15:57 21 Juli 2018
SNA Radio
    Meinungen

    Nazi-Helfer als Volksheld: Juschtschenko redet dunkle Vergangenheit schön

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 0 0

    Präsident Viktor Juschtschenko und Regierungschefin Julia Timoschenko bemühen sich um die Vereinigung der Ukraine, die allerdings merkwürdig ist.

    MOSKAU/KIEW, 02. Februar (Andrej Lubenski, RIA Novosti). Präsident Viktor Juschtschenko und Regierungschefin Julia Timoschenko bemühen sich um die Vereinigung der Ukraine, die allerdings merkwürdig ist.

    Beide heroisieren die Mithelfer der Hitler-Faschisten und zwingen ihre Ansichten zur „ehrlichen" Geschichte auf, die nach ihrer Auffassung einheitlich für alle Ukrainer sein sollte.

    Timoschenko zeigt sich zur Fortsetzung des braunen Marsches" bereit

    Zum Ausklang seiner Präsidentschaft hat Juschtschenko den Nationalisten Stepan Bandera zum Helden der Ukraine gekürt und die Soldaten der Ukrainischen Aufstandsarmee (ukrainische Abkürzung: UPA) als Unabhängigkeitskämpfer anerkannt.

    Die Liste der „Helden" ruft aber Fragen hervor. „Im Präsidentenerlass handelt es sich um die Anerkennung der Verdienste der Kämpfer um die Unabhängigkeit der Ukraine. Warum stehen aber auf der Liste nicht die Namen von Bogdan Chmelnizki, Ustim Karmeljuk? Warum gilt der Erlass nur für die Ereignisse des 20. Jahrhunderts, von dem Jahr 1918 an, als die russisch-ukrainische Spaltung begann?

    Da Juschtschenko noch mehrere Wochen Amtszeit bleiben, kann er durchaus einen Erlass über den Beitritt der Ukraine zur Nato oder noch irgendwas Ähnliches signieren", sagte Öffentlichkeitspolitiker Grigori Kwasnjuk aus Odessa. Mit seinen Aktionen lege Juschtschenko bewusst eine Zeitmine, die eine Spaltung des Landes in der Zukunft unvermeidlich machen könne, so der Experte.

    Einige Politiker in der Ukraine lassen ihren Emotionen freien Lauf. „Mit seinem Erlass zeigte Juschtschenko, dass er Faschist, Schurke und Kandidat für das Irrenhaus ist. Zur Person Juschtschenkos gibt es nichts mehr zu sagen", empörte sich der Führer der Kommunisten auf der Halbinsel Krim, Leonid Gratsch.

    „Wichtiger ist aber etwas Anderes: der jüngste Erlass ist ein Test für den künftigen Präsidenten bzw. Präsidentin der Ukraine. Egal ob Viktor Janukowitsch oder Julia Timoschenko diesen Posten bekleiden sollte, wird das künftige Staatsoberhaupt sofort eine Art Prüfung auf den Respekt vor dem Volksgedächtnis, auf die Deutung unserer Geschichte und die Liebe zum Vaterland bestehen müssen.

    Wenn Janukowitsch oder Timoschenko diese Eigenschaften, wenn auch in geringerem Maße, besitzen, dann muss derjenige von ihnen, der zum Präsidenten gewählt wird, Juschtschenkos Erlass unverzüglich und bedingungslos annullieren. Sollte das nicht getan werden, dann riskiert auch das neue Staatsoberhaupt, in die Geschichte als Mithelfer des Faschismus einzugehen, genauso wie Juschtschenko in die Geschichte eingegangen ist", sagte Gratsch.

    Manche Optimisten hatten noch vor kurzem daran geglaubt, dass der „Vereinigungsprozess", der in Wirklichkeit den Zerfall der Ukraine auslösen kann, sich mit dem Ablauf der Amtszeit Juschtschenkos zumindest verlangsamen würde. Aber Timoschenko hat bereits offen erklärt, sie sei bereit, diesen Weg weiter zu gehen. Während ihres Besuchs in der Stadt Tscherkassy sagte die Premierministerin, Bandera sollte als Vorbild für die Jugend dienen. Zudem plädierte sie für den Bau eines Pantheons der Nationalhelden, in dem Bandera „der Held Nummer eins" wäre.

    Wessen Held ist Bandera?

    Der Chefin des Timoschenko-Blocks zufolge besteht ihre Aufgabe darin, „unsere nationale Selbstidentität, unsere wahrheitsgetreue Geschichte wiederzubeleben, allerdings auf eine Weise, dass sie in allen Teilen der Ukraine akzeptiert wird und in allen Teilen der Ukraine Unterstützung genießt".

    Im Falle eines Wahlsiegs Timoschenkos lässt sich also die Fortsetzung des „braunen Marsches" erwarten. Man versucht dabei bereits jetzt, die Einwohner der südöstlichen Regionen zu überzeugen, dass die Regierungschefin „pro-russisch" eingestellt ist. In Wirklichkeit gibt es aber allen Grund zu denken, dass die Politik der Rehabilitierung und Aufwertung der Nazis in der Ukraine eine neue Befürworterin hat. Die Partei der Regionen wirkt dem kaum dagegen, denn ihre Führer haben wohl keine Lust, sich mit Juschtschenko zu streiten.  

    Timoschenko scheint generell bereit zu sein, die einstigen Kränkungen zu vergessen. „Meines Erachtens wird sich Viktor Juschtschenko nach der Wahl ebenfalls entscheiden. Wenn sein Kampf um die Ukraine, um ihre Unabhängigkeit, um ihre wahrheitsgetreue Geschichte wirklich aufrichtig ist, dann ist es äußerst wichtig, die vereinigten, konsolidierten Kräfte zu unterstützen", sagte die Regierungschefin am vergangenen Samstag in einem TV-Interview.

    Damit werden die Mitkämpfer aus den Zeiten der Orangen Revolution, die später zu Feinden wurden, wohl schon wieder kämpfen - diesmal um das Recht, „der größere Patriot" genannt zu werden.

    Die Folgen dieser „Patrioten-Spiele" können sehr schlimm sein. Das Präsidium des Obersten Rates der Teilrepublik Krim hat bereits eine Erklärung verabschiedet, wonach Juschtschenkos Erlass über die Ernennung Banderas zum Helden der Ukraine „eine offene Provokation ist, die auf eine Spaltung der ukrainischen Gesellschaft gerichtet ist, deren meisten Bürger Bandera für Nazi-Mithelfer und Henker halten." „Der ukrainische Präsident zählte zu den Ausdrücken des Heldentums Banderas und seiner Anhänger die Massenmorde an den Landsleuten sowie an Juden und Polen", so das Dokument.  

    Gleichzeitig werden aber Juschtschenkos und Timoschenkos Deklarationen und Aktionen in den westlichen Regionen des Landes oft befürwortet. Dabei lassen sich beide „Versionen" der neusten Geschichte in den kommenden Jahrzehnten wohl kaum versöhnen.

    Weltgemeinschaft reagiert angewidert 

    Banderas offizielle Ernennung zum Helden der Ukraine wird allerdings keine positiven Folgen für das internationale Image des Landes haben. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. So nannten russische Diplomaten die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten „odiös".

    Russlands Delegation in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) plädierte für eine Resolution bezüglich der „Heroisierung" Stepan Banderas und Roman Schuchewitschs, indem sie die Vorbereitung eines entsprechenden Vortrags initiierte. Auch der Oberrabbiner in Russland, Berl Lazar, bezeichnete die Heroisierung Banderas als ein „gefährliches Signal".

    „Das ist ein sehr gefährliches Signal, vor allem für die junge Generation. Man könnte denken, man dürfte wehrlose Menschen töten und dadurch zum Helden der Nation werden", unterstrich er und erinnerte, dass Bandera „den ganzen Krieg lang mit den Nazis kooperiert und Morde an Tausenden und Zehntausenden unschuldigen Menschen organisiert hatte".

    Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat ein Schreiben an die ukrainische Botschaft in den USA (Hyperlink setzen) http://rian.com.ua/politics/20100130/78290874.html gerichtet, in dem es „tiefsten Ekel" zum Ausdruck brachte, den die Ehrungen für Bandera hervorrufen, „der in den frühen Phasen des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis kooperierte und dessen Nachfolger mit den Morden an Tausenden Juden und Menschen anderer Nationalitäten verbunden sind."

    Warschaus erste Reaktion war eher zurückhaltend. „Wir finden die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten in Bezug auf Stepan Bandera frappant. Wir hatten damit gerechnet, dass unsere ukrainischen Partner mehr Feingefühl zeigen würden", sagte der Chef der polnischen Präsidentenkanzlei, Mariusz Handzlik.

    Polens ehemaliger Premier Leszek Miller verwies darauf, dass das vom polnischen Gericht gefällte Todesurteil für Bandera, der sich an der Vorbereitung des Mordes am damaligen polnischen Innenminister Bronislaw Pieracki im Jahr 1934 beteiligt hatte, nie aufgehoben worden sei. Es ist unmöglich, dass Juschtschenko das nicht gewusst hätte.

    Angesichts dessen lässt das israelische Internet-Portal IzRus http://izrus.co.il/history/article/2010-01-25/8285.html zu, dass Juschtschenkos Erlass über Banderas Heroisierung die Beziehungen zwischen Kiew und Warschau im Kontext der Vorbereitung der Fußball-Europameisterschaft 2012 belasten wird, die gleichzeitig in der Ukraine und Polen ausgetragen wird.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren