18:58 25 September 2017
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    Kaukasus: Türkei meldet Führungsanspruch an

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    Seit Mitte Mai intensiviert die Türkei ihre außenpolitischen Aktivitäten.

    MOSKAU, 18. Mai (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). Seit Mitte Mai intensiviert die Türkei ihre außenpolitischen Aktivitäten.

    Astronomen würden dies als "Phase erhöhter Sonnenaktivität" bezeichnen.

    Zuerst empfingen Präsident Abdullah Gül und Premier Tayyip Erdogan am 12. Mai den russischen Präsidenten Dmitri Medwedew. Am 14. Mai reiste Erdogan zu einem historischen Besuch nach Griechenland. Am 16. Mai kam er überraschend nach Teheran, wo er mit seinem brasilianischen Amtskollegen Lula da Silva eine Atom-Vereinbarung mit dem Iran erreichte. Am 17. Mai reiste er direkt nach Aserbaidschan weiter. Anschließend stattete Erdogan Georgien einen Besuch ab.

    Auffällig ist: Was bei den einen Verhandlungen zur Sprache kam, wurde nahtlos zum Thema der anderen: Irans Atomprogramm, Berg-Karabach, Kaukasus-Konflikt (Verhandlungsthema mit Medwedew), Gas- und Ölpipelines im Schwarzen Meer, europäische Energiewirtschaft usw.

    Die Türken haben eine wahre Pendeldiplomatie entwickelt, um ihr Konzept zu realisieren, das Experten in Ankara einen "geopolitischen und Energie-Pluralismus" nennen. Die Türkei will mit ihren Anstrengungen zur "regionalen Supermacht" aufsteigen, nur dass es einen solchen widersprüchlichen Begriff nicht gibt.

    Wer weiß, vielleicht wird er nach Ankaras Bemühungen entstehen: Den Türken geht es um die Festigung ihrer Sonderrolle in der Region, wo Europa und Asien, die islamische und die christliche Welt, der Kaukasus und Russland aufeinanderprallen und wo mit der weltgrößte Umschlagplatz des Gas- und Ölhandels in der Entstehung ist. Hier kollidieren die Interessen Moskaus und des Westens und liegt das Tor zum Nahen Osten. Das sprengt die Grenzen des eigentlichen Begriffs "regional".

    Allen Bemühungen der Türken in der vergangenen Woche haftet der Hinweis an: ausschließlich "für den europäischen Gebrauch". Gemeint ist vor allem die EU. Weil der Türkei der EU-Beitritt verwehrt wird (auf jeden Fall "droht" ihr vor 2020 nicht einmal die assoziierte Mitgliedschaft), demonstriert Ankara sehr anschaulich, was Brüssel durch Ablehnung seines eurasischen Nachbarstaates verliert und zu wem es abgedrängt wird.

    In den Plänen der Türkei, in der Region an Bedeutung zu gewinnen, ist Russland wohl eine Sonderrolle zugedacht. Hier muss Ankara sehr vorsichtig manövrieren und in den Beziehungen zu Moskau das politische Zusammenwirken mit einer "leichten" Konkurrenz in der Wirtschaft und Energiewirtschaft kombinieren. Unter dem "geopolitischen Pluralismus" der Türkei sollten Anstrengungen verstanden werden, um ihren Status quo in dem sich "abspaltenden" postsowjetischen Eurasien und Südkaukasus zu stärken.

    Zu diesem Zweck sollen Aserbaidschan und Georgien vom ehemaligen "Mutterland" Russland möglichst weit abgedrängt werden. Russland soll deshalb durch die Blockierung der Gas- und Öllieferrouten nach Europa wirtschaftlich isoliert werden. Das tun die Türken jedoch nicht.

    Vielmehr kombinieren sie sehr geschickt ihre "Neigung zu Russland" mit einem "Kniefall vor Europa". Die Türken sind bereit, durch ihr Territorium russisches Gas und Öl, aber auch aserbaidschanisches (turkmenisches, iranisches) Gas und Öl unter Umgehung Russlands befördern zu lassen. Dabei wissen sie sehr wohl, dass der Gasstrom aus Russland unvergleichlich "breiter" sein wird als der aus Aserbaidschan. Doch müssen sie Europa zeigen, dass sie zu Alternativen in der Energiewirtschaft bereit sind.

    In Baku unterzeichnete Erdogan ein neues Abkommen über aserbaidschanische Gaslieferungen vom Vorkommen Schachdenis-2. Gegenwärtig verkauft Aserbaidschan der Türkei jährlich sechs Milliarden Kubikmeter Gas vom Vorkommen Schachdenis-1. Jedes Jahr werden dort neun bis zehn Milliarden Kubikmeter Gas gewonnen. Die Türken möchten weitere sechs bis sieben Milliarden Kubikmeter von Schachdenis-2 bekommen.

    Gegen 2014 bis 2017 soll das Vorkommen jährlich bis zu 16 Milliarden Kubikmeter liefern. Ein Teil davon könnte die Nabucco-Pipeline füllen, durch die Gas über die Türkei unter Umgehung Russlands nach Europa gepumpt werden soll. Die Türken sind bereit, sich dem Nabucco-Projekt anzuschließen, weil sie wissen: Die Rolle eines "Gas-Verteilers" für die Rohstoffe aus Russland, Aserbaidschan, Turkmenien und Iran würde ihnen noch mehr Gewicht in der Region verleihen.

    Dazu schlagen sie vor, die politischen Risiken der aufgetauten Kaukasus-Konflikte zu beseitigen. Erdogan schlug in Baku und Tiflis einen Stabilitäts- und Kooperationspakt für den Kaukasus vor, den die Türken im vorigen Jahr vorbereitet haben und als Zusatz zu den Öl- und Gasverträgen anpreisen. In Ankara meint man zu Recht: Wenn die Seiten im Kaukasus ihre vereinbarte Energiepolitik durch gemeinsame Schritte bei der Sicherheit ergänzen, würde das der Region allmählich zu einer einheitlichen Sicherheitsarchitektur verhelfen.

    "Der Kaukasus ist der Schlüssel zum sicheren Ost-West-Transport von Energieressourcen": So formulierte der türkische Präsident Abdullah Gül die Hauptidee des Pakts. "Ein solcher Transport verläuft über die Türkei. Deshalb sind wir so aktiv bei unseren Versuchen, eine Atmosphäre des Dialogs, eines geeigneten Klimas für die Lösung der Probleme herbeizuführen. Instabilität im Kaukasus wäre eine Art Mauer zwischen Ost und West, während Stabilität ihn zu einem offenen Tor machen könnte."

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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