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    Moskau-London - eine Bestandsaufnahme

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    Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat während seines London-Besuchs zu Beginn dieser Woche die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu kitten versucht.

    Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat während seines London-Besuchs zu Beginn dieser Woche die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu kitten versucht.

    Der russische Chefdiplomat sollte den anstehenden Russland-Besuch des britischen Premiers David Cameron vorbereiten. Der russische Präsident Dmitri Medwedew hatte sich mit dem neuen konservativen britischen Regierungschef im November 2010 am Rande des G20-Gipfels in Seoul getroffen und ihn nach Moskau eingeladen. Cameron wird im Oktober bzw. November in Russland erwartet.

    Immer wieder Skandale

    In den letzten 30 bis 40 Jahren hat sich zwischen Moskau und London eine Gepflogenheit herauskristallisiert: Vor jedem wichtigen Besuch bricht immer ein Skandal aus. Mal wurden Spione ausgewiesen, mal wurden sogar Mordvorwürfe erhoben (unvergessen bleibt der so genannte „Fall Litwinenko“ vom Jahr 2006).

    Es entsteht manchmal der Eindruck, als würden Moskau und London diese Skandale absichtlich provozieren, damit ihre Beziehungen nicht allzu fade aussehen. Diese vor vielen Jahren entstandene Erscheinung verläuft nach ihren eigenen Regeln und wiederholt sich von selbst. Oder geschieht das doch nicht von selbst?

    Der letzte Skandal ist erst ein paar Wochen alt. Der Korrespondent des „Guardian“, Luke Harding, der seit vier Jahren in Russland tätig ist, wollte nach einer zweimonatigen Pause nach Moskau zurückkehren. Am Flughafen wurde ihm am 5. Februar die Einreise verweigert - wegen einer falsch ausgefüllten Akkreditierung. Um sein Visum gab es allerdings keine Probleme.

    Der britische Außenminister William Hague musste seinen russischen Kollegen Lawrow anrufen und bitten, sich in diese Angelegenheit einzumischen. Erst danach durfte Harding nach Russland einreisen und bis zum Ablauf seines Visums am 31. Mai 2011 oder sogar noch länger arbeiten. Was in Wirklichkeit passiert ist und warum so etwas überhaupt möglich ist, bleibt ein Rätsel.

    Der Skandal hat niemandem etwas gebracht, abgesehen vielleicht von den empörten britischen Journalisten und Briten: „The Guardian“ ist immerhin eine weltweit angesehene Zeitung. Überall in der Welt verstoßen Reporter bisweilen gegen die Richtlinien. Aber das ist wohl kein richtiger Anlass, einen Journalisten mit gültigem Visum auszuweisen.

    „The Guardian“ behauptet jetzt, Luke Harding hätte unter Berufung auf die Enthüllungsplattform WikiLeaks schlecht über die russische Staatsführung geschrieben. Harding ist der Co-Autor des Buchs „WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“. Angeblich hatten die russischen Behörden bereits im November 2010 versucht, Harding nach seinen Inguschetien- und Dagestan-Reisen auszuweisen, verzichteten aber darauf nach der Intervention der britischen Behörden.

    Nun wirft die britische Presse Russland vor, wie früher ausländische Journalisten zu drangsalieren, nur weil sie ihren Job gut machen und das berichten, was sie sehen und hören. Vor diesem Hintergrund fanden die Gespräche Lawrows zur Vorbereitung des Cameron-Besuchs statt.

    Natürlich standen auf der Tagesordnung bei Lawrows London-Besuch auch andere Themen. Es wurden Meinungen über wirtschaftliche Kooperation und Investitionen, über die Visapflicht und die europäische Sicherheit, über die Nichtverbreitung von Atomwaffen und die Nato, über die europäische Raketenabwehr und die Nahost-Konflikte und schließlich über den gemeinsamen Anti-Terror-Kampf ausgetauscht. Nicht zu übersehen ist aber, dass dies alles multilaterale und keine zweiseitigen Kooperationsfragen sind.

    Konkrete bilaterale Vereinbarungen wurden nur in Bezug auf den „heißen Draht“ zwischen dem Kreml und der Downing Street 10 getroffen. Spezialisten beider Länder werden demnächst diese Kommunikationsanlagen austauschen. Das ist allerdings nur ein technischer Schritt, eine ganz übliche Modernisierung der bereits 1992 installierten Anlagen.

    London: „Oligarchengeist“ löst „russischen Geist“ ab

    Eigentlich hat es zwischen Russland und Großbritannien schon seit ihrer „Bekanntschaft“ im späten 15. bzw. frühen 16. Jahrhundert immer Spannungen gegeben. Skandale waren keine Seltenheit. 

    Dafür gibt es ganz tiefliegende Gründe. Es gab ständig Konflikte der Interessen. In London ließ man sich immer wieder etwas einfallen, um das Russische Reich und später die Sowjetunion bzw. Russland zu kränken. Die Konfrontation weitete sich bis nach Zentralasien, Iran und Afghanistan, den Fernen und Nahen Osten sowie Afrika aus. Die seit Jahren herrschende Feindseligkeit und das Kolonialdenken verschwinden nicht über Nacht.

    Die Briten konnten sehr lange nicht verstehen, dass sie heutzutage keine Hebel mehr haben, um Moskau unter Druck zu setzen. Sie sehen außerdem ein, dass Moskau viel mehr Wert auf die Beziehungen mit Washington, Berlin, Paris, Peking oder sogar Neu-Delhi legt. Selbst die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern hinken hinter ganz Europa hinterher.

    Für beide Seiten gibt es zu viele Reizfaktoren. Wenn sie verschwinden, wäre das schon ein großer Fortschritt.

    Wenn es um die russisch-britischen Beziehungen geht, sollte man ihren aktuellen Stand mit dem früheren vergleichen. In Moskau wirft man den Briten häufig vor, dass sie in Ungnade gefallene Russen mit dubiosem Ruf empfangen: mutmaßliche Terroristen, Oppositionsaktivisten usw.

    Das alles hat nicht gestern und nicht im vorigen Jahrhundert begonnen. Obwohl es damals keinen „russischen Strom“ nach Großbritannien gab. Laut britischen Quellen leben derzeit auf der Insel etwa 300.000 Russen. 100 von ihnen sollen steinreich sein. Nicht zu vergessen ist, dass fast alle russischen Oligarchen Residenzen in London (neben Frankreich, Florida, Italien usw.) haben. Auch der Moskauer Ex-Bürgermeister Juri Luschkow bat vor kurzem die Briten um eine Aufenthaltsgenehmigung.

    Die Briten hatten auch früher russische Rebellen und Freigeister beherbergt. Erwähnenswert sind die Revolutionäre Alexander Herzen und Nikolai Ogarjow, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihr neues Zuhause auf der Insel gefunden haben und illegale Literatur herausgaben. Auch die Sozialdemokraten trugen im Sommer 1903 ihren zweiten Parteitag in London aus, auf dem sich die Partei in Bolschewiken und Menschewiken spaltete - was weitreichende Konsequenzen für das Schicksal Russlands hatte.

    Die jetzigen (und künftigen) russischen „Flüchtlinge“ sind natürlich keine Revolutionäre. Aber andererseits ist auch das Vereinigte Königreich heutzutage anders als vor 100 Jahren.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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