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    Deutschlands Presse über Russland und GUS am 21. und 22. März

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    Russland wieder attraktiv für Investitionen * Europas Sicherheit und START-Nachfolgevertrag * Tag des Zorns in Russland * Paralympics: Deutschland kann von Russen viel lernen

    Russland wieder attraktiv für Investitionen * Europas Sicherheit und START-Nachfolgevertrag * Tag des Zorns in Russland * Paralympics: Deutschland kann von Russen viel lernen

    Die Welt: Russland wird wieder attraktiv für Investoren

    Kaum ein Land wurde von der Wirtschafts- und Finanzkrise härter getroffen als Russland. Der drastische Rückgang des Ölpreises ließ die Einnahmen in kürzester Zeit versiegen, wodurch 2009 die Wirtschaftsleistung um fast acht Prozent einbrach. Die Investoren flohen in Scharen und der Aktienindex RTS stürzte seit dem Hoch im Sommer 2008 innerhalb weniger Monate um rund 80 Prozent ab.

    Zwar haben sich die Kurse von ihren Tiefstständen wieder deutlich erholt. Dennoch war das Misstrauen gegen das russische Wachstumsmodell groß. Wie sollte ein Land langfristig erfolgreich sein, das auf Gedeih und Verderb vom Ölpreis abhängt und zudem mit vielen inneren Problemen zu kämpfen hat?

    Inzwischen scheinen viele diese Bedenken jedoch über Bord zu werfen. Dies zeigt die jüngste weltweite Umfrage unter Fondsmanagern von Bank of America/Merrill Lynch. Bei jenen, die in Schwellenländer investieren, steht Russland wieder ganz oben auf der Kaufliste. Netto haben 80 Prozent den Markt in ihrem Depot übergewichtet (übergewichtete Positionen gesamt, abzüglich untergewichteter). Im Vergleich zum Vormonat ist der Anteil drastisch gestiegen.

    Die realen Kapitalströme zeichnen ein ähnliches Bild. Laut EPRF Global, einem führenden Dienstleister für die Analyse von Finanzströmen von Investmentfonds, haben die auf Russland und die GUS-Staaten spezialisierten Fonds in der zweiten Märzwoche 411 Millionen Dollar an Land gezogen. Gleichzeitig flossen diesmal nur 90 Millionen Dollar in chinesische Fonds, 47 Millionen in brasilianische und 67 Millionen in indische. Wollten viele vor einem Jahr Russland noch aus der Abkürzung Bric streichen, die für die vier aufstrebenden Volkswirtschaften steht, so ist es jetzt wieder da, fast so mächtig wie zuvor. Denn der absolute Wochenrekord bei den Zuflüssen in russische Fonds lag Mitte Mai 2009 bei 541 Millionen Dollar.

    Indes, das alte Problem bleibt: die Abhängigkeit vom Rohstoffsektor. Die Aktienkurse an Moskaus Börse bewegen sich seit Jahren praktisch parallel zur Entwicklung des Ölpreises. Wer sein Geld an Russlands Börse anlegt, könnte es daher praktisch auch gleich in Rohöl investieren - es sei denn, er pickt sich jene Titel heraus, die nicht direkt mit dem Rohstoffsektor verbunden sind...

    Ob Konsum, Elektro oder Fleisch - der um sich greifende Optimismus rund um Russland sollte auf keinen Fall blind für die Gefahren machen. Denn nach wie vor gibt es kaum Fortschritte beim Aufbau einer Industrie, die nicht mit dem Rohstoffsektor verbunden ist. Auch bei der Transparenz der Firmen gibt es zwar Fortschritte, vor allem bei den großen Konzernen. Bei mittleren und kleineren Unternehmen ist es dagegen immer noch nicht weit her mit der notwendigen Offenheit gegenüber den eigenen Investoren. All diese Risiken tragen dazu bei, dass russische Aktien nach wie vor mit einem gehörigen Abschlag zu anderen Papieren gehandelt werden...

    F. A. Z.: Europas Sicherheitsinteressen bei russisch-amerikanischem Raketen-Deal

    Die bevorstehende Übereinkunft zwischen Washington und Moskau über die weitere Verminderung der Zahl der nuklearstrategischen Waffen rückt auch Europas Sicherheitsbedürfnisse in den Vordergrund. Es ist nicht sicher, dass sie berücksichtigt werden. Bisher deutet wenig darauf hin, dass die europäischen Alliierten die europäischen Sicherheitsinteressen auch konsequent wahrnehmen. Dies gilt insbesondere auch für Deutschland, das sich vor allem für den Abzug der restlichen taktischen amerikanischen Kernwaffen interessiert. Tatsächlich kommt es aber mehr auf eine zuverlässige Entfernung aller russischen Kernwaffen außer Reichweite zum europäischen Nato-Gebiet an, um stabile Sicherheit in und für Europa zu gewährleisten. Dabei bleiben Russland dann noch immer nuklearstrategische Optionen gegenüber der Nato in Europa dank der Interkontinentalrakete "Topol". Sie kann auf europäische Ziele eingestellt und mobil stationiert werden.

    Moskau hatte den Wunsch erkennen lassen, die Zahl der Trägersysteme auf etwa 500 zu begrenzen, weil eine Modernisierung des russischen Arsenals aus wirtschaftlichen Gründen eine starke Reduzierung der Trägersystemzahl voraussetzt. Damit würde auch der Fächer der amerikanischen Optionen enger. Washington wiederum ist daran interessiert, alle Angriffsträger ohne Nuklearsprengköpfe aus einem neuen Abkommen herauszuhalten, um die seit der Bush-II-Administration geplanten nichtnuklearen strategischen Streitkräfte mit konventionell bestückten Flugkörpern frei von Beschränkungen entwickeln zu können...

    Ob die taktischen Kernwaffen kürzerer Reichweite, von denen Russland im europäischen Teil etwa 300 einsatzbereit stationiert haben könnte, insgesamt aber über 2500 bis 3000 Gefechtsköpfe verfügen dürfte (von außen hat sie niemand gezählt), in ein weiteres Abkommen einbezogen werden, ist noch immer offen.

    Schon deshalb ist es wenig sinnvoll, dass vier westeuropäische Außenminister auf Initiative des deutschen im Sinne der FDP-Forderung beantragen, den Abzug der amerikanischen taktischen Kernwaffen (um die 230 bis 250) aus Europa als eine Sonderleistung auf die Agenda der Frühjahrssitzung 2010 des Nordatlantikrates in Tallinn zu setzen.

    Ihr gemeinsamer Brief an den Nato-Generalsekretär war überflüssig, denn das Thema taktische Kernwaffen muss und soll ohnehin schon wegen der russischen Kapazitäten diskutiert werden. Jede einseitige Sonderleistung kann die europäischen Interessen in der Nato nur beeinträchtigen und ein ausgewogenes Abkommen mit Moskau erschweren.

    Dass der deutsche Außenminister dies nicht begreifen will, ist hohen alliierten Diplomaten und Militärs unverständlich, zumal die Zeit nicht drängt und im Umgang mit Russland Geduld und Hartnäckigkeit Voraussetzungen für Erfolg sind.

    Dies gilt aber umgekehrt auch im Verhältnis zu Amerika. Schon hat Außenministerin Clinton die Nato-Partner gewarnt, "die Abschreckung nicht zu schwächen". Es handelt sich dabei um den Gesamtverbund der nuklearen Optionen einschließlich der Flugkörperabwehr in der Nato und einer Verständigung mit Moskau darüber, also auch um die westlichen Verhandlungspositionen insgesamt.

    Dabei spielt die Problematik multilateraler nuklearer Abrüstung in das amerikanisch-russische Verhandlungsgeschehen hinein. Frankreich und Britannien in der Allianz, Indien und Pakistan wie Israel außerhalb, die nuklearpolitischen Kernfragen Iran und Nordkorea sind dabei sehr viel wichtiger als der Restbestand taktischer amerikanischer Kernwaffen in Westeuropa, die im gemeinsamen Interesse am Erfolg von Rüstungskontrolle nicht gesondert behandelt werden sollten. Ein deutscher Sonderweg irritiert in Washington und droht nur in die Irre zu führen.

    F. A. Z.: Tag des Zorns in Russland

    "Unsere letzte Hoffnung ist die Artillerie, weil Gesetze nichts mehr gelten!" Diese Warnung an die russische Obrigkeit vor geballtem Bürgerzorn stand auf einem Transparent, das ein Oppositioneller am Samstagmittag in der sibirischen Stadt Tomsk während einer verbotenen Protestkundgebung hochhielt. Das Transparent blieb nicht lang oben, der Mann, der es gehalten hatte, wurde von der Miliz festgenommen; die Demonstration aufgelöst.

    Aber Tomsk war an diesem Tag, den die russische Opposition zum "Tag des Zorns" ausgerufen hatte, nur ein Glied in einer langen Kette von Unmutsäußerungen gegen die Obrigkeit. Auf Kundgebungen in nahezu fünfzig Städten von Königsberg (Kaliningrad) im Westen bis Wladiwostok in Russlands Fernen Osten versuchten viele Tausende Menschen, diesem Aufruf zu folgen - selbst dort, wo, wie in Moskau, Kundgebungen und Demonstrationen verboten worden waren oder wo, wie in Königsberg, auf dem Platz, auf dem sich Menschen zum Protest treffen wollten, die Behörden überraschend einen Wochenmarkt für Obst und Gemüse organisieren ließen.

    Am Samstag kamen mehrere tausend zum Protest bereite Menschen als "Marktbesucher" ins Stadtzentrum von Königsberg. Auf Kommandos über die Mobiltelefone streckten sie immer wieder zum Zeichen ihres Protests Mandarinen in die Höhe. Auf die Farbe der Früchte kam es dabei besonders an, weshalb im Organisationskomitee auch Möhren als Vehikel des Protests per "Flash mob" in der engeren Wahl waren. Hauptsache, orange.

    Denn seit den Revolten im postsowjetischen Raum ist Orange für russische Behörden und die Moskauer Staatsmacht eine Reizfarbe, die widerlichen Geruch von Aufsässigkeit verbreitet. Es blieb aber nicht bei Mandarinen, auch Rücktrittsforderungen an die bekannten Adressaten wurden wieder gerufen...

    Politische Forderungen nach rechtsstaatlichen Verhältnissen sowie der wachsende Unmut in der Bevölkerung über die materielle Lage gehen inzwischen zusammen. So wurde am Samstag demonstriert, weil immer mehr Russen von Arbeitslosigkeit betroffen sind, weil die Preise für kommunale Dienstleistungen erhöht werden, was Rentner in den Ruin treibt, oder weil die teure Transportsteuer das Autofahren für viele kaum noch erschwinglich macht...

    Zugleich wurden an vielen Orten politische Forderungen laut. Politikern des herrschenden Lagers wird vorgeworfen, sich nicht genügend um die Belange der Menschen zu kümmern und die Miliz auf sie loszulassen, wenn sie sie sich Gehör verschaffen wollen. Gegen diese Arroganz der Macht und deren bewaffneten Arm, die völlig korrupte Miliz, die von Bürgern Geld erpresst und sie peinigt, statt sie zu beschützen und in deren Reihen Gewaltverbrechen gedeckt werden, richtete sich der Volkszorn auch am Samstag wieder ganz besonders...

    Aber ein Mann zieht den Zorn der Protestierenden, keineswegs nur der organisierten außerparlamentarischen Opposition, inzwischen ganz besonders auf sich: Wladimir Putin, der sich vor seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt von seinen Anhängern zum "Führer der Nation" hatte ausrufen lassen und bislang noch alle wichtigen Fäden der Macht in der Hand hält, wird nun auch die Hauptverantwortung dafür gegeben, dass es den Russen schlechter geht als in den Jahren der hohen Öl- und Gaspreise auf dem Weltmarkt.

    Auch dass sich Behörden in dem von Putin errichteten autoritären Regime wie absolute Herren aufführen, wird zunehmend ihm zugeschrieben. "Putin, tritt zurück!" ist deshalb immer öfter zu hören.

    Frankfurter Rundschau: In Paralympics kann Deutschland von den Russen viel lernen

    An dieses Bild duerfe man sich nicht gewoehnen, sagt Karl Quade. Deutschland und Russland an der Spitze der Paralympischen Winterspiele. 23 Medaillen hatten deutsche Athleten bis Samstag (Ortszeit) gewonnen, zwoelf in Gold. Die Russen sammelten 30 Medaillen, elf in Gold. "Wir haben die Erwartungen uebertroffen", sagt Quade, Chef de Mission des deutschen Teams - aber: "Die Russen werden kuenftig noch mehr investieren und noch besser werden." Ihnen hilft eine besondere Motivation: Sie richten die Winter-Paralympics 2014 aus - in Sotschi.

    Die erfolgreichsten Nationen dieser Spiele stehen fuer unterschiedliche Foerdersysteme im Behindertensport. Es ist davon auszugehen, dass sich beide Modelle weiter auseinander bewegen werden - zugunsten der Russen, was die Medaillen betrifft...

    Behindertensport in Russland ist jung, 1995 wurde das Paralympische Komitee gegruendet. "In dieser Zeit haben wir viel erreicht", sagt dessen Praesident Vladimir Lukin. 13 Millionen Behinderte leben in Russland, sie genießen nicht die Standards wie in Kanada oder Deutschland, Sport ist fuer viele die Moeglichkeit zum sozialen Aufstieg. "Wir wollen allen zeigen, wozu Menschen mit Behinderungen faehig sind", sagt Lukin. Die Unterstuetzung des Kremls hat er. Premier Wladimir Putin hatte den Paralympiern mitteilen lassen: "Eure Siege werden ein stolzes Kapitel schreiben."

    Die Russen hatten bei Olympia im Februar nur dreimal Gold gewonnen, die Spitze des Olympischen Komitees war zurueckgetreten. Fuers Renommee sorgen die Paralympier, vor allem in den nordischen Disziplinen. Es heißt, die Goldgewinner wuerden mit Unterstuetzung der Oligarchen jeweils 100 000 Dollar erhalten. Deutsche Sieger erhalten 4500 Euro von der Stiftung Deutsche Sporthilfe...

    In Russland werden drei Prozent aller Behindertensportler entlohnt - diese aber fuerstlich. Sie sind Vollprofis, duerfen auf Wunsch eine Trainerausbildung machen. Die Regierung hat den Bau von Foerderzentren abgesegnet, um in allen Sportarten erfolgreich zu werden. 2009 wurde eine Liga fuer Schlittenhockey gegruendet. "Die Paralympics in Sotschi sollen Standards setzen", sagte Evgeny Bukharov, Direktor der Spiele 2014.

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