10:14 16 Oktober 2018
SNA Radio
    Meinungen

    Immer wieder Ärger zwischen Moskau und London

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 0 0

    Im Interview mit RIA Novosti spricht der russische Sicherheitsexperte Alexej Fenenko über die angespannten Beziehungen zu Großbritannien und dessen politisches Gewicht als Teil der angelsächsischen Achse mit den USA.

    Im Interview mit RIA Novosti spricht der russische Sicherheitsexperte Alexej Fenenko über die angespannten Beziehungen zu Großbritannien und dessen politisches Gewicht als Teil der angelsächsischen Achse mit den USA.

    RIA Novosti: Herr Fenenko, in letzter Zeit hat es gleich mehrere Anlässe gegeben, über die Beziehungen zwischen Moskau und London zu sprechen. Beginnen wir mit dem interessantesten: Im Zusammenhang mit dem jüngst unterzeichneten START-Vertrag haben die USA und natürlich die Enthüllungsplattform WikiLeaks uns Informationen über das Atomwaffenarsenal Großbritanniens, und zwar über die Trident-Raketen, zur Verfügung gestellt. Was halten Sie davon?

    Alexej Fenenko: Das Problem der britischen Atomwaffen ist für uns eines der wichtigsten. Und so viel ich aus meinen Gesprächen mit Militärs schließen kann, kann das ein wichtiges Argument gegen die Ratifizierung des START-3-Vertrags werden.

    RIA Novosti: Doch weshalb? In einem unserer früheren Gespräche haben Sie gesagt, derzeit würde es kein anderes Land außer Russland und den USA geben, das über derart umfangreiches Atomwaffenarsenal verfügen würde.

    Alexej Fenenko: Das stimmt. Erstens sind die USA und Großbritannien seit 1962 durch den so genannten „Nassau-Pakt“ verbunden, dem zufolge das britische Atomwaffenarsenal dem amerikanischen Atomplanungssystem angehört. Dementsprechend kann eine Entscheidung über seine Verwendung nur gemeinsam mit den USA getroffen werden.

    Zweitens stehen den britischen Streitkräften amerikanische Trident-2-Raketen zur Verfügung, die mit britischen Atomsprengköpfen bestückt sind. Im Grunde handelt es sich um einen Teil des US-Atomwaffenarsenals, der auf keine Weise limitiert ist. Die USA haben keine Hindernisse, bei gemeinsamen Programmen mit Großbritannien jegliche START-Verträge zu umgehen.

    Nicht umsonst arbeiten die USA und Großbritannien seit 2002 an der Modernisierung eines Labors in Aldermaston, wo eine größere Modellierung von Atomexplosionen möglich sein wird. Im Sommer 2010, direkt nach der Unterzeichnung des START-Vertrags, hatte die russische Diplomatie von den USA Garantien verlangt, dass das britische Atomwaffenarsenal nicht unter Umgehung der START-Beschränkungen aufgestockt wird.

    Zumal das House of Commons 2007 für die Modernisierung des britischen Atomwaffenarsenals gestimmt hatte, weil die Trident-Raketen nur bis 2020 gefechtsfähig sind. Die Amerikaner haben allerdings nichts Konkretes geäußert, dafür aber auf die Souveränität Großbritanniens verwiesen, weshalb es nicht verpflichtet sei, jegliche mit dem START-Vertrag verbundene Dokumente zu unterzeichnen.

    Im Herbst warfen wir diese Frage im Rahmen der euroatlantischen Sicherheitsinitiative auf; dabei wurde ein gewisser Kompromiss erreicht. Damit Russland den START-Vertrag ratifiziert und die russischen Parlamentarier sich mit der britischen Frage nicht allzu aktiv befassen, stellten die Amerikaner uns einige Informationen über das britische Atomwaffenarsenal zur Verfügung.

    Zugleich garantierten sie - darauf will ich jedenfalls hoffen - dass das britische Arsenal bei der Modernisierung nicht die Begrenzungen von 2006 übersteigen wird, als die Kampfbereitschaft und der technische Zustand des britischen Arsenals ihr Höchstniveau erreicht hatten. Das ist eines der wichtigsten Probleme in den russisch-britischen Beziehungen, die nie einfach waren.

    RIA Novosti: Warum haben sie sich so entwickelt? Gab es historische Voraussetzungen dafür?

    Alexej Fenenko: Im Gegenteil. Im 18. Jahrhundert, zwischen den Regierungszeiten von Peter I. und Alexander I., war die These, dass Russland und Großbritannien Verbündete sind, eine Selbstverständlichkeit für die ganze europäische Politik. William Peter Sr. erklärte sogar, Großbritannien würde mit russischen Kanonen auf Angriff von außen antworten. Bei allen großen Kriegen waren Russland und Großbritannien Verbündete - das war kein Zufall.

    Die Feindschaft entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dafür gab es drei Gründe. Erstens waren die sowjetischen bzw. russischen Militärs über das britische Atomwaffenarsenal besorgt, weil für Großbritannien, das übrigens nicht am Vertrag über Mittel- und Langstreckenraketen beteiligt ist, keine vertraglich fixierten Beschränkungen galten. Angesichts dessen könnte Großbritannien diese Waffenklasse jederzeit „reanimieren“.  

    Zum zweiten Problem: Merkwürdig ist, dass ausgerechnet in britischen Zeitungen scharf gegen Russland geschossen wird. Die These, Russland sei total korrupt, wird hauptsächlich von den britischen Medien verbreitet. Dabei gibt es keine konkreten Beweise dafür. Meines Erachtens hat dieser Trend seine Wurzeln in den 1960er Jahren, als die Amerikaner die START- und ABM-Verhandlungen mit der Sowjetunion nicht unterbrechen wollten und für Moskau unerwünschte Informationen in den britischen Medien platzieren ließen.

    Nicht zu vergessen ist auch, dass man in Washington die Entwicklung der Kontakte zwischen Russland und dem kontinentalen Europa traditionell misstrauisch gegenübersteht. Als Beispiel dafür dient Russlands Initiative vom Jahr 2009 zum europäischen Sicherheitsvertrag, die bei den Amerikanern eine negative Reaktion auslöste. Sie dachten, dass Russland auf diese Weise den Nato-Mechanismus zerstören und das System der US-Garantien schwächen wollte.

    Schließlich gibt es noch einen vierten - einen wirtschaftlichen Aspekt. Was stößt den Briten bitter auf? Russlands gute Wirtschaftskontakte mit Deutschland und teilweise Frankreich geschweige denn Ungarn. Die britischen Unternehmen haben keinen Zugang zum Ausbau des Partnerschaftssystems mit Gazprom, zumal Russland seit 1987 seine Öl- und Gasförderung im Norden reduziert, worüber sich die Briten Sorgen machen.

    Noch mehr als das: Großbritannien ist an einer Schwächung Russlands im Kaspi-Raum interessiert. Eben darauf lassen sich die Behauptungen von mangelnder Demokratie und der totalen Korruption in Russland zurückführen. Das ist das größte Problem der russisch-britischen Beziehungen.

    RIA Novosti: Haben die gegenseitige Ausweisung von Diplomaten oder die jüngste Ausweisung eines „Guardian“-Korrespondenten eine politische Bedeutung?

    Alexej Fenenko: Natürlich. Was wiederum die Tatsache angeht, dass die Amerikaner die Briten besonders scharfe russlandfeindliche Informationen veröffentlichen lassen, so zeigt Russland in diesem Zusammenhang gleich mehrere wichtige Eigenschaften. Russland lässt sich nicht einschüchtern, egal was die Briten über uns schreiben sollten. Weil die Beziehungen mit Großbritannien kaum vorankommen, zeigt Russland dadurch, dass es auf diese Beziehungen nicht allzu viel Wert legt.

    Weil sich Großbritannien zu Russland schlecht verhält, ist das für uns nicht so wichtig wie die Kontakte mit dem kontinentalen Europa und den USA. Russland gibt zu verstehen, dass Großbritanniens Gewicht in der europäischen und Weltpolitik begrenzt ist, vor allem wenn man bedenkt, dass sein Atomwaffenarsenal de facto ein Teil des amerikanischen ist. Deshalb betrachtet Russland Großbritannien als einen Interessensvertreter der USA. Wir ziehen es aber vor, es mit dem großen Patron und nicht mit seinem Schützling zu tun zu haben. 

    RIA Novosti: Dann stellt sich die Frage, ob Großbritannien eine souveräne Politik ausübt. Aus Ihren Worten kann ich schließen, dass seine Politik abhängig ist.

    Alexej Fenenko: In einem gewissen Sinne ist die Politik Großbritanniens souverän. Großbritannien erfasste Mitte des 20. Jahrhunderts das post-imperiale Syndrom, als von Großbritannien de facto nur Britannien übrig blieb. Damals stand vor dem britischen Establishment die Frage: Wie geht es weiter? Es gab zwei Wege: Entweder eine unabhängige Politik auszuüben (wie beispielsweise Frankreich) oder auf die angelsächsische Einheit zu setzen.

    Die Briten haben sich für den zweiten Weg entschieden. Mit anderen Worten, Großbritannien steht immer auf der Seite der USA, was für sein politisches Gewicht positiv ist. Großbritannien ist das zweite Land, das sich gemeinsam mit den USA an weltweiten Operationen beteiligt, eine Sondermeinung zu vielen Fragen in der Europäischen Union hat und außerdem eine wichtige Rolle in der Weltwirtschaft spielt.

    Denn die Londoner Börse ist und bleibt eines der wichtigsten Finanzzentren der Welt. Da Großbritannien immer auf der Seite der USA steht, werden die Amerikaner nichts gegen Großbritannien unternehmen und nicht dessen wirtschaftliches Gewicht in der Welt schwächen. Wichtig ist auch der Aspekt Energie, bei dem Großbritannien immer eng mit dem arabischen Orient verbunden war.

    In der Welt verläuft derzeit ein sehr wichtiger Prozess. Seit November bemühen sich die Amerikaner um die Wiederbelebung eines Militärbündnisses mit Australien und Neuseeland (ANZUS-Pakt). Wenn man ihre besonderen Beziehungen mit Großbritannien bedenkt, entsteht Gedanke, dass die Angelsachen sich zusammentun könnten. Bisher diskutierten die Amerikaner über die Globalisierung, aber von ihr haben vor allem Indien und China profitiert. Diese Diskussion nähert sich allmählich ihrem Ende.

    Seit 2010 setzt Amerika auf den Wiederaufbau der angelsächsischen Einheit, die einst ein Monolith in der Welt war. Die Art und Weise der Beziehungen zwischen Russland und der angelsächsischen Welt wird für die nächsten zehn Jahre entscheidend sein. Bis zuletzt konzentrierte sich Russland auf die Beziehungen zu Washington. Ob es aber seinen Blick nach London richtet, das ebenfalls einen wichtigen Teil der angelsächsischen Welt ausmacht, ist eine ziemlich schwierige Frage für die russische Diplomatie.

    Dr. Alexej Fenenko ist Experte am Institut für Probleme der internationalen Sicherheit der Russischen Wissenschaftsakademie

    Das Gespräch führte Samir Schachbas.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren