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    Eurozone: Rettung durch Zerfall?

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    Am Dienstag haben die Finanzminister der 27 EU-Staaten über Auswege aus der Wirtschaftskrise diskutiert.

    MOSKAU, 15. Juli (Wlad Grinkewitsch, RIA Novosti). Am Dienstag haben die Finanzminister der 27 EU-Staaten über Auswege aus der Wirtschaftskrise diskutiert.

    Die Minister einigten sich darauf, eine gemeinsame EU-Finanzaufsicht zur Kontrolle der Haushaltsdisziplin in den Mitgliedsstaaten ins Leben zu rufen.

    Am selben Tag sorgten die EU-Finanzminister noch für eine Überraschung: Sie stimmten dem Beitritt des wirtschaftlich schwachen Estlands zur Eurozone zu.

    Experten sind allerdings der Meinung, dass Europa nur durch den Zerfall der Eurozone aus der Krise geführt werden kann.

    Die Beamten in Brüssel erinnern jedoch daran, dass die EU ein politisches Projekt ist. Nur eine enge Integration in Europa garantiere, dass sich die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs nicht mehr wiederholen. Die Anhänger der europäischen Integration sehen als ihren größten Erfolg die Tatsache, dass es in Europa seit über 50 Jahren keine großen Kriege mehr gegeben hat. Dennoch befürchten viele Experten, dass die wirtschaftliche Mesalliance zwischen den reichen und armen EU-Staaten sehr schwere Folgen haben kann.

    Die Wirtschaftsintegration wird dadurch erschwert, dass die Beitrittskandidaten vor der Gründung der Eurozone unterschiedliche Ziele gehabt hatten. Die exportorientierten Wirtschaften von Deutschland, Frankreich und den Beneluxländern haben erreichen wollen, ihre Produkte ohne Kursschwankungen verkaufen zu können. Die armen Länder wie Griechenland oder die osteuropäischen Länder hofften auf billige Kredite, die sie letztendlich bekamen.

    Laut Experten der britischen Firma Capital Economics ist die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands gegenüber den PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien) in den vergangenen zehn Jahren um 33 Prozent gestiegen. Der Lebensstandard in Deutschland, den Beneluxländern und Skandinavien war im vergangenen Jahr 15 bis 35 Prozent höher als der EU-Durchschnitt. Die europäischen „Armen" bekamen billige Kredite und gerieten in die Schuldenfalle, aus der sie ohne fremde Hilfe kaum herauskommen werden.

    Als die Probleme Griechenlands sichtbar wurden, sprachen viele Experten bereits über den möglichen Zerfall der Eurozone. Unter diesen Experten sind ebenfalls der bekannte Finanzspekulant George Soros und der bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini. Einigen Experten (z.B. von Capital Economics) zufolge könnten viele EU-Mitgliedsstaaten davon profitieren. Laut Roubini müssen Griechenland, Spanien und andere kaum erfolgreiche Wirtschaften aus der Eurozone ausgeschlossen werden. Anderen Experten zufolge müssen starke Wirtschaften aus der Eurozone austreten. In diesem Fall müssten sie nicht mehr für die fremden Schulden aufkommen, um die Eurozone zu retten. Die Währungsentwertung der PIIGS-Staaten werde deren Konkurrenzfähigkeit im Exportgeschäft erhöhen, so die Experten.

    Als das logischste Argument gegen den Zerfall der Eurozone werden die technischen Schwierigkeiten beim Austritt aus dem einheitlichen Währungsraum angesehen. Laut Soros ist der fehlende Mechanismus für den Austritt aus der Eurozone eines der wichtigsten Probleme der EU. Hindert noch etwas an einem vernünftigen Austritt? Vielleicht mögliche Militärkonflikte? Die EU-Bürokratie übertreibt wohl ihre Rolle bei der Friedenserhaltung in Europa.

    Die Tatsache, dass es in den vergangenen Jahrzehnten keine großen sozialen und zwischenstaatlichen Konflikte in Europa gegeben hat, ist mehr den Wirtschaftsprozessen zu verdanken. Ein Großteil der europäischen Industrieunternehmen ist nach Asien abgewandert. Europa befreite sich nicht nur von den Werken und Fabriken, sondern auch von vielen sozialen, wirtschaftlichen und Umweltproblemen.

    Dennoch gibt es rein wirtschaftliche Gründe für die Erhaltung der Eurozone und einer einheitlichen Währung. Laut Nikolai Kaschtschejew, Chefanalyst des Schatzamtes von Sberbank, hängt die Erhaltung und Entwicklung der Eurozone damit zusammen, dass der „Weltkapitalmarkt eine liquide Alternative zum Dollar braucht".

    Im Mai dieses Jahres bat US-Präsident Barack Obama seinen französischen Amtskollegen Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Telefongespräch darum, die Bereitstellung der Hilfe für Griechenland zu beschleunigen. Laut ausländischen Experten können sich die Interessen der EU-Bürokraten und der internationalen Finanzunternehmen von den Wirtschaftsinteressen der EU-Mitgliedsstaaten unterscheiden.

    Bislang ist die Schaffung eines einheitlichen Fiskalsystems und eines einheitlichen politischen Raums die einzige Alternative zum Zerfall der Eurozone. Einigen Wirtschaftsexperten zufolge kann dieses System nur dann effizient funktionieren, wenn die wirtschaftlich starken Staaten eine stärkere Rolle spielen und sie das Recht bekommen, den schwächeren Ländern die Fiskalpolitik zu diktieren. Dies kann jedoch zur undemokratischen Zentralisierung Europas führen.

    Bei den anderen EU-Antikrisenmaßnahmen handelt es sich eher um einen Kampf gegen die Folgen der europäischen Krise als gegen deren Ursachen. Ein Beispiel: Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, schlug vor, die Monopolstellung der drei führenden Ratingagenturen (Fitch, Standrd&Poor's und Moody's) zu brechen. Die Senkung der Ratings Griechenlands, Portugals und Spaniens durch diese Gesellschaften verursachte ein Chaos an den europäischen Börsen.

    Die italienische Bank UniCredit schlug vor ein paar Tagen vor, einen freiwilligen Stabilisierungsfonds in Höhe von 20 Milliarden Euro zu schaffen, um den Finanzsektor der schwachen Wirtschaften zu stützen. Experten sehen in dieser Maßnahmen keinen Sinn. Im Vergleich zu den 750 Milliarden Euro (Rettungspaket von EU und IWF) sind 20 Milliarden tatsächlich nicht viel.

    Diese Maßnahmen zielen auf die Erhaltung des jetzigen Systems und folglich der Wirtschaftsprobleme. Negative Prognosen darüber, dass die Stagnation in Europa mehrere Jahre andauern wird, könnten wahr werden.     

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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