12:09 15 November 2018
SNA Radio
    Meinungen

    Türkei: Erfolg der gemäßigten Islamisten

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 01

    Am Montag hat in Istanbul ein Treffen von drei wichtigen islamischen Staaten - der Türkei, Afghanistan und Pakistan - stattgefunden.

    MOSKAU, 26. Januar (Dmitri Babitsch, RIA Novosti). Am Montag hat in Istanbul ein Treffen von drei wichtigen islamischen Staaten - der Türkei, Afghanistan und Pakistan - stattgefunden.


    Es beweist erneut den Anspruch der Türkei auf die Rolle eines neuen Zentrums in der islamischen Welt. Indirekt steigern diese Ansprüche auch das Gewicht Russlands, das (bei einem jährlichen Handelsumsatz von 25 Milliarden Dollar) der nach der EU zweitgrößte Handelspartner der Türkei ist.
    Gleichsam zur Bestätigung der neuen türkischen Hoffnungen kamen am Montag zwei wichtige Meldungen aus der Türkei. Der Türke Mevlüt Cavusoglu ist zum neuen Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) gewählt worden, und die Bevölkerungszahl ist auf 72 Millionen (die Hälfte von Russlands Einwohnerzahl) gestiegen.


    Was die Zusammenkunft des türkischen Präsidenten Abdullah Gül mit seinem pakistanischen Amtskollegen Asif Ali Zardari und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai angeht, so bildet sie eine Vorstufe zur Afghanistan-Konferenz in London.
    Es ist kein Zufall, dass die Erörterung dessen, wie den afghanischen Bauern andere Einkommensquellen außer der Herstellung von Heroin, das dann über Russland nach Westeuropa kommt, zu verschaffen sind, in Istanbul verlief. Die Türkei hat schon mehrmals Treffen zwischen den afghanischen und den pakistanischen Spitzenpolitikern organisiert und bemüht sich auch sonst, als Koordinator der Hilfe für Kabul durch die islamischen Länder aufzutreten.


    Der Anspruch auf diese Rolle würde sonst Ankaras Kräfte übersteigen, aber seine zugenommenen finanziellen Möglichkeiten erlauben es. Bei einem Treffen zwischen Gül und Zardari wurde das Signal zum Start des Wiederaufbaus der Bahnstrecke zwischen Islamabad und Istanbul gegeben. Die 20 Milliarden teure Bahnstrecke soll durch die iranische Hauptstadt Teheran führen.
    Nicht viele Länder sind wie die Türkei in der Lage, gute Beziehungen zum Westen, zu Russland und Iran zugleich zu unterhalten. Doch in den letzten zwei Jahren konnte die türkische Diplomatie beweisen, dass es in der heutigen Welt bei der Verbesserung der Beziehungen an allen Richtungen nicht unbedingt notwendig ist, die Freundschaft mit dem Westen zum Nachteil der Beziehungen zu anderen zivilisierten Ländern aufzubauen.


    Ein Beispiel. Obwohl Nato-Mitglied und folglich ein USA-Verbündeter, vereinbarte die Türkei im vergangenen Jahr den visafreien Reiseverkehr mit dem benachbarten Syrien - also mit einem Land, das in den USA als Terrorsponsor eingestuft wird und eine Zeitlang als das nach Irak wahrscheinlichste nächste Ziel eines US-Militäreinsatzes galt.
    Die Vereinbarung war nicht einfach: Ende der 90er Jahre drohte Ankara, Syrien den Krieg zu erklären, wenn Damaskus nicht den Anführer der kurdischen Kämpfer, Abdullah Öcalan, aus dem eigenen Gebiet vertreibt. Im Ergebnis begab sich Öcalan 1999 nach Russland, das er infolge der geheimen Diplomatie des damaligen Premiers Jewgeni Primakow ohne großes Aufsehen verlassen musste. Darauf folgten mehrere Wochen einer Reise des kurdischen "Oberpartisanen" durch Italien und Afrika, die mit seiner Einlieferung in einem türkischen Gefängnis endeten.


    Auf diese Weise begann die zehnjährige Kette von Meldungen über diplomatische Erfolge der Türkei, die maßgeblich auf ihrem Vermögen beruhen, sich in die westliche Gemeinschaft zu integrieren, ohne die islamischen Nachbarstaaten oder Russland zu kränken und ohne in den Chor derjenigen einzustimmen, die eine Isolation Russlands von den internationalen Energie- und Geldströmen herbeiwünschten.
    Beim vorjährigen Türkei-Besuch des russischen Premiers Wladimir Putin gelang es, sich über die Verlegung der South-Stream-Pipeline durch die türkischen Hoheitsgewässer im Schwarzen Meer zu einigen. Dabei zeigte sich Ankara bereit, auch ins konkurrierende Pipeline-Projekt Nabucco einzusteigen, das von den USA und der EU finanziert und unterstützt wird. Zufrieden sind sowohl Moskau als auch Washington und Brüssel. Somit konnte Ankara beweisen, dass die von einigen westlichen Ideologen den eurasischen Ländern aufgezwungene Alternative - "entweder wir oder Russland" - der Wirklichkeit nicht entspricht.


    Ein weiterer Punkt. Würde Russland in Transkaukasien tatsächlich eine „Teile-und-Herrsche-Politik" durchführen, die uns der Westen häufig vorwirft, so wäre auch die Verbesserung der Beziehungen der Türkei zu ihrem langjährigen Kritiker Armenien kaum möglich gewesen. Armenien bleibt zwar Russlands Verbündeter, aber Moskau behinderte in keiner Weise die Annäherung zwischen zwei alten Feinden. Jerewan und Ankara, die immer noch keine diplomatischen Beziehungen aufgenommen haben, einigten sich im Oktober über das Bestreben, diese Beziehungen wiederherzustellen und die Grenze zu öffnen.


    Natürlich kann man es nicht allen recht machen, und so hat die Türkei in den vergangenen Monaten neue Kritiker bekommen. Unerwartet forderte Aserbaidschan von seinem Verbündeten, sich vor der Wiederherstellung der Beziehungen zu Armenien an aserbaidschanische Verluste in Karabach zu erinnern.
    Nach Ansicht von Beobachtern wird Ankara kaum einen richtigen Frieden mit Armenien schließen, wenn es sich gegen die Rückkehr der aserbaidschanischen Flüchtlinge in einige Gebiete um Berg-Karabach sperrt, die zu der von Armenien nach dem Sieg beim Konflikt in den 90er Jahren geschaffenen "Sicherheitszone" gehören.


    Dennoch ist ein Anfang gemacht worden, und selbst "beste Freunde" Russlands wie die amerikanischen und europäischen Sowjetologen werfen Moskau nicht vor, diesen Prozess bremsen zu wollen.
    Der zweite Kritiker der Türkei ist Israel. Der Grund ist einfach: Israel kann es dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan nicht verzeihen, dass er sein Mitgefühl mit den palästinensischen Opfern des israelischen Einsatzes "Gegossenes Blei" im Gaza-Streifen äußerte. Doch ohne dieses Mitgefühl, das Erdogan emotional gegenüber dem israelischen Präsidenten Shimon Peres äußerte, hätte die Türkei nicht auf die Rolle eines Führers der islamischen Welt Anspruch erheben können. Hier hat sich die Mühe also gelohnt.


    "Ich habe den Eindruck, dass Erdogans Kritik an unserer Gaza-Operation vor allem die Lösung innenpolitischer Probleme dieses hohen türkischen Politikers zum Ziel hat", kommentierte die israelische Botschafterin in Moskau, Anna Asari, die Situation. "Doch der jüngste Türkei-Besuch unseres Verteidigungsministers verlief ausgezeichnet, so denke ich, dass sich die Beziehungen bald einrenken werden."
    Die westliche Presse verweist darauf, dass die in der Türkei seit 2002 regierende gemäßigte islamische Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) keine einzige der mit ihr verbundenen Ängste gerechtfertigt hat. Der Erfolg dieser Partei und ihrer Führung ist eines der seltenen positiven Ergebnisse der "Null-Jahre" für das gesamte System der internationalen Beziehungen.


     Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren