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    Nach Generalabrechnung: Afghanistan-Kommandeur muss abtreten

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    MOSKAU, 24. Juni (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). Seit 50 Jahren hat es in den USA wohl nicht mehr so einen Skandal gegeben.

    MOSKAU, 24. Juni (Andrej Fedjaschin, RIA Novosti). Seit 50 Jahren hat es in den USA wohl nicht mehr so einen Skandal gegeben.

    Präsident Barack Obama hat am 23. Juni den Befehlshaber der ISAF-Truppen in Afghanistan, General Stanley McChrystal, entlassen, den er vor knapp einem Jahr höchstpersönlich ernannt hatte und auf den er große Hoffnungen setzte.

    McChrystal wurde von den Soldaten respektiert und wusste offenbar genau, was und wie in Afghanistan gemacht werden sollte. McChrystal hatte die neue US-Strategie in Afghanistan mitausgearbeitet, mit der die Taliban endgültig vernichtet und die zivile Regierung in Kabul gestärkt werden sollte, während die afghanische Armee in die Lage versetzt werden sollte, nach dem Abzug der US-Truppen im Sommer 2011 die Sicherheit am Hindukusch zu gewähren.

    McChrystal ist nicht der erste General, der von einem US-Präsidenten entlassen  wurde. Seine Vorgänger hatten unterschiedliche Sünden begangen: Kritik an der Regierung, unangebrachte Vorwürfe gegen Verbündete, Fehler auf dem Schlachtfeld, persönliche Fehltritte. Doch niemand zuvor hatte einen solchen Rundumschlag unternommen und dazu noch den Präsidenten und die komplette Regierung persönlich beleidigt. Dass das Weiße Hause jetzt wütend ist, beweist die Tatsache, dass General McChrystal nach dem Treffen mit Obama nicht einmal nach Afghanistan zurückkehren durfte.

    Zur McChrystals Ehrenrettung muss gesagt werden, dass nicht alle Aussagen, die im „Rolling Stone"-Magazin gedruckt wurden, wirklich aus seinem Mund zu hören waren. Er kritisierte Vizepräsident Joe Byden, den US-Botschafter in Kabul und den US-Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke. Aber dass „der Präsident keine Ahnung hätte", was um ihn herum passiere, sagte nicht der General selbst, sondern seine Assistenten. Übrigens erscheint die aufsehenerregende Rolling-Stone-Ausgabe erst am heutigen Donnerstag.  

    Es ist kaum vorstellbar, dass jemand nach solchen Aussagen in seinem Amt geblieben wäre. McChrystal hat nicht nur seine Respektlosigkeit gegenüber dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten und dem ganzen politischen Establishment (außer Chefdiplomatin Hillary Clinton, deren Politik er lobte) zum Ausdruck gebracht. Er und seine Assistenten haben etwas noch Schlimmeres begangen: Sie ließen Obama und seine engste Umgebung peinlich aussehen.

    Man könnte natürlich annehmen, McChrystal habe wegen des „schweren Soldatenlebens", der Hitze, Krankheit oder plötzlicher Geistesstörung gegen Obama gewettert. Aber er ist ein erfahrener General, zumal er als Befehlshaber der internationalen Schutztruppe in Afghanistan, an der 44 Länder beteiligt sind, einen wichtigen militärpolitischen Posten bekleidete. Um eine solche Stelle zu erhalten, muss man nicht nur mutig, sondern auch vor allem politisch flexibel sein. McChrystal muss gewusst haben, welche Folgen sein Interview haben würde.

    Kontroversen zwischen Politikern und Militärs gibt es immer wieder und sie sind leicht erklärbar. Aber in diesem Fall hat sich der General zu weit aus dem Fenster gelehnt. Mit seiner Erfahrung hätte er voraussehen müssen, welche Konsequenzen daraus folgen. Deshalb handelt es sich wohl um Abschiedsworte des Generals, der nach eigener Aussage keinen Sinn in der Fortsetzung des Kriegs in Afghanistan sieht, den Politiker führen wollen, ohne aber eine Ahnung von der Lage in diesem Land zu haben. Die Situation ähnelt der des ersten Tschetschenien-Kriegs, als russische Generäle fast verzweifelten, weil sie weder den Zweck dieses Kriegs noch den Sinn der Befehle ihrer Vorgesetzten verstehen konnten.

    Die Situation um McChrystal ist wie ein Vorhang, der gelüftet wurde, um den wahren Hintergrund um die Geschehnisse in Afghanistan in der US-Regierung aufzuzeigen. In Washington wird seit langem heftig über weitere Aktionen in Afghanistan gestritten, wobei der richtige Zweck dieses Militäreinsatzes nahezu in Vergessenheit geraten ist. Menschen in Uniform und in Zivil betrachten den Krieg aus verschiedenen Blickwinkeln.

    Afghanistan ist schon längst Obamas und nicht Bushs Krieg. Obama war derjenige, der (übrigens auf Initiative McChrystals) die US-Truppen am Hindukusch um 30.000 auf insgesamt 120.000 Mann in der internationalen Schutztruppe erhöhte. McChrystal sah die wichtigste Aufgabe in Afghanistan in der Zerschlagung der Taliban. Obamas Berater sahen aber in diesem Krieg die Möglichkeit, seine Popularität unter den Amerikanern zu verbessern.

    Dass der Krieg jetzt allmählich verloren geht, und zwar wegen der politischen Auseinandersetzungen, wegen der Unterstützung der Regierung Hamid Karzais, der wohl korruptesten in der ganzen Geschichte Afghanistans, ist schon vielen klar. Unklar ist nur, welche Auswege aus dieser Situation möglich wären.

    Zum Nachfolger McChrystals in Afghanistan wurde General David Petraeus ernannt, der Oberkommandeur der US-Truppen im Nahen und Mittleren Osten sowie in Zentralasien . Bisher hatte Petraeus das internationale Kontingent im Irak geleitet und große Erfolge bei der Unterdrückung des dortigen Widerstands verbuchen können. Seine Autorität ist dermaßen gestiegen, dass der General einigen Experten zufolge in der Zukunft als US-Präsident kandidieren könnte. In Afghanistan, wo bereits zwei US-Generäle (McChrystal und dessen Vorgänger David McKiernan, den noch George W. Bush ernannt hatte) gescheitert sind, wird Petraeus es wohl viel schwerer haben.

    Es ist offensichtlich, dass sich Washington den großangelegten Abzug seiner Truppen aus Zentralasien im kommenden Jahr unmöglich beginnen kann: Unter den jetzigen Bedingungen würde das in Afghanistan einen blutigen Bürgerkrieg und eine richtige Katastrophe auslösen. Deshalb ist General Petraeus am Hindukusch wohl auch zum Scheitern verdammt. Während Obama durch diese Ernennung einen möglichen Mitbewerber bei den nächsten Wahlen losgeworden ist.

    Übrigens könnte sich McChrystals Entlassung auch auf Russland auswirken und Moskau sehr viel Geld kosten. Denn McChrystal stand an der Spitze der US-Kräfte in Afghanistan, als der Deal über den Ankauf von russischen Frachthubschraubern Mi-17 für die im Aufbau befindlichen afghanischen Luftstreitkräfte abgewickelt wurde. Das Pentagon hat bislang 31 russische Maschinen gekauft oder repariert und dafür 650 Millionen Dollar gezahlt.

    2011 sollen noch zehn und in den nächsten Jahren weitere zehn bis 15 Helikopter gekauft werden. Ungefähr so viele Flugmaschinen wollte das US-Verteidigungsministerium auch für den Irak kaufen. Jetzt aber ist im US-Kongress die Rede davon, dass McChrystal sich für russische Hubschrauber ohne Marktanalyse bzw. Ausschreibungen entschieden hat. Amerikanische Flugexperten in Afghanistan behaupten, russische Maschinen werden ausschließlich dank ihrer Zuverlässigkeit gekauft und weil niemand den Afghanen beigebracht habe, wie man US-Hubschrauber fliegt. Jetzt könnte aber diese Frage anders entschieden werden.

    Es sieht also so aus, als würden die Folgen der Entlassung General McChrystals noch lange zu spüren sein. Und zwar für alle Seiten. Wenn hochrangige Militärs so oft in die Wüste geschickt werden, kann das nichts Gutes bedeuten.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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