04:39 11 Dezember 2017
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    Politprofi Primakow geht in Pension

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    Der Präsident der russischen Industrie- und Handelskammer (IHK), Jewgeni Primakow, hat am Montag seinen Rücktritt bekannt gegeben.

    Der Präsident der russischen Industrie- und Handelskammer (IHK), Jewgeni Primakow, hat am Montag seinen Rücktritt bekannt gegeben.

    Der Politiker bekleidete diesen Posten seit 2001. Einer der erfahrensten Politiker und Staatsmänner hat sich endgültig aus dem politischen Leben zurückgezogen.

    Den Höhepunkt seiner Karriere hatte Primakow im September 1998 mit der Ernennung zum Regierungschef erreicht. Ein Jahr später wurde er sogar als Kandidat für das Präsidentenamt gehandelt. Statt die Machtspitze zu erklimmen zog er sich jedoch zurück. Er begnügte sich mit einem Chefposten der Industrie- und Handelskammer, um für die Unternehmen in den Korridoren der Macht zu lobbyieren.

    Für den erfahrenen Polit-Doyen, der sich von der Front ins Hinterland zurückzog, jedoch gute Kontakte zum Oberkommando behielt, war es der ideale Posten. Primakow hatte lange Zeit enge Beziehungen zur Macht (sowohl zur sowjetischen als zur „antisowjetischen“) gepflegt. Er bewegte sich gekonnt durch die Korridore der Macht und kannte alle Details des Staatsapparats. Der frühere Regierungschef leistete gute Arbeit als Präsident der Kammer.

    Primakow gilt als fleißiger Arbeiter ohne Showgehabe. Er begann seine Karriere als „Kämpfer an der unsichtbaren Front“. Primakow berichtete nicht nur für die Zeitung „Prawda“ aus dem Nahen Osten, sondern auch für die Aufklärungsdienste. Er gehörte zu den Analytikern, Beratern, Experten, die im Zentralkomitee der KPdSU die Perestroika auf den Weg brachten.

    „Ich und meine Freunde waren keine Revolutionäre, sondern Dissidenten des Systems gewesen. Wir gingen zwar nicht mit Plakaten auf die Straße, zerrütteten jedoch die Dogmen mit analytischen Mitteln“, sagte Primakow über diese Periode seines Lebens.

    Echte „Patrioten“ können ihm das nicht verzeihen. Für sie ist Primakow ein proamerikanischer Agent wie Alexander Jakowlew und Michail Gorbatschow. Die nationalistischen Kreise rechnen Primakow den Westlern und Liberalen zu, die absichtlich und zielgerichtet den Zerfall der Sowjetunion herbeiführten.

    Unter den radikalen Liberalen und Westlern gilt Primakow jedoch als Reaktionär und fast ein verdeckter Kommunist. Sie verzeihen ihm nicht, dass er den Kommunisten, ehemaliges Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU, Juri Masljukow, in seine Regierung geholt hatte.

    Der Reflex auf alles „Rote“ ähnelt der Reaktion eines Bullen auf ein rotes Tuch. In der Jelzin-Ära war das Kabinett von Primakow-Masljukow wirtschaftlich das erfolgreichste gewesen. Die Politik durchkreuzte jedoch immer wieder die Pläne. Es begannen die unendlichen Rochaden, bei denen Primakow seinen Hut als Regierungschef nehmen musste.

    Primakow erging es wie vielen Politikern der Mitte. Er versuchte immer, die politische Mitte zu halten, weshalb er als politisches „Schwergewichtler“ gilt. Er vermied extreme Positionen und wurde dafür von beiden Lagern angegriffen. Zudem wollte er politisch und parteilich nie Farbe bekennen.

    Im Herbst 1999, als der Parlamentswahlkampf auf Hochtouren war, präsentierte Primakow eines seiner vielen Werke in der Buchhandlung „Moskwa“. Die Lesung hatte einen Vorwahlcharakter - Primakow hatte damals an der Spitze der Kandidatenliste der Partei „Vaterland - ganz Russland“ gestanden. „Könnten Sie bitte sagen, sind Sie eher ein Weißer oder ein Roter“, fragte ein junger Mann den ehemaligen Regierungschef. „Ich möchte vor allem betonen, dass ich kein Blauer bin“, scherzte Primakow. (In Russland werden die Homosexuellen als Blaue bezeichnet.)

    Die Zentristen tun sich immer schwer, wenn sich der politische Kampf zuspitzt. Deshalb zog sich Primakow zurück - in die Industrie- und Handelskammer. Gleichzeitig fungierte er noch lange Zeit als Nahost-Berater in der russischen Außenpolitik.

    Primakow geht zu einem Zeitpunkt in Rente, an dem der ihm vertraute Nahe Osten von einer Protestwelle erschüttert wird. Im Unterschied zu einigen arabischen Staatschefs weiß er ganz genau, dass man sich nicht zu lange an einen Posten (selbst an einem ehrenvollen und rein symbolischen) klammern sollte.

    „Ich habe zwei Amtszeiten absolviert. Ich denke, das reicht absolut aus“, sagte der 81-Jährige bei seiner Abschiedspresssekonferenz. Die Fähigkeit, rechtzeitig und in Würde zurückzutreten, zeigt, dass Primakow ein echter Politiker ist.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.