08:52 24 Juni 2018
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    Experte: Aufruhr in Ägypten läutet große Zäsur ein

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    Egal wie der Aufstand in Ägypten endet - arabische Experten sprechen bereits jetzt von einer neuen Ära in der Region.

    Egal wie der Aufstand in Ägypten endet - arabische Experten sprechen bereits jetzt von einer neuen Ära in der Region.

    „Schon heute kann man sagen, dass in der Region eine neue Epoche begonnen hat“, sagte der syrische Politologe Mohammed Heir el-Wadi vom Forschungszentrum „China and Asia“ der Agentur RIA Novosti.

    „Die Ereignisse in Ägypten haben die Geschichte in ‚davor’ und ‚danach’ geteilt. Zuvor gab es das Regime von Hosni Mubarak, der eine proamerikanische und proisraelische Politik ausübte.“ Jetzt sei Mubarak aber mit seinem Latein am Ende. „Was derzeit in Ägypten passiert, ist ein Zyklon, dem niemand widerstehen kann“, betonte der Experte.

    Egal welche Regierung Mubarak ablöse, sie werde dessen Politik nicht fortsetzen und nicht mehr „ein Instrument in den Händen der USA und Israels“ sein, so El-Wadi. Er erinnerte daran, dass Ägypten unter Mubarak „gegen die arabischen Widerstandskräfte auftrat, die arabische Einheit und die palästinensische Aussöhnung behinderte, am Boykott des Gaza-Streifens teilnahm sowie gegen Iran und Syrien eingestellt war.“ Deshalb sei Ägypten „ein Verschwörer gegen die Araber“ gewesen, fügte der Experte hinzu.

    El-Wadi zufolge machte Mubarak die führende Rolle Ägyptens in der arabischen Welt kaputt.

    „Es ist sogar dazu gekommen, dass einige kleinere arabische Länder der Golf-Region eine wichtigere Rolle als Ägypten spielten“, fuhr El-Wadi fort. „Jetzt aber befreit sich Ägypten von den Fesseln Mubaraks. Das größte arabische Land kehrt in die arabische Welt zurück.“

    „Ägypten gewinnt Schritt für Schritt seine führende Rolle zurück, allerdings nicht als Instrument in den Händen der USA und Israels, sondern die Führungsrolle, die es früher gespielt hatte, als es sich auf gesamtarabische patriotische Positionen stützte“, so der Politologe.

    USA UND ISRAEL ALS VERLIERER

    Es sei kein Wunder, dass sich ausgerechnet die USA und Israel die größten Sorgen um die Situation in Ägypten machen, sagte Mohammed el-Wadi weiter. „Ägyptens Platz in der Nahost-Politik der USA lässt sich kaum genug hochschätzen. Für die USA war Ägypten der größte politische, militärische, wirtschaftliche und ideologische Stützpunkt in der ganzen Region. Mit Hilfe dieses einflussreichen arabischen islamischen Landes hatte Washington es viel leichter, seine Politik in der arabischen bzw. moslemischen Welt zu verfolgen. In diesem Sinne ist Kairo für Washington noch wichtiger als Tel Aviv.“

    Die Amerikaner haben für Mubarak keinen Ersatz, stellte der Experte fest. Sein unvermeidlicher Rücktritt werde „eine wesentliche Schwächung der Einflusskraft der USA im Nahen Osten“ zur Folge haben.

    Der Wandel in Ägypten werde auch einen großen Einfluss auf die Politik Israels ausüben, das mit Mubarak seinen wichtigsten Verbündeten und seine größte Stütze in der Region verlieren werde, prognostizierte El-Wadi. Damit werde Israel nicht mehr so frei wie früher agieren können.

    „Kairo wird nicht mehr Israels Beschützer sein - das ist offensichtlich.“ Deshalb werde Tel Aviv seine Politik in Bezug auf den Friedensprozess und auf die palästinensischen Siedlungen im Gaza-Streifen korrigieren müssen“, betonte der Experte.

    „Sollte die rechtskonservative Führung Israels ihre aggressive Politik fortsetzen, wird das eine Herausforderung für das ägyptische Volk sein, was den ganzen Charakter der israelisch-ägyptischen Beziehungen prägen wird.“ Es sei aber unwahrscheinlich, dass Kairo und Tel Aviv die 1979 aufgenommenen diplomatischen Beziehungen unterbrechen, ergänzte er.

    IRAN ALS GEWINNER

    Zu den Ländern, die von dem Wandel in Ägypten profitieren werden, gehöre vor allem Iran, so der Experte weiter. „Mubarak war jahrelang der größte politische Gegner Irans in der arabischen Welt. Neben Israel bauschte er die angebliche Gefahr einer iranischen Expansion für die arabische Welt künstlich auf.“ Nach Einschätzung El-Wadis entwickelt sich die Situation in der Region im Interesse Irans.

    „2003 haben die USA Saddam Hussein, den größten Feind Irans, vernichtet. Dann haben sie den anderen gefährlichen Feind, die Taliban, kardinal geschwächt. Jetzt verlieren sie aber selbst ihre Positionen im Nahen Osten“, so Mohammad el-Wadi.

    Nach dem Wandel in Ägypten werden auch die Gaza-Blockade und die Isolationspolitik gegenüber der palästinensischen Hamas-Bewegung scheitern, sagte er voraus. Allgemein könnte sich die ganze Situation in den Palästinensergebieten, insbesondere im Sinne der palästinensischen Aussöhnung, positiv entwickeln.

    Sicherer werden sich die politischen Kräfte im Irak fühlen, besonders jene, die antiamerikanische Position einnehmen.

    TYRANNEN FÜRCHTEN IHR VOLK

    Die wohl größte Bedeutung des Geschehens in Ägypten besteht aber Experten zufolge darin, dass die Völker „keine Angst mehr vor ihren Herrschern haben“. „Früher galt in allen arabischen Ländern, dass sich das Volk vor ihren Herrschern ängstigt. Derzeit müssen sich die Herrscher vor dem Volk fürchten. Jetzt hat sich die arabische politische Idee und die ganze arabische Geschichte grundsätzlich geändert“, so Aziz Dschaber vom irakischen Zentrum für strategische Forschungen.

    El-Wadi verwies darauf, dass die arabischen Tyrannen „nicht wissen, aus welcher Richtung ihnen der nächste Schlag versetzt wird.“

    „Die ägyptischen Behörden haben drei Jahrzehnte lang alle Oppositionskräfte, alle politischen Parteien kontrolliert. Nun ist es zur großen Explosion gekommen, deren wahre Stärke niemand erwartet hatte. Wer wird hinter der nächsten Explosion stehen? In Ägypten waren das junge Menschen - Studenten, Arbeitslose. Wer könnte diese Rolle in Algerien, Jemen oder Libyen spielen, die möglicherweise als nächste an der Reihe sind?“

    Die Ereignisse in Ägypten werden vor allem von den Jugendlichen geprägt, so El-Wadi weiter. Was die „Muslimbrüder“ angeht, die bei einer demokratischen Wahl an die Macht kommen könnten, so haben sie „zweifellos großes Gewicht in der ägyptischen Gesellschaft, sind aber kein entscheidender Faktor“, konstatierte er.

    „Vor dem möglichen Machtantritt der radikalen Islamisten hat Israel Angst. Aber die ‚Muslimbrüder’ haben nicht den Aufstand in Ägypten geleitet. Sie haben daran ‚nur’ neben vielen anderen Kräften teilgenommen. Meines Erachtens gehen sie davon aus, dass die Demokratie für sie besser als die absolute Macht ist“, fügte Mohammed el-Wadi an.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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