03:37 24 September 2017
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    Kirgisien und Thailand: Dörfler rebellieren gegen Städter

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    Spannungen in und um Kirgisien nach Sturz von Präsident Bakijew (159)
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    BANGKOK/MOSKAU, 18. Mai (Jewgeni Belenki, Dmitri Kossyrew, RIA Novosti). Obwohl Kirgisien und Thailand so unterschiedlich sind, stecken beide Länder in derselben Zwickmühle. Beide Länder werden von Krawallen und blutigen Konflikten erschüttert und in zwei unversöhnliche Lager gespalten: die Hauptstadt und die Provinz.

    BANGKOK/MOSKAU, 18. Mai (Jewgeni Belenki, Dmitri Kossyrew, RIA Novosti). Obwohl Kirgisien und Thailand so unterschiedlich sind, stecken beide Länder in derselben Zwickmühle.

    Beide Länder werden von Krawallen und blutigen Konflikten erschüttert und in zwei unversöhnliche Lager gespalten: die Hauptstadt und die Provinz.

    Die Revolutionen unserer Tage sehen kaum so aus, wie sie einst von Karl Marx beschrieben worden sind. Die Welt ist komplizierter und vielfältiger als die Vorstellungen der marxistischen Klassiker. Arbeiteraufstände gegen Fabrikbesitzer hat es auch damals gegeben.

    Doch hat es jemals eine Vorstellung davon gegeben, dass ein Großteil der gebildeten Schicht in eine fremde Hauptstadt (Kirgisen nach Moskau) auswandert und die zu Hause Gebliebenen sich gegen die Attacken der ungebildeten Krawallmacher aus dem Süden wehren müssen, die sie aus ihren Stadtwohnungen vertreiben wollen? Die Situation in Thailand, wo hochrangige Militärs eher die Partei für die Hauptstadt und einfache Soldaten eher die für den ärmeren Nordwesten ergreifen, fällt ebenfalls aus dem Rahmen.

    Das Thema ist so aktuell und schmerzhaft, dass darüber in Russland sehr ungern gesprochen wird. Doch wir müssen trotzdem die provokative Frage stellen, wer eher Recht hat: die rückständige, konservative Provinz oder die modernen globalisierten Großstädte. Von der richtigen Antwort hängt manchmal das Schicksal der Nationen und Staaten ab.

    Es gibt aber Situationen, bei denen niemand Recht hat. Beispielsweise müssen die Behörden zu äußersten Maßnahmen, selbst Waffen, greifen, wenn die Opposition wochen- oder monatelang das Zentrum Bangkoks oder eine der südkirgisischen Städte okkupiert. Die Behörden müssen das Funktionieren des gesamten Staates, unter anderem der Hauptstadt und der anderen Städte, aufrechterhalten, sonst folgen Wirtschaftskrise und Chaos, an dem alle leiden. Es ist unmöglich, der modernen Mittelklasse in den Großstädten die traditionelle Lebensart der Provinz aufzudrängen. Folglich muss Letztere Erstere tolerieren und sich nicht dagegen auflehnen.

    Im Herbst 2002 sagte der damalige Ministerpräsident Thaksin Shinawatra bei einem Besuch in Moskau: „Es gibt zwei Thailands. Das Thailand der gebildeten und wohlhabenden Elite und Mittelklasse, die vollständig in die weltweiten Globalisierungsprozesse eingegliedert sind, und das Thailand der Armen und Bauern, die weder das Geld, um wohlhabender zu werden, noch den Zugang zur Bildung auf internationalem Niveau haben.

    Doch sie bilden die Mehrheit im Lande. Deswegen führt meine Regierung eine Doppelpolitik oder sogar zwei verschiedene Politiken durch. Wir führen Sozialprogramme durch, die es nie in der Geschichte des Landes gegeben hat. Nur so werden wir in der Lage sein, diese Ambivalenz in der Thailands Gesellschaft mit der Zeit zu entschärfen."

    Shinawatra war damals der populärste Politiker in der Geschichte des Landes. Shinawatra errang als erster bei Wahlen eine Mehrheit, mit der er eine Ein-Partei-Regierung bilden konnte. Er wollte eine nachhaltige Politik durchführen. Bei seiner Popularität, die mit dem Erfolg der Sozialprogramme anstieg, konnte er sich den Luxus erlauben, mindestens auf acht Jahre im Voraus zu planen.

    Im September 2006 gewann Shinawatra erneut die Wahlen. Die Opposition, die die Interessen der Elite und der Mittelschicht vertrat, ignorierte die Abstimmung. Es gab auch Massenproteste der so genannten Gelbhemden, die dieselben Interessen in einer radikaleren Form vertraten. Während der Proteste unternahmen die Militärs einen Staatstreich, Shinawatra wurde entmachtet.

    Nach dem Putsch wurde unter Schirmherrschaft der militärischen Übergangsregierung eine neue Verfassung geschaffen, anschließend fanden Neuwahlen statt. Dennoch erreichten Shinawatras Anhänger einen Sieg mit einer großen Stimmenmehrheit. Anschließend wurde der gestürzte Premier wegen Korruption angeklagt und in Abwesenheit zu zwei Jahren Haft verurteilt.

    Das Verfahren wurde auf Gesuch der militärischen Regierung eingeleitet. Shinawatra, der ohnehin die meiste Zeit im Ausland verbrachte, ging ins Exil. Danach kam bei einer Parlamentsabstimmung der Chef der Demokratischen Partei an die Macht: der in Großbritannien geborene und in Oxford ausgebildete Abhisit Vejjajiva.

    Es nicht wichtig, wer sich als besserer Ministerpräsident erwiesen hat und was überhaupt als „besser" gelten kann. Ein Blick zurück in die Geschichte genügt: Auf den Philippinen kam es ebenfalls zu einer Konfrontation zwischen Provinz und Hauptstadt. Die Ereignisse von 1986, die „gelbe Revolution" der städtischen Mittelschicht in Manila, brachten die inkompetente und unfähige Regierung von Corazon Aquino an die Macht. Sie wurde wie durch ein Wunder von einem Militärputsch verschont - andernfalls wäre das Schicksal des Landes heute noch schlimmer.

    Es ist wichtig, die Militärs im Fall Thailand zu erwähnen. Deren Spitze hat eine wichtige Rolle bei der Absetzung Shinawatras gespielt.

    Die Massenbewegung der „Rothemden" ist ein Verbund von Organisationen wie dem „Rat der Armen" und unterschiedlichen Bauernverbänden. Sie alle stehen an der Seite Shinawatras und haben sich deshalb zu einer Einheitsfront der Demokratie gegen die Diktatur vereint. Nach zwei Monaten gewaltsamer Massenproteste fordern deren Mitglieder, das Parlament aufzulösen, „die Macht dem Volk zurückzugeben" und Neuwahlen durchzuführen, sowie kämpfen in Bangkok gegen Regierungstruppen.

    Doch dabei stammen bis zu 70 Prozent der Unteroffiziere und der Offiziere aus den unteren Rängen aus den rückständigen Provinzen im Norden und Nordosten. Von dort kommen auch die meisten Oppositionsanhänger. Viele Militärs sind Nachbarn, Freunde oder Verwandte der demonstrierenden „Rothemden". Die thailändischen Zeitungen sind voller Geschichten, wie der Sohn in Uniform Wache hält, während auf der anderen Seite der Barrikade seine Eltern samt kleiner Schwester auf dem Ratchaprasong-Platz im Oppositionslager sitzen.

    Thailand ist nicht das letzte Land der Welt, dessen Behörden und die Gesellschaft mit der qualvollen Frage konfrontiert werden, was der Nation im Endeffekt schwerer fallen wird: die Rückkehr zur Politik der Entwicklung der armen Provinzen, wenn auch gewissermaßen auf Kosten der reichen Hauptstadt, oder der progressive Elitismus in Bangkok? Die spannende Frage ist, wie alles ausgehen wird.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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