bedeutet der Aufbau eines Raketenabwehrsystems durch die USA eine Unterminierung des Gleichgewichts bei den atomaren Raketen. In den USA spekulieren einige Vertreter der zahlreichen Interessengruppen mit dem Thema Raketenabwehr. Sie können die Zustimmung für den neuen Vertrag durch den Kongress blockieren, wenn darin Punkte zur Begrenzung des Aufbaus der Raketenabwehrsysteme durch die USA enthalten sind.

     Die wieder einsetzbaren Raketen und Anlagen sind zudem ein sehr wichtiger Aspekt bei der Erörterung des neuen Vertrags. Die früheren Abkommen erlaubten den Parteien, einen Teil der Träger als konventionelle Waffen einzustufen. Es war auch erlaubt, die Träger und Gefechtsköpfe in den Depots zu lagern. Dabei wurden sie von den vertraglich festgelegten Begrenzungen ausgeschlossen, konnten aber bei Bedarf schnell wieder aufgestellt werden.

    Beide Seiten nutzten diese Möglichkeit, allerdings haben die USA nicht nur einen größeren Rüstungsetat, sondern auch wesentlich jüngere Träger und Gefechtsköpfe, weshalb sie mehr Munition lagern können. Russland hingegen musste die abgebauten Waffen größtenteils ausmustern. Das betraf vor allem die Langstreckenbomber. Die USA haben etwa 100 B-1B-Bomber und einige B-52-Maschinen vom START-Vertrag ausgeschlossen, indem sie sie offiziell den konventionellen Waffen zuschrieben. Allerdings behielten sie sich die Möglichkeit vor, sie schnell als Träger für strategische Atomwaffen wieder zum Einsatz bringen zu können.

    Nach vorliegenden Informationen haben die USA dennoch Zugeständnisse in dieser Frage gemacht. Sie haben zugestimmt, alle strategischen Trägermittel als Träger von Atomwaffen einzustufen. Das verringert deutlich die Möglichkeit, weitere atomare Gefechtsköpfe ins Arsenal zu nehmen. Auch die geplante Begrenzung der Träger auf 700 bis 750 Stück reduziert die Möglichkeit, wieder Atomwaffen aufzurüsten.

     Auch die Einschränkung für den Aufbau und die Positionierung der mobilen  Raketenanlagen sind ebenfalls ein wichtiger Aspekt im START-Vertrag. Russland hat es geschafft, die USA zum Verzicht auf die Kontrolle über den Aufbau der Topol-Abschussrampen, der mobilen Topol-M-Systeme und der neuen RS-24-Raketen zu bewegen. Das ist bereits jetzt klar. Das erhöht die Überlebensfähigkeit der Strategischen Raketentruppen. Gleichzeitig entwertet dies erheblich das hypothetische US-Raketenabwehrsystem. Dessen Möglichkeiten hängen nämlich maßgeblich davon ab, ob der Startplatz der Raketen im Voraus bekannt ist.

     Nachdem die USA in den Fragen über die wiederverwendbaren Raketen und Anlagen sowie die Kontrolle über den Aufbau der mobilen Systeme nachgegeben haben, kann Russland eigentlich Zugeständnisse bei den Begrenzungen zum Aufbau des Raketenabwehrsystems machen, der in diesem Fall in großem Maße an Wert verliert.

     Warum sind eigentlich beide Seiten bereit, Zugeständnisse zu machen? Russland braucht den Abbau der strategischen Offensivwaffen, weil das sowjetische Atomwaffenarsenal veraltet ist. Ein großer Teil davon soll im kommenden Jahrzehnt ausgemustert werden. Die Verlängerung der Dienstzeit der sowjetischen Raketen kann die Schrumpfung der Raketenkräfte etwas verzögern. Doch die Zahl der Träger, die den russischen strategischen Raketentruppen zur Verfügung stehen, wird wahrscheinlich ohnehin auf 500 bis 550 Stück sinken.

     Doch auch die USA sind immer stärker mit dem altersbedingten Abbau der Atomwaffen konfrontiert. Gegenwärtig erhalten die USA ihr atomares Potential durch Reparatur und Modernisierung der im Truppengebrauch befindlichen Systeme aufrecht.  Neue Raketen werden in den USA nicht einmal in dem Umfang gebaut, wie es das heutige Russland tut. Deswegen ist die vereinbarte Höchstzahl der Träger (700 bis 750 Stück) für beide Parteien akzeptabel.

     Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.

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