09:18 19 Oktober 2017
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    Trotz Risiken: Russlands Zukunft liegt in Asien

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    Der russische Präsident Dmitri Medwedew nimmt diese Woche am Russland-ASEAN-Gipfel in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi tei

    Der russische Präsident Dmitri Medwedew nimmt diese Woche am Russland-ASEAN-Gipfel in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi teil.

    Im November reist der russische Staatschef zum G20-Gipfel in Seoul. Vor kurzem besuchte Medwedew China, im Juli leitete er im fernöstlichen Chabarowsk ein großes Asien-Treffen. Im März hatte Premier Wladimir Putin Indien einen Besuch abgestattet. Ende 2009 weilte Präsident Medwedew in der Mongolei und in Singapur, Regierungschef Putin in China.

    Moskau wendet sich also in Richtung Asien. Diesen Schritt hätte Russland bereits früher machen sollen. Bis zuletzt galt der Westen als Ausgangspunkt in Moskaus Außenpolitik. Die Kontakte mit der „restlichen“ Welt betrachtete man im Kreml im Kontext seiner Beziehungen zu Europa und den USA.

    Aber seit den frühen 2000ern ändert sich das globale Kräfteverhältnis zugunsten Asiens. Endlich hat der Kreml erkannt, dass er wegen des Wandels der Welt es mit immer neuen Herausforderungen zu tun hat, die nicht mehr nur mit Gerede über die multipolare Welt beantwortet werden können. 

    Wenn man objektiv ist, dann muss man ehrlich sagen: Russland ist nicht das stärkste Glied in der politischen Kette Asiens. Im euroatlantischen Raum ist Russland trotz aller Erschütterungen der letzten 20 Jahre weiterhin einflussreich und kann nicht übergangen werden. In Asien aber sind seine Positionen deutlich schwächer, besonders wenn man bedenkt, dass mit China ein Riese erwacht, Indien sich rasant entwickelt oder Südkorea und die ASEAN-Staaten sich ehrgeizeige Ziele setzen.

    Wirtschaftlich gesehen bereitet Russlands Ferner Osten großen Kummer, für dessen Entwicklung massive Anstrengungen erforderlich sind. Politisch gesehen hat man Russland in Asien eigentlich nie für gleichberechtigt gehalten – Moskau ist in vielen regionalen Organisationen nur formell Mitglied und kann kaum etwas mitbestimmen.
       
    Dieser Sachverhalt ist umso gefährlicher, weil ausgerechnet Asien wohl die besten Aussichten hat, zum wichtigsten Machtzentrum des 21. Jahrhunderts aufzusteigen, egal ob wirtschaftlich, politisch oder militärisch. Falls Moskau die Gelegenheit verpasst, seinen Einfluss in Asien auszubauen, könnte dies dazu führen, dass es in der Welt nur eine Nebenrolle spielt.

    Noch schlimmer wäre es, wenn Russland die Rolle  einer Wechselmünze im Handel zwischen China und den USA, den zwei stärksten Großmächten im Asiatisch-Pazifischen Raum, zugewiesen wird. Die jüngsten Aktivitäten der russischen Führung zeugen allerdings davon, dass sie um diese drohende Gefahr weiß und nach einer Antwort sucht.

    In erster Linie braucht Russland eine umfassende Strategie, die sowohl Maßnahmen zur Entwicklung seiner Gebiete im Fernen Osten als auch zu seiner Positionierung in Asien enthalten würde. Die beiden Aspekte sind eng miteinander verbunden. Ohne die Hilfe ausländischer Partner kann Russland sein asiatisches Gebiet nicht weiter entwickeln, was eine unentbehrliche Voraussetzung für seine wichtige Rolle in Asien ist.

    Dabei muss eine Diversifizierung her, weil die Freundschaft nur mit China nicht nur politische, sondern auch psychologische Probleme zur Folge haben könnte. Die Gerüchte der früheren Jahre über Millionen Chinesen, die den russischen Fernen Osten und Sibirien okkupiert hätten, waren zwar übertrieben.

    Doch die ständig wachsende wirtschaftliche Disbilanz zwischen Russland und China ist offensichtlich, weshalb ohnehin das Risiko entsteht, dass sich Russlands asiatischer Teil nicht mehr nach Moskau, sondern vor allem nach Peking richtet. Damit sich diese Region stabil entwickelt, sollten dort nicht nur chinesische, sondern auch Projekte anderer Länder (der USA, Japans, Koreas, Singapurs, europäischer Länder) umgesetzt werden.

    Sollte der Asiatisch-Pazifische Raum im 21. Jahrhundert tatsächlich die Rolle übernehmen, die im 20. Jahrhundert Europa gehörte, dann muss er sich auf viele Erschütterungen gefasst machen. Bevor Europa seinen heutigen Platz eingenommen hatte, musste es zwei katastrophale Weltkriege und eine 40-jährige Konfrontation zweier Systeme, die sich in einen direkten Zusammenstoß hätte verwandeln können, verkraften.

    In Asien gibt es viele Voraussetzungen für Kataklysmen, denn die Beziehungen zwischen den Führungsmächten in der Region sind durch ihre historische Antipathie und Gebietskonflikte belastet. Es gibt auch eine gespaltete Nation (Korea), um die eine explosive Situation entsteht.

    Unklar sind auch die Perspektiven der Beziehungen zwischen Washington und Peking - ihre gegenseitige Abhängigkeit ist derzeit so groß und so ungewünscht, dass sie an eine „garantierte gegenseitige Vernichtung“ grenzt und sich in eine  scharfe Rivalität ausweiten könnte. Im Unterschied zu Europa, wo es trotz der Probleme um die Sicherheitsarchitektur zuverlässige Mechanismen zur Stabilisierung gibt, muss man in Asien praktisch bei null anfangen.

    Angesichts dessen sind die vor Moskau stehenden Aufgaben noch schwieriger, zumal es in Asien wohl anders als in Europa vorgehen muss. So reagiert man im Kreml auf jegliche Ausweitung des US-Einflusses im euroatlantischen Raum eher gereizt und widersetzt sich mit allen Mitteln.

    In Asien aber könnte sich die militärpolitische US-Präsenz als ein wichtiger Stabilitätsfaktor etablieren. Andererseits kann sich Russland nicht in eine Konstellation einbeziehen lassen, die Peking als feindlich betrachten könnte. In diesem Sinne sollte man ganz vorsichtig mit Ideen wie eine russisch-amerikanische Raketenabwehr oder die Nato-Mitgliedschaft Russlands umgehen.

    Die „asiatische Herausforderung“ wird den Blickwinkel ändern, unter dem Russland die Welt betrachtet. Einerseits ist eine prowestliche Einstellung nicht mehr möglich, weil sie nicht dem globalen Wandel entspricht. Andererseits sind positive Beziehungen zur westlichen Welt das Unterpfand der stabilen Positionen Russlands in Asien. Das ist keine leichte Aufgabe, aber Moskau muss sie lösen, um im 21. Jahrhundert Erfolg zu haben.
       
    *Zum Verfasser: Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“


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