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    Vor 90 Jahren: Wie Estland erstmals unabhängig wurde

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    Vor genau 90 Jahren wurde in der altehrwürdigen Stadt Tartu (dt. Dorpat) zwischen Sowjetrussland und Estland ein Friedensvertrag abgeschlossen.

    MOSKAU, 02. Februar (Dmitri Babitsch, RIA Novosti). Vor genau 90 Jahren wurde in der altehrwürdigen Stadt Tartu (dt. Dorpat) zwischen Sowjetrussland und Estland ein Friedensvertrag abgeschlossen.

    Er beendete den Krieg zwischen beiden jungen Staaten, der heute nicht sehr oft erwähnt wird. Viele wundern sich: Was denn, unsere Länder sollen einst Krieg gegeneinander geführt haben? Während häufig von der Zusammenarbeit der estnischen "Freiwilligen" mit Hitlerdeutschland und den stalinschen Deportationen der estnischen "Klassenfeinde" geredet wird, fällt kaum ein Wort von jenem Krieg.

    Dabei wäre es nützlich, sich über ihn Klarheit zu verschaffen: Es ist unmöglich, ihn auf Hitler und Stalin, die 1920 beide am Anfang ihrer politischen Karriere standen, abzuwälzen. In Abwesenheit der Wahrheit aber entsteht ein fruchtbarer Boden für nationalistische Mythen über die "ewige Feindschaft" oder die "ewige Bedrohung", die nicht mit Politik verbunden sind, sondern mit der angeblich ewigen Feindschaft zwischen beiden Völkern.

    In Estland wird gern eine Bestimmung des Vertrags von Tartu zitiert: "Russland erkennt vorbehaltlos die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des Staates Estland an und verzichtet freiwillig und für alle Zeiten auf sämtliche souveränen Rechte, welche Russland in Bezug auf das estnische Volk und Gebiet kraft der damals herrschenden staatsrechtlichen Ordnung gehörten."

    Der Stil und die Wortwahl dieses Dokuments sprechen für sich selbst und spiegeln die Epoche wider. Russischerseits (die Sowjetunion sollte erst fast drei Jahre später entstehen) unterschrieb ihn Adolf Ioffe, Mitstreiter von Trotzki und Antreiber der Weltrevolution. An Russland und seine Grenzen dachten der Genosse Ioffe und die anderen Bolschewiken der "ersten Welle" herzlich wenig. Sie brauchten Russland als Aufmarschgebiet für die Weltrevolution, die in erster Linie nicht im rückständigen Russland, sondern im industriellen Deutschland hätte siegen sollen.

    Die Situation um den Krieg sah wie folgt aus. Im November 1918 brach das Wilhelminische Deutschland unter den Angriffen der Entente zusammen. Dieser Bund bestand aus Russlands ehemaligen Verbündeten im Ersten Weltkrieg England, Frankreich sowie den USA, die sich ihnen anschlossen.

    Die bolschewistische Regierung entzog sich sofort den Bestimmungen des "Raubfriedens", der im März 1918 mit Deutschland in Brest-Litowsk unterzeichnet worden war. Die Weltrevolution stand wieder auf der Tagesordnung. Auf dem Weg ins zentrale Deutschland lag Polen, auf dem Weg nach Ostpreußen lagen Litauen, Lettland und Estland, die erst kurze Zeit zuvor ihre Unabhängigkeit ausgerufen hatten.

    Zudem ließ sich die estnische Regierung unvorsichtigerweise in den russischen Bürgerkrieg einbeziehen, indem sie den Truppen der weißgardistischen Nordwestlichen Armee von General Nikolai Judenitsch sein Territorium zur Verfügung stellte.

    Im Ergebnis begann zwischen Sowjetrussland und Estland ein Krieg, der sich über beinahe zwei Jahre hinzog. Die Kämpfe wurden mit wechselndem Erfolg geführt, in der zweiten Jahreshälfte 1919 waren Judenitschs Truppen nahe daran, Petrograd (späteres Leningrad, heute Sankt Petersburg) einzunehmen.

    In dem Moment wurde Estland von einem neuen Unglück heimgesucht: Im Süden griffen die Volkswehrtruppen der deutschen Landwehr an, die sich aus Baltendeutschen zusammensetzten. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatten diese in allen baltischen Ländern eine privilegierte Klasse gebildet. Doch um 1920 wurde Judenitschs Armee von den Roten aus Estland vertrieben und von den ehemaligen estnischen Verbündeten entwaffnet, während die Landwehr in Lettland zerschlagen wurde.

    Unter diesen Bedingungen fanden es die Bolschewiken günstiger, mit Estland einen Friedensvertrag zu schließen. Er könnte als Bestandteil der allgemeinen "Aussöhnung" Sowjetrusslands mit seinen Nachbarn betrachtet werden: Noch im selben Jahr - 1920 - kamen die Friedensverträge mit Polen und Finnland zustande. Die Kriege mit ihnen waren im Rahmen der geplanten "Weltrevolution" geführt worden. Lenin und seine Mitstreiter gaben zu, dass die Weltrevolution aufgeschoben werden musste - nur um ein paar Jahre, wie sie glaubten.

    Bedeutete das, dass die Ostsee-Anrainerstaaten, die früheren privilegierten multinationalen Randgebiete des Russischen Reiches, nun frei und glücklich lebten? Diese Deutung liefert die offizielle estnische Geschichtschreibung, doch die Wahrheit ist, wie so oft, anders als offizielle Deklarationen. Der amerikanische Diplomat George F. Kennan, der in den 20er Jahren in Estland tätig war, beschreibt als Außenstehender das damalige Tallinn und das Baltikum jener Zeit wie folgt:

    "Tallinn war damals eine nette alte Hansestadt, eine nördliche Kopie des deutschen Lübeck, dazu auf ziemlich attraktive Weise von rein russischen Vorstädten umgeben. Es liegt gegenüber Helsinki, an der anderen Seite des Finnischen Meerbusens, nur 60 Meilen von der finnischen Hauptstadt entfernt. In einer Entfernung von 250 Meilen, am Anfang des Meerbusens, liegt Leningrad...

    Die politisch dominierenden Letten und die anderen Baltenvölker, die sich mit der erstarkenden Unabhängigkeit zu immer größeren Chauvinisten entwickelten, gaben sich alle Mühe, diesem ganzen Kosmopolitismus ein Ende zu setzen, und schafften es, gegen 1939 ihren Städten den ganzen Reiz zu nehmen. Ihre Bemühungen wurden 1940 auf eine für sie überraschende Weise ergänzt, da sie erneut von den Russen okkupiert und in die Sowjetunion eingegliedert wurden... Das war die grausamste Strafe für den Chauvinismus."

    Soweit dieser um jede politische Korrektheit unbekümmerte Epilog zum Tartu-Vertrag von 1920. Wir wollen hinzufügen, dass George F. Kennan (1904 - 2005) später US-Botschafter in der UdSSR und ein großer amerikanischer außenpolitischer Denker war. Er ist der Hauptideologe der "Eindämmung" der Sowjetunion, der aber im hohen Alter ein Freund Russlands wurde und gegen die Nato-Erweiterung war.

    Die Geschichte bestätigte völlig seine Vorhersage vom Ende der vierziger Jahre, dass die Sowjetunion nach der Eingliederung der missmutigen nationalen Minderheiten nicht stärker, sondern schwächer sein werde. Gerade die Bewohner der baltischen Staaten und die Westukrainer standen Ende der 80er Jahre an der Spitze der Bewegung für die Auflösung der Sowjetunion. Der Anfang aber war 1920 gemacht worden.

    Damals habe sich Russland, wie Kennan schrieb, seiner baltischen "Kolonien" entledigt und auf diese Weise auch einen der stärksten Förderer der Protestbewegung innerhalb des "Imperiums" beseitigt. Nicht für lange, wie sich erweisen sollte.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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