11:56 15 November 2018
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    Afghanistan: Demokratie im Mittelalter

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    MOSKAU, 29. April (Dmitri Babitsch, RIA Novosti). Beim vor einigen Tagen beendeten Journalismus-Festival in Perugia war Afghanistan das meistdiskutierte Thema.

    MOSKAU, 29. April (Dmitri Babitsch, RIA Novosti). Beim vor einigen Tagen beendeten Journalismus-Festival in Perugia war Afghanistan das meistdiskutierte Thema.

    Kein Wunder. Afghanistan ist für die Nato-Staaten eine Art krankes Kind. Die Zeitungen berichten über das Land mehr als über die EU-Mitglieder. Doch sie tun das auf europäische Art. In einer italienischen Zeitung stand in der Überschrift: "Wie ist es, als Transsexueller in den islamischen Ländern Südasiens zu leben?"

    In dem Beitrag wird ausführlich geschildert, wie schwer es die Trans- und Homosexuellen in Afghanistan und Pakistan hätten, wie altmodisch und unzivilisiert die Gesellschaft sie behandele. Eine simple Lösung des Problems als Vorschlag: Wenn es jemanden nach Afghanistan verschlägt, sollte man nicht transsexuell sein oder seine Neigungen wenigstens nicht öffentlich zeigen.

    Dieser Ratschlag stößt bei einem modernen europäischen Journalisten jedoch auf Unverständnis: Wenn es bei uns möglich ist, muss es auch in Afghanistan möglich sein! Die Liberalen und Progressiven in Europa erwarten vom neuen Afghanistan dafür Verständnis und die Wahrung der Menschenrechte wie in den meisten EU-Ländern. Sie vergessen jedoch, dass sie es in Afghanistan mit ganz anderen Menschen zu tun haben als in Europa.

    Das heißt nicht, dass die Afghanen dümmer oder böser wären, sie sind intelligent und herzlich auf ihre Art, sie haben eine andere Gesellschaft als in Frankreich oder Italien. Die Europäer aber verlangen von den Afghanen, in den nach dem Sturz der Taliban vergangenen acht Jahren den gleichen Weg bewältigt zu haben, für den die europäische Zivilisation mindestens fünf Jahrhunderte gebraucht hat.

    Das Ergebnis sieht tragikomisch aus. Die italienische Zeitschrift "Panorama" ermittelte, was die mehreren Milliarden Dollar tatsächlich als Ergebnis gebracht haben, die dafür ausgegeben wurden, in Afghanistan ein modernes Rechtssystem - mit Anwälten, Geschworenen, modernen Gerichtssälen und Jugendgerichtsbarkeit - aufzubauen.

    Der Journalist Giovanni Portio fand heraus, dass in mit italienischen Möbeln ausgestatteten Räumen immer die gleichen Scharia-Normen angewandt werden. In einem Internat für kriminelle Jugendliche traf er auf zwei Mädchen, 14 und 15 Jahre alt, deren ganze Schuld darin bestand, dass sie ihre Häuser ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner verlassen hatten, mit denen sie zwangverheiratet wurden. Fast alle vom Journalisten Befragten aus der afghanischen Justiz klagten über Korruption, die es nicht einmal unter den Taliban gegeben habe.

    "Ich glaube nicht an Demokratie in einer mittelalterlichen Gesellschaft", erklärte der TV-Journalist und Dokumentarfilmer Diego Bunuel auf dem Journalisten-Festival. "Afghanistan lebt im 14. Jahrhundert, die Menschen haben weder Wasser noch Gas, dann tauchen wir mit unserer Versessenheit auf Demokratie auf und sagen ihnen: 'Wenn ihr die Wahlen ehrlich durchführt, geben wir euch 20 Milliarden Dollar.' Das führt zur Vereinfachung der eigentlichen Idee der Demokratie."

    Dem Enkel des berühmten Filmregisseurs Luis Bunuel könnte man entgegnen: Demokratie war bisweilen auch in armen Gesellschaften erfolgreich (beispielsweise in Westeuropa nach den beiden verheerenden Weltkriegen, als Kinder, etwa in Deutschland, Passanten nicht um Geld, sondern um Brot anbettelten). Doch die Demokratie nach europäischem oder amerikanischem Modell ist ein einmaliger Erfolg, dem langjährige Entwicklung des Christentums, die jahrhundertealte Arbeit von Humanisten und Aufklärern zugrunde lagen. Das formte den neuen europäischen Menschen.

     Der Erfolg Japans und Südkoreas bestätigt diese Regel sogar, weil Wissen in diesen Ländern immer eine wichtige Rolle gespielt hat und sie bereit waren (und sei vorbehaltlich der lokalen Eigenheiten), die humanen Ideen zu rezipieren. In Japan besuchten bereits vor dem Russisch-Japanischen Krieg von 1905 mehr als 90 Prozent der Kinder eine Schule. Wie kann da etwas von Afghanistan gefordert werden, wo mehr als 93 Prozent der Einberufenen in der gegenüber Hamid Karzai loyalen Armee Analphabeten sind (Angaben des italienischen Magazins "Panorama").

    Die entstandene Situation beleuchtet nicht eines der Hauptprobleme der afghanischen, sondern der westlichen Gesellschaft: den übermäßigen Glauben an "Institutionen". Häufig wird außer Acht gelassen, wer in den „Institutionen" sitzen wird. Wenn in Gerichten Personen arbeiten, die es für normal halten, dass die Mädchen wegen der Flucht aus dem Haus ihres Ehemanns zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt werden, ein korrupter Bürgermeister dagegen nach wenigen Monaten entlassen wird, können auch die besten "Institutionen" nichts ausrichten. Denn das Gesetz schafft keine neuen Werte in der Gesellsschaft, es verleiht den üblichen Vorstellungen von Gut und Böse bloß eine feste Form.

    Die in Perugia gezeigten Dokumentarfilme führten das gleiche Problem untern den Journalisten vor Augen. Dank moderner Technik beschaffen Journalisten einzigartige Bilder und Informationen aus jeder Ecke der Welt. Die Frage bleibt aber offen, wie Informationen technisch angemessen aufgenommen werden können. Laith Mushtaq, Kameramann beim arabischen TV-Sender "Al Jazeera", berichtete in Perugia, wie es ihm in einem arabischen Land gelungen war, mit seinem Handy eine Hinrichtung aufzunehmen.

    Die Qualität der Aufnahme war sehr gut, die Bilder wurden sofort ausgestrahlt. Auf die selbe Weise waren ein paar Monate zuvor Handy-Fotos von Saddam Husseins Hinrichtung durch den Galgen von den TV-Sendern gezeigt wurden. Doch statt der von den USA ersehnten Befriedung führten die Fotos zu neuen blutigen Krawallen im Irak, bei denen mehrere Menschen ums Leben kamen. So kann ein Scoop eines Journalisten eine Tragödie auslösen.

    An dieser Stelle erhebt sich erneut dieselbe "verfluchte" Frage wie bei den Institutionen: Es genügt nicht, die Wahrheit zu zeigen, es kommt darauf an, wer diese Wahrheit sehen wird und wie dabei eine adäquate, humane Rezeption zu gewährleisten ist. Vor der Aufhebung der Todesstrafe in den europäischen Ländern wurde diese Methode des Kampfs gegen die Kriminalität von den größten europäischen Schriftstellern mit den Mitteln der Kunst verurteilt: von Iwan Turgenjew ("L'Exécution de Troppmann"), Lew Tolstoi, Albert Camus ("Reflexions sur la guillotine").

    Der Kampf um die Menschenseelen (oder zumindest um die Seelen eines gebildeten, intellektuellen Teils der Gesellschaft) war schon vor Jahrzehnten gewonnen, bevor der Europarat diesen Sieg durch ein offizielles Verbot der Todesstrafe dingfest machte. Doch wer kämpft heute um die Seelen der Menschen, wie sollen diese Kämpfer die Gleichgültigkeit, die verdummende Pop-Kultur, das "effiziente Management" der Medien bewältigen, denen es um Rankings und nicht um die Bildung der Gesellschaftswerte geht?

    Mit diesen gar nicht einfachen, doch uns ebenfalls vertrauten Fragen hat das einwöchige Treffen in Perugia uns Journalisten konfrontiert.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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