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    Unfähige Generäle opfern Soldaten - Zehn Jahre Tragödie der 6. Kompanie in Tschetschenien

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    Am 2. März 2000 wurde eine Kompanie der russischen Luftlandetruppen in Tschetschenien nahezu vollständig vernichtet.

    MOSKAU, 02. März (Ilja Kramnik, RIA Novosti). Am 2. März 2000 wurde eine Kompanie der russischen Luftlandetruppen in Tschetschenien nahezu vollständig vernichtet. Dieses traurige Jubiläum ist ein geeigneter Anlass, über die Inkompetenz der Generäle und die Augenwischerei der Militärpolitiker zu sprechen, die mit Soldatenblut bezahlt werden mussten.

    Am 28. Februar 2000 hatte die 6. Kompanie des 2. Bataillons des 104. Luftlanderegiments der ruhmreichen 76. (Pskower) Garde-Division den Befehl bekommen, zwischen den tschetschenischen Dörfern Ulus-Kert und Selmentausen Stellung zu beziehen, um einen Durchbruch der Extremistenbanden von Schamil Bassajew und Chattab in Richtung der Ortschaft Wedeno zu verhindern. Da der Kompaniechef, Major Sergej Molodow, diesen Posten erst kurz zuvor übernommen hatte, schloss sich Bataillonschef Oberstleutnant Mark Jewtjuchin dieser Operation an.

    Ein Aufklärungstrupp der Kompanie stieß am 29. Februar auf eine Gruppe von Extremisten, wonach Jewtjuchin den Beschluss fasste, sich auf der "Höhe 776" zu verschanzen. Beim Rückzug auf die Höhe musste die Kompanie die ersten Verluste einstecken - unter anderem kam Kompaniechef Molodow dabei ums Leben.

    Kurz danach begannen die Banden, deren Gesamtstärke auf 2 500 Mann geschätzt wurde, ihre erbitterten Attacken auf die Höhe, die von rund 90 Soldaten und Offizieren verteidigt wurde.

    Bereits am 1. Tag verlor die Kompanie 31 Soldaten und Offiziere. Gegen drei Uhr nachts wurde die Einheit durch 15 Soldaten aus der 4. Kompanie verstärkt, deren Position in der Nähe lag.

    Diese Verstärkung konnte jedoch den Verlauf der Schlacht nicht ändern. Eine wesentlichere Unterstützung durch die 1. Kompanie des 104. Regiments wurde zu spät entsandt und nahm dazu noch einen Umweg, weswegen sie auch zu spät kam. Sie musste etliche Extremistenfallen überwinden und erreichte die "Höhe 776" erst am Morgen des 2. März.

    Trotz ihrer großen zahlenmäßigen Überlegenheit wollte den Extremisten der Durchbruch durch die Stellung der Kompanie nicht gelingen: Sie verteidigte sich geschickt nur mit der Unterstützung von Panzerhaubitzen "Nona" einer taktischen Gruppe des Regiments.

    Nachdem die Extremisten empfindliche Verluste einstecken mussten, boten sie den Soldaten sogar an, sie gegen Bestechungsgeld durch ihre Stellung durchzulassen. Natürlich wurde das Angebot abgelehnt.

    Die Schlacht ging für die 6. Kompanie gegen sieben Uhr früh am 1. März zu Ende, als die Banditen einen neuen Angriff starteten. Die übrig gebliebenen 26 Luftlandesoldaten, von denen viele bereits verletzt waren, konnten kaum noch Widerstand leisten. Insgesamt konnten sich nur sieben Soldaten aus der Kompanie retten. Die Verluste der Banditen beliefen sich indes auf 400 bis 600 Mann, einschließlich mehrerer Feldkommandeure.

    Nach der Einnahme der "Höhe 776" mussten sich die Extremisten jedoch in der Umgebung zerstreuen, weil ein weiterer Durchbruch nicht mehr möglich war.

    90 Soldaten und Offiziere der Kompanie wurden später auf Präsidentenerlass ausgezeichnet, 21 von ihnen mit dem Ehrentitel Held Russlands. 84 der Ausgezeichneten lagen zu diesem Zeitpunkt bereits im Grab.

    Auch heute noch, zehn Jahre nach der Tragödie, sind etliche Fragen zu diesem Vorfall unbeantwortet geblieben. Wie genau waren die Berichte der Aufklärung im Vorfeld der Operation?

    Warum kam die Unterstützung so spät?

    Warum bekam die 6. Kompanie keine schweren Waffen, die noch vor Eintreten des starken Nebels (welcher später als Rechtfertigung des Versagens erwähnt wurde) hätten dorthin gebracht werden können?

    Warum wurden die Stellungen der Banditen nicht mit weitreichender Artillerie und Bombern des Typs Su-24 angegriffen, noch bevor sie sich der "Höhe 776" auf gefährliche Weise nähern konnten?

    Warum hat die 6. Kompanie keinen Befehl zum Rückzug bekommen, sobald klar war, dass sie auf mehrfach überlegene Kräfte des Feindes gestoßen war? Hätten sich die Banditen dazu entschlossen, die Kompanie zu verfolgen, wären sie unausweichlich in eine Falle geraten, weil sich die Hauptkräfte der russischen Armee in der Nähe befanden.

    Nach Ansicht vieler Beobachter hatte die Haltung der obersten Militärführung die Tragödie der 6. Kompanie herbeigeführt: Zu jenem Zeitpunkt erklärte sie voreilig, die "Hauptkräfte" der Extremisten seien bereits vernichtet.

    Ausgerechnet am 29. Februar erklärte General Gennadi Troschew: "Heute ziehen wir den Schlussstrich unter der Vernichtung der Bandenformationen. Das bedeutet zwar nicht, dass sie endgültig zerschlagen sind, als Banden existieren sie aber heute nicht mehr. Es sind die letzten Reste, die auseinander gelaufen sind, um ihre Haut zu retten."

    Am selben Tag berichtete Verteidigungsminister Igor Sergejew dem damaligen amtierenden Präsidenten Wladimir Putin über den erfolgreichen Abschluss "der 3. Etappe der Antiterroroperation".

    Nach einer solchen Erklärung hätte ein erneuter Einsatz von schwerer Artillerie und Bombern für die Führung der Streitkräfte und des Staates unangemessen gewirkt.

    Trotz der Versuche, den Vorfall zu verheimlichen, sickerten Informationen darüber in der Presse durch: 30 der 84 Gefallenen stammten aus dem Gebiet Pskow - die lokalen Blätter wussten deshalb recht bald über die Umstände des Kampfes und die Zahl der Gefallenen Bescheid und berichteten auch darüber

    Die Militärstaatsanwaltschaft hielt das allerdings nicht für ausreichend, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Die Schuld des Oberkommandos wurde erst im Sommer 2000 teilweise zugegeben: Putin, der zum 70. Jahrestag der Bildung der Luftlandetruppen in Pskow weilte, räumte die Verantwortung der Führung "für die groben Fehler" ein, "die mit dem Leben russischer Soldaten bezahlt werden müssen".

    Die Gewohnheit, Fehleinschätzungen des Oberkommandos hinter der Selbstlosigkeit von Soldaten zu verstecken, kommt jedoch im Endeffekt zu teuer zu stehen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA-Novosti-Redaktion übereinstimmen.

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