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    Kriegsschiff versenkt: Kriegsfieber auf Korea-Halbinsel?

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    Seoul wirft Pjöngjang Torpedo-Angriff vor (51)
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    MOSKAU, 25. Mai (Dmitri Kossyrew, RIA Novosti). Niemand will sich mit dem Konflikt um die Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffs „Cheonan" befassen.

    MOSKAU, 25. Mai (Dmitri Kossyrew, RIA Novosti). Niemand will sich mit dem Konflikt um die Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffs „Cheonan" befassen.

    Unter den internationalen Reaktionen auf den tödlichen Beschuss stachen zwei Aussagen hervor. Der südkoreanische Präsident Lee Myung Bak kündigte an, den Zwischenfall vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen. Sein US-Amtskollege Barack Obama verkündete, dass es sich um eine „absolut angemessene" Reaktion handelt. Das war schon alles. Alles andere sind nur Ankündigungen und Vorwürfe. Das Resultat des Abschusses fällt jedoch ins Auge: 46 Matrosen wurden getötet.

    Die Situation zwischen Nord- und Südkorea kann man als Anomalie und Anachronismus in der internationalen Politik bezeichnen. Aus der Sicht der Vernunft und der Logik hätte es zu dem Vorfall überhaupt nicht kommen müssen. Nach Abschuss der südkoreanischen Korvette stellte es sich jedoch heraus, dass es weder einen Ausweg aus dieser Situation noch ein „normales Verhalten" gibt. Deswegen werden nur einige symbolische Maßnahmen getroffen - danach wird die Angelegenheit sofort in Vergessenheit geraten.

    Kann man kaum daran glauben? Warum nicht. 2007 hatte Israel ein Militärobjekt in Syrien in Schutt und Asche gelegt. Es handelte sich also um einen Angriff. Dabei gab es ebenfalls Todesopfer, obwohl die genaue Zahl unbekannt ist. Israel ist weiterhin der Ansicht, dass dort an einem Atomprogramm gearbeitet wurde. Nach syrischen Angaben handelte es sich um einfachen Militärstützpunkt. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) untersucht seit 2,5 Jahren diesen Vorfall. Weitere Maßnahmen wurden nicht getroffen.

    Auf den ersten Blick sieht die Situation um den Abschuss des südkoreanischen Kriegsschiffs einfacher aus. Die internationale Untersuchungskommission hat einige wichtige Gegenstände gefunden, darunter Torpedoteile. Es liegt auf der Hand, dass das Kriegsschiff durch einen Torpedo von einem nordkoreanischen U-Boot versenkt wurde.

    Der Hintergrund ist eindeutig: Es geht um die umstrittene Seegrenze. Seoul zufolge befand sich die „Cheonan" in südkoreanischen Gewässern, was Pjöngjang heftig bestreitet. Der Zwischenfall erregte großes Aufsehen nach der Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse. Die wichtigste Frage dabei ist: Wer außer Nordkorea könnte noch südkoreanische Schiffe torpedieren?

    Ausgerechnet ostasiatische Staaten erinnern sehr gut daran, wie solche Geschichten entstehen. Im Jahr 1983 wurde eine südkoreanische Boeing abgeschossen. Der Jumbojet kam aus irgendeinem Grund 650 Kilometer vom vorgeschriebenen Kurs ab und flog in den sowjetischen Luftraum, wo er abgeschossen wurde. Die Sowjetunion wehrte sich ebenfalls und erklärte, dass die mit modernsten Navigationsgeräten ausgerüsteten Flugzeuge kaum solch einem Fehler unterlaufen. Zudem kreuzten sich die Flugrouten der südkoreanischen Boeing und des US-Aufklärungsbombers Orion. Auf dem Radargerät konnte nicht erkannt werden, wer in welche Richtung flog.

    Nach einiger Zeit kam heraus, dass die Piloten der südkoreanischen Fluglinie regelmäßig für die CIA arbeiteten und das sowjetische Territorium aus der Luft fotografierten. In Seoul wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet, das für großes Aufsehen sorgte. Dies geschah jedoch erst nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die Geschichte um das abgeschossene Flugzeug ähnelt dem Attentat auf US-Präsidenten John Kennedy: Alle begreifen, dass die offizielle Version keine Antwort auf alle Fragen bietet. Das ist wie eine Provokation. Dennoch hat man heute weder den Wunsch noch die Möglichkeiten, den Zwischenfall aufzuklären.     

    Natürlich gibt es bei solchen Fällen immer Zweifel an der Richtigkeit der Untersuchungsergebnisse. Etwas anderes ist es, wenn es um ein Spiel mit hohen Einsätzen geht (wie die Sowjetunion gegen die USA). In diesen Fällen kann man immer eine durchdachte Provokation vorbereiten. Das Problem zwischen Nord- und Südkorea ist jedoch zum Stillstand gekommen. Unter Südkoreas heutigem Präsidenten wird zwar eine verschärfte, jedoch kaum erfolgreiche Politik in Bezug auf den Norden durchgeführt. In der Tat, Seoul hat viele Fehler begangen. Aber es wird wohl kaum soweit gehen, die eigenen Schiffe zu versenken.

    Wer könnte auf welche Weise von dieser Provokation gerade jetzt profitieren? Eigentlich niemand. Etwas ähnliches hätte nur unter der früheren US-Regierung geschehen können. Die Sechser-Verhandlungen zu Nordkorea waren eine Maßnahme der regionalen Großmächte gewesen (China, Russland, Südkorea). Dadurch sollten jegliche Versuche der Regierung George W. Bush blockiert werden, die koreanische Halbinsel zu einem Spannungsherd zu verwandeln. Heute verstehen alle, dass die neue US-Regierung keine Lust auf riskante Spiele hat.

    Wird Pjöngjang demnächst zugeben, dass einer seiner Marinesoldaten oder Admirale einen Fehler gemacht hat? Wohl nicht. Wird es einen Schadensersatz zahlen (obwohl Menschenleben nicht in Geld gemessen werden können)? Dies ist ebenfalls unwahrscheinlich. Wird der UN-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Nordkorea verhängen?

    Dies ist zwar möglich, hat jedoch wenig Sinn... Kann man Pjöngjang von der ganzen Welt isolieren? Es ist bereits isoliert. Soll man Nordkorea erobern? In diesem Fall wird es deutlich mehr als die 46 Todesopfer auf der „Cheonan"  geben. Die Atombombe hat damit nichts zu tun. Selbst wenn Nordkorea nur Lanzen und Bogen hätte, würde es kämpfen. Soll man vielleicht verkünden, dass die nordkoreanische Regierung sich unangemessen verhält? Man hätte sie Anfang der 2000er nicht in die Enge treiben sollen.

    Barack Obama verkündete, dass die USA die Nordkorea-Politik „überprüfen" werden. Dies bedeutet, dass sie prüfen werden, ob die frühere Politik richtig war. Wenn ja, dann wird alles so bleiben. In Wahrheit hat es jedoch so gut wie keine Politik gegeben. Deswegen kann man auch nichts überprüfen.

    In den meisten Fällen (Kriege, technische Katastrophen, Zwischenfälle) ist es oft am vernünftigsten, nichts zu tun. Unter anderem deswegen, weil es in diesem Fall keine Schuldigen gibt. Es kam einfach zu einem großen Unglück. Die daran direkt Beteiligten wissen das und veranstalten einfach eine Show für die Öffentlichkeit, die den Schuldigen benannt und bestraft haben will (sonst geschieht erneut ein tödlicher Zwischenfall). In diesen Situationen beweist man größten Mut, wenn offen zugegeben wird, dass jede Aktivität besser als Passivität ist.     

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

     

     

     

     

     

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