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    Google-Streit: Können 400 Millionen chinesische Internetuser falsch liegen?

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    Schwer zu sagen, wie oft die Rede der US-Außenministerin Hillary Clinton vom Donnerstag zum Thema Internet weltweit umgeschrieben wurde.

    MOSKAU, 25. Januar (Dmitri Kossyrew, RIA Novosti). Schwer zu sagen, wie oft die Rede der US-Außenministerin Hillary Clinton vom Donnerstag zum Thema Internet weltweit umgeschrieben wurde.

    Möglicherweise träumte Clinton während der Vorbereitung ihrer Rede mehrmals davon, dieses für die USA plötzlich heikel gewordene Thema lieber gar nicht anzufassen.

    Der Grund ist die weitere Entwicklung des "Falls Google in China". Er begann mit den Drohungen des US-Internetkonzerns, den chinesischen Markt überhaupt zu verlassen, weil Hacker (im Verdacht, Chinas Geheimdiensten anzugehören) schon im Dezember in Gmail, den E-Mail-Service von Google, angeblich in den E-Mail-Wechsel chinesischer Dissidenten eingedrungen waren. Aus diesem Anlass suchte Google Schutz bei den US-Behörden.

    Die Sache sah jedoch nur am Anfang so einfach aus. Jetzt dagegen wird immer klarer, dass sich die USA durch Verschulden eines unbestritten großen Konzerns in eine Geschichte haben einbeziehen lassen, die es lieber nicht gegeben hätte. Am schlimmsten ist, dass sich die chinesischen Behörden, die zuerst nur mit Mühe begriffen, was Sache ist, jetzt über die Gründe des Geschehens klar geworden sind und, nach allem zu urteilen, in die Offensive übergehen.

    Das braucht die Obama-Administration derzeit wirklich nicht: Sich gegen die chinesische Diplomatie zu wehren, die oftmals äußerst nörglerisch, kleinlich und rachsüchtig ist, um ihr Ziel zu erreichen.

    Was die Ereignisse vom Donnerstag betrifft, so ging das wie folgt vor sich: Liu Yun und Boon-Lock Yeo, zwei Topmanager von Google, haben in einem Blog des Unternehmens mitgeteilt, das Büro werde keineswegs geschlossen, alle würden ihre Arbeitsplätze behalten und weiter arbeiten. Was Pekings offizielle Position angeht, so dürfe der Fall Google "nicht mit den amerikanisch-chinesischen Beziehungen in Zusammenhang gebracht werden", erklärte der Vizeaußenminister He Yafei am Donnerstag. Falls jemand Probleme bekomme, so seien sie auf dem Gesetzesweg zu behandeln.

    Diese Äußerung hat übrigens viele Gemeinsamkeiten mit der Position des US-Außenministeriums: Anfang der Woche weigerte sich Kurt Campbell, Abteilungsleiter für Ostasien, mitzuteilen, ob die US-Administration an Peking einen offiziellen Protest richten werde. Campbell wiederholte lediglich, dass die USA China um Erklärungen bitten würden.

    Natürlich haben die US-Medien ihre Diplomaten umzitiert und "bitten" zu "fordern" gesteigert. Eine Gewohnheit aus anderen Zeiten. Dabei fordern die USA im Grunde nichts Besonderes. Es sind im Gegenteil die Chinesen, die Entschlossenheit zeigen, wenn sie sich bislang auch mäßigen. Doch Analysten der wichtigsten chinesischen Zeitungen erinnern daran, dass zu Jahresbeginn in den Beziehungen zwischen Peking und Washington Probleme aufgetaucht seien.

    Die Rede ist von weiteren Waffenverkäufen an Taiwan und vom Wunsch Obamas, den Dalai-Lama zu empfangen. (Ähnliche Situationen mit Frankreich führten übrigens zur Einfrierung der Beziehungen zu China für ein halbes Jahr, was in Frankreich niemandem gefiel. Aber angenommen, Obama würde jetzt erneut auf ein Treffen mit dem Oberhaupt des tibetischen Buddhismus verzichten - einmal hat er das schon getan -, was würden ihm die Amerikaner dann sagen?)

    Über die üblichen chinesischen Proteste im Zusammenhang mit Taiwan und Tibet bringen die US-Medien nicht viele Informationen, der Google-Fall bestimmt die Schlagzeilen. Denn die wichtigsten Widersprüche zwischen Washington und Peking liegen im Wirtschaftsbereich.

    Die USA versuchen, die Exporte aus China einzuschränken, haben jedoch gebundene Hände. Ein Grund: Am vergangenen Donnerstag beispielsweise kam es zu einem interessanten Ereignis. China zog etwas früher das Fazit aus der Wirtschaftsentwicklung im vierten Quartal 2009: Die Einzelhandelsverkäufe sind um 16,9 Prozent gewachsen, die Industrie hat um 11 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt insgesamt um 8,7 Prozent zugenommen. Vor allem aber: Die Investitionen sind um ein Drittel angestiegen.

    In dem Moment haben die chinesischen Behörden begriffen, dass es sich um eine ausgesprochene Überhitzung handelt, und auf die Bremse getreten. Unter anderem wurden die Bedingungen der Kreditvergabe durch die Banken verschärft.

    Das Ergebnis? Diese Neuigkeiten aus China haben den Dow-Jones-Index um 1,14 Prozent, den Nasdaq-Index um 1,26 Prozent usw. fallen lassen. Sich mit China zu zanken ist offensichtlich nicht gerade vorteilhaft.

    Was Google betrifft, so wird eins immer deutlicher: Der Internetkonzern, der in China offensichtlich Probleme mit dem Management hat, versucht, sie für Probleme hochmoralischer Art auszugeben. Um diese Probleme zu lösen, sucht Google nach Unterstützung bei jenem Teil der US-Gesellschaft, der im vorigen Jahrtausend (oder in der Ära von George W. Bush) stecken geblieben ist und denkt, dass die USA noch immer imstande seien, beliebige Standards zu diktieren und Moral zu predigen.

    Was herauskommt, ist das Gegenteil. Unter anderem dank immer dem gleichen Internet. Denn selbst ohne Chinesisch-Kenntnisse kommt man ohne weiteres ins chinesische Internet und liest, was die 400 Millionen chinesische User einander und der ganzen Welt schreiben.

    Mehr noch, die ganze Geschichte um Google ist deshalb interessant, weil die Welt jetzt auf dieses Drittel der chinesischen Bevölkerung - den nicht gerade schlechtesten Teil der chinesischen Gesellschaft - aufmerksam wird. Nicht wenige dieser Menschen im Netz haben in den USA oder zumindest in Singapur studiert und sprechen viele Sprachen.

    Jetzt erörtern sie den Google-Fall mit großer Anteilnahme. Das ist eine recht lustige Diskussion, besonders im Vergleich zu den recht standardmäßigen Formulierungen, mit denen aus irgendwelchen Gründen der amerikanische Internet-Teil, den dasselbe Problem beschäftigt, vorgeht.

    Man könnte sogar sagen, dass die chinesischen User einen recht eigenartigen Humor zeigen, außerdem aber die Kenntnis der tatsächlichen Situation im einheimischen Unternehmertum sowie einen Materialismus in den Einschätzungen. So tauchte plötzlich der "Preis der Frage" auf: 300 000 Millionen Dollar, die den jährlichen Gewinn von Google in China ausmachen. Ist die Zahl genau? Können sich die 400 Millionen Chinesen im Netz nicht irren? Und wenn sie miteinander streiten?

    Es stellt sich überdies heraus, dass Google auf dem chinesischen Markt vor allem gegen die Microsoft kämpfte, ihr Personal abwarb. Was das Ringen mit dem lokalen Monopolisten, der Suchmaschine Baidu, angeht, so sind die Google-Erfolge nur ein Trugschluss. Sein Anteil auf dem chinesischen Markt wächst nur, wenn man die Besuche auf Google.cn und die auf Google.com summiert; das letztere Portal wird immer öfter besucht.

    Der Skandal um die "Hacker in Uniform" sei, wie im chinesischen Netz festgestellt wird, doch zu deutlich mit der Flucht der "früher abgeworbenen" Manager in erfolgreichere (chinesische) Unternehmen zusammengefallen.

    Mehr noch, die chinesischen User machen darauf aufmerksam, dass in China auch Ebay, Yahoo und andere auf der Stelle treten. Die Internet-Zensur hat damit offensichtlich nichts zu tun, denn sie ist für alle gleich und wird gerade seit der Ankunft von Google auf dem chinesischen Markt mit jedem Jahr schwächer.

    Doch allgemein bewegt diese Geschichte China weniger als eine andere: die eben erst veröffentlichte gemeinsame Erklärung der 101 größten Webseiten Chinas darüber, dass sie von nun an und in alle Zeiten die Urheberrechte einhalten würden. Darauf hat im Netz eine lustige Diskussion zum Thema "Urheberrechte klauen" begonnen.

     Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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