02:12 11 Dezember 2018
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    Moskau träumt vom Aufstieg zum Finanzzentrum

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    Russland will nicht nur seine Wirtschaft erneuern, sondern Moskau zum internationalen Finanzzentrum aufbauen.

    Russland will nicht nur seine Wirtschaft erneuern, sondern Moskau zum internationalen Finanzzentrum aufbauen.

    Laut Experten hängen diese zwei Aufgaben eng miteinander zusammen. Eine moderne Innovationswirtschaft kann einen Investitionsboom auslösen und zum attraktiven Magnet für das weltweite Kapital werden. Bislang kümmern sich die russischen Behörden vor allem darum, die  Infrastruktur für das geplante Finanzzentrum zu schaffen.

    Die Frage nach der Infrastruktur stellt sich unvermeidlich. Das Finanzzentrum ist kein abstrakter Begriff, sondern ein realer Ort, wo internationale Banken und andere Finanzinstitute konzentriert sind, die weltweit operieren. So ein Projekt braucht viel Platz. Für diese Zwecke waren einst die Twin Towers in New York gebaut worden. In Shanghai wurde beim Aufbau eines Finanzzentrums im Laufe von 15 Jahren das Stadtviertel Pudong aus dem Boden gestampft, wo sich fast nur Wolkenkratzer befinden.

    In Moskau gibt es die im Bau befindliche Moscow-City, wo die Finanzhäuser ihre Büros eröffnen können. Doch das Ende der Bauarbeiten liegt noch in weiter Ferne. Zudem muss die Verkehrsinfrastruktur weiter entwickelt werden. Die Moskauer Behörden wissen genau, dass man für ein  internationales Finanzzentrum ein entwickeltes Verkehrssystem braucht. Moskau will im kommenden Jahr 38 Milliarden Rubel (1 Euro = ca. 39 Rubel) für den Straßenbau ausgeben. In den kommenden drei Jahren sollen für diese Zwecke 140 Milliarden Rubel bereitgestellt werden.

    Außerdem braucht das Finanzzentrum eine Gesetzesgrundlage. Man braucht ein Börsengesetz, ein Gesetz über die Clearingtätigkeit u.s.w. Die russischen Behörden wollen in den nächsten drei Jahren Richtlinien ausarbeiten, die den Anforderungen der Weltfinanzmärkte entsprechen werden.

    Neben den Infrastruktur- und Organisationsfragen stellt sich eine nicht weniger wichtige Frage: Wozu dient das Moskauer Finanzzentrum? Welches Kapital soll angesprochen werden? Einigen Experten zufolge kann man auch auf dem Lande ein internationales Finanzzentrum aufbauen, falls man eine ausgezeichnete Infrastruktur und günstige Gesetzesgrundlage hat. Dennoch entstehen Finanzzentren nicht zufällig irgendwo. Sie bilden sich auf Grundlage der führenden Industriewirtschaften.

    Zuerst dienen die Institutionen des Finanzzentrums der Industrie. Danach beginnen sie ihr eigenes Leben und werden zum Teil der virtuellen oder fiktiven Wirtschaft. Der Aufbau der Finanzzentren dauert manchmal einige Jahrhunderte (wie in Europa) und manchmal Jahrzehnte (wie in Südostasien). In den beiden Fällen war zuvor jedoch eine starke Entwicklung des Handels und der Industrie zu erkennen.

    Laut dem Plan der russischen Behörden soll das Moskauer Finanzzentrum mit Shanghai und Dubai konkurrieren. Dennoch hängt das Shanghaier Finanzzentrum eng mit der sich rasant entwickelnden chinesischen Industrie zusammen, die zunächst direkte und danach spekulative Investitionen anzog. Solange die russischen Behörden den Übergang zur Innovationswirtschaft nur planen, ist kaum ein Industrieboom zu erwarten. Deswegen gleicht die Schaffung eines Finanzzentrums nach dem Vorbild Shanghai eher dem Versuch, Nägel „ohne“ Köpfe zu machen.

    Anders sieht es bei Dubai aus. Dieses winzige Emirat wird als das größte Finanzzentrum des Nahen Ostens bezeichnet. Zudem ist Dubai nach Xianggang (Hongkong) und Singapur das drittweltgrößte Weiterexport-Zentrum (Weiterverkauf importierter Waren, vor allem Rohstoffe). Anders gesagt, Dubai ist wie seine Pendants in Südostasien ein Magnet für das Spekulationskapital. Diese Finanzzentren gleichen gewissermaßen Spiel- und Offshorezonen: Die Gesetzgebung, die Infrastruktur und selbst die Lebensweise sind an einer bestimmten Unternehmensart orientiert.

    Ein winziger Staat kann es sich erlauben, nach den Wirtschaftsregeln zu leben, die sich stark von den allgemeingültigen internationalen Richtlinien unterscheiden. Wie soll das riesige Russland vorgehen? Die Verwirklichung eines ähnlichen spekulativen Projekts in Moskau würde eine Abgrenzung der russischen Hauptstadt vom ganzen Staat bedeuten. Im chinesischen Xianggang sieht die Situation bereits so aus. Aus der Sicht der geltenden Gesetze ist dies „ein Staat im Staat“. Dennoch ist Xianggang keine Hauptstadt, sondern eine Inselprovinz, die im Laufe eines Jahrhunderts von China de facto abgetrennt war.

    Es gibt auch einen anderen Weg. Einige russische Experten sprechen vom Bau eines Rohstoff-Finanzzentrums. Russland ist einer der führenden Gas- und Öllieferanten in der Welt. Von den russischen Lieferungen hängen in diesem oder jenem Maße die führenden Weltwirtschaften ab. Die russischen Behörden erörtern selbstverständlich diese Frage. Einer der Schritte zur Erhöhung von Russlands Rolle in der Weltwirtschaft und zu dessen Entwicklung zum Anziehungspunkt für das Kapital könnte der Übergang zu Verrechnungen für russische Rohstofflieferungen in Rubel statt US-Dollar sein.

    Dabei gibt es ein Hindernis - hohe Inflationsraten und die Tatsache, dass Rubel keine frei konvertierbare Währung ist. Sein Wechselkurs wird größtenteils nicht vom Markt, sondern von der Zentralbank bestimmt. Aus demselben Grund kann die chinesische Währung Yuan trotz zahlreichen Prognosen nicht die Rolle einer Welt- oder regionalen Reservewährung spielen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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