17:41 25 September 2016
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Spielball der Mächte: Korea-Konflikt droht Eskalation durch US-Manöver

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Nach dem Feuergefecht an der umstrittenen Seegrenze zwischen Süd- und Nordkorea kann sich die Lage im Gelben weiter zuspitzen.

Nach dem Feuergefecht an der umstrittenen Seegrenze zwischen Süd- und Nordkorea kann sich die Lage im Gelben weiter zuspitzen.

Das gemeinsame Manöver zwischen Südkorea und den USA, das Nordkorea den Anlass für den Beschuss der Insel Yeonpeyong gegeben hat, ist sicherlich nicht das letzte gewesen. Der US-Flugzeugträger „George Washington“ hat bereits Kurs auf die Koreanische Halbinsel genommen, um an einer neuen Übung teilzunehmen. Südkorea rüstet seine Inseln in Nähe der nordkoreanischen Hoheitsgewässer auf.

Laut Meldungen aus Seoul hatte Nordkorea insgesamt 80 bis 90 Geschosse auf Yeonpeyong abgefeuert (insgesamt waren es 170). Auf der Insel seien mehrere Gebäude zerstört worden. Mehrere Menschen seien ums Leben gekommen. Auf Pjöngjangs Angriff sei mit Gegenfeuer reagiert worden.

Die Nordkoreaner behaupten jedoch, auf Südkoreas Aktionen geantwortet zu haben, weil dessen Geschosse in ihren Hoheitsgewässern explodiert seien.

Zum ersten Mal seit dem Korea-Krieg (1950-1953), der lediglich mit einem Waffenstillstandsabkommen beendet wurde, hat die Führung in Pjöngjang demonstriert, dass sie sich nicht nur auf Warnungen im Falle von Militärübungen nahe der nordkoreanischen Grenze beschränken wird.

Die Situation um Korea ist zwar sehr ernst, scheint aber ihren Höhepunkt noch nicht erreicht zu haben. Washington und Pjöngjang tauschen Warnsignale aus, die die andere Seite nicht richtig deuten kann.

Vor wenigen Tagen haben die Nordkoreaner einem US-Nuklearexperten den Bau eines Leichtwasserreaktors und einen Komplex aus etwa 100 Zentrifugen für die Anreicherung von atomwaffenfähigem Uran gezeigt. Laut US-Medien glaubte dieser Experte seinen Augen nicht.

Nordkorea hat bereits zwei Atomtests durchgeführt - 2006 und 2009. Die Anlagen funktionierten auf der Basis von Plutonium, das aus vergebrannten Kernbrennstäben gewonnen wurde. Jetzt entwickelt Pjöngjang auch ein Programm zur Urananreicherung.

Einige Beobachter vermuten, dass Pjöngjangs scharfe Reaktion auf das amerikanisch-südkoreanische Manöver in einer Reihe mit der Demonstration seines Atompotenzials steht.

Der einstige US-Präsident Jimmy Carter, der häufig als Vermittler bei den Kontakten mit Nordkorea fungierte, schrieb in der „Washington Post“: „Pjöngjang hat ein klares Zeichen gegeben, dass es bei direkten Verhandlungen mit den USA bereit wäre, ein Abkommen über den Stopp aller Atomprogramme und über die entsprechende IAEO-Kontrolle sowie einen Friedensvertrag statt des immer noch gültigen Waffenstillstandsabkommens von 1953 zu unterzeichnen.“

„Wir sollten uns eine Antwort auf dieses Angebot überlegen“, so Carter weiter. „Anderenfalls müssten die Nordkoreaner Maßnahmen ergreifen, die sie für nötig halten, um sich gegen das zu wehren, wovor sie am meisten Angst haben: gegen einen Militärschlag unter Unterstützung der USA und gegen Versuche zum Wechsel ihres Regime.“

1994 wurde unter Mitwirkung Carters ein Abkommen mit Nordkorea erreicht, laut dem es sein Atomprogramm auf Eis legte, dafür aber einen Leichtwasserreaktor bauen durfte. Dann kam George W. Bush an die Macht, der den Krieg im Irak verursachte und Saddam Hussein zum Sturz brachte. Deshalb weigerte sich Pjöngjang, seinen Verpflichtungen nachzukommen, und begann mit dem Bau von Atomwaffen, um nicht zum „zweiten Irak“ zu werden.

Der Flugzeugträger „George Washington“ hat 6000 Mann und 75 Flugzeuge an Bord. Er wird von vier Schiffen und mindestens einem U-Boot eskortiert. Das Manöver findet voraussichtlich vom 28. November bis 1. Dezember statt. Nordkorea warnte erneut, dass es bei der Verletzung seiner Hoheitsgewässer wieder schießen würde.

Das Problem ist, dass man in Pjöngjang die Seegrenze zu Südkorea nicht akzeptiert, die 1953 von den USA einseitig festgelegt wurde, die damals am Korea-Krieg unter UN-Schirmherrschaft teilnahmen. Im Gelben Meer kam es deswegen häufig zu Zusammenstößen. Einen Konflikt wie den jetzigen hatte es aber bislang nie gegeben.

Im Dezember 2007 schlossen die beiden koreanischen Staaten ein Abkommen zur Umwandlung des umstrittenen Gebiets in einen „Friedens- und Kooperationsraum“. Der Regierungswechsel in Seoul im Februar 2008 führte jedoch dazu, dass die bereits vereinbarte Annäherung mit Pjöngjang nur auf dem Papier blieb. Die Wahrscheinlichkeit eines Kriegs zwischen Nord und Süd nahm wieder zu.

Die USA und Südkorea, die durch Verpflichtungen im Sicherheits- und Verteidigungsbereich verbunden sind, versuchen derzeit, China zu überzeugen, sich in den Konflikt einzumischen. Nach ihrer Auffassung sind nur die Chinesen in der Lage, Nordkorea zum Verzicht auf seine Atomwaffen zu bewegen.

Dabei gibt es allerdings zwei „Aber“. Erstens ist Pekings Einfluss auf Pjöngjang gering. Zweitens will Peking nichts gegen Pjöngjang unternehmen, weil ein Zusammenbruch Nordkoreas unvermeidlich zur Wiedervereinigung mit Südkorea unter der Schirmherrschaft Seouls und Washingtons führen würde. Auf diesen Faktor führen Experten die jüngste Intensivierung der Kontakte zwischen China und Nordkorea zurück. In Washington ist man jedoch überzeugt, dass die weitere Eskalation auf der Koreanischen Halbinsel für China noch schlimmer wäre.

Die „Washington Post“ zitierte Daniel Sneider, Asienexperte von der Stanford University, der die Entsendung des Flugzeugträgers ins Gelbe Meer als gute Möglichkeit bewertete, China darauf hinzuweisen, dass die Instabilität auf der Halbinsel aus allen Erdteilen, darunter auch aus Amerika, stammen könnte. „Es ist logisch, dass die Amerikaner eine zuverlässige Gefahr schaffen müssen“, so der Experte.

Dadurch verflechten sich in Korea die Interessen mehrerer Großmächte, was allerdings in der Geschichte des Landes schon häufig der Fall war. Die Koreaner können in ein Spiel hineingezogen werden, in dem sie wieder die Opferrolle spielen müssen.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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