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09:14 23 Oktober 2019
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    Karl-Theodor zu Guttenberg

    Rücktritt: Guttenberg geht ins Netz

    John Macdougall
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    Welche Möglichkeiten das Internet bietet, beweist wieder Mal der Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg.

    Guttenbergs Rücktritt ist kein gewöhnlicher. Der 39-Jährige galt als Hoffnungsträger der CSU und der Regierungskoalition von Angela Merkel. Er war seit 2002 Bundestagsabgeordneter. Noch bis vor kurzem galt er als der populärste Politiker Deutschlands.

    Guttenbergs Rücktritt ist für Merkel ein richtiger Tiefschlag. Die Kanzlerin kämpfte verbissen um ihren wahrscheinlichsten Nachfolger. Am 1. März reichte Guttenberg sein Rücktrittsgesuch nach den Plagiatsvorwürfen zu seiner Doktorarbeit ein.

    Im März finden in acht Bundesländern die Landtagswahlen statt, bei denen die Deutschen üblicherweise die Arbeit der Regierung beurteilen. Ohne Guttenberg hätte die CDU/CSU-Koalition die Unterstützung der Wähler verloren. Nach seinem Rücktritt kann sie den Boden unter den Füßen verlieren.

    Einige Experten schließen sogar nicht aus, dass Merkel wegen des Rücktritts Guttenbergs 2011 oder 2012 die Bundestagswahlen vorziehen muss. Wenn es den Plagiat-Skandal nicht gegeben hätte, könnte sie bis 2013 ruhig regieren.

    Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg hatte 2006 an der Universität Bayreuth eine Doktorarbeit zum Thema Entwicklung der Verfassungsrechte in den USA und der EU verteidigt. Dr. Andreas Fischer-Lescano von der Universität Bremen fand bei genauer Betrachtung von Guttenbergs Dissertation heraus, dass viele Passagen ohne Fußnoten abgeschrieben worden waren. Er verständigte die Universität Bayreuth und die Medien und der Skandal nahm seinen Lauf.

    Guttenberg blieb lange standhaft. Er entschuldigte sich für seine Unachtsamkeit, verwies auf Zeitmangel und familiäre Probleme. Dann musste er doch nachgeben und verzichtete „freiwillig“ auf den Doktorgrad, der später auch von der Uni Bayreuth aberkannt wurde.

    Es war höchste Zeit, denn die Medien hatten sich lustig gemacht und den vollen Namen Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg geschrieben. Seine Freunde nannten ihn einfach KT. In Bayern steht seit dem 14. Jahrhundert das Schloss der Familie zu Guttenberg.

    Seine Vorfahren waren Kaiser, Könige, Bischöfe, Politiker, Generäle (darunter Teilnehmer der Verschwörung gegen Hitler im Jahr 1944) usw. Seine Gattin stammt aus der Familie Bismarck — ein guter Cocktail aus blauem Blut.

    Ein offener Brief, unterzeichnet von 23.000 Wissenschaftlern, mit zahlreichen unangenehmen Fragen an Merkel brachte das Fass zum Überlaufen. Wie kann sie in ihrem Umfeld eine Person dulden, die Ideen klaut? Darf ein Plagiateur ein Ministeramt ausüben und höheren politische Posten anstreben?

    Gibt es Ethik und Moral in der Bundesregierung? Merkels Ausreden, sie hätte Guttenberg nicht als Doktor, sondern als Verteidigungsminister in ihre Regierung eingeladen, waren kaum überzeugend. Guttenbergs CSU-Parteifreunde haben ihm den Rücken gekehrt.

    Der gefallene Guttenberg (die Meinung, er würde in ein paar Jahren wiederkehren, ist in Deutschland weit verbreitet) ist natürlich lange nicht der erste, der sich bei seiner Promotionsarbeit ein Plagiat geleistet hat. In der Welt gibt es Zehntausende solcher „Wissenschaftler“.

    Die Frage, die sich die akademische Gemeinschaft (vor allem ihr humanitärer und historischer Zweig, wo es besonders viele „Entwendungen“ gibt) stellt, lautet: Kann man denn etwas dagegen tun, dass das Internet das Übel des Ideendiebstahls verbreitet?

    Die Frage ist aktuell: Dank des Internets kennt schon dieses Übel keine Grenzen. Im Grunde wissen alle, dass es nicht die Schuld des Internets ist. Oder müssen sich die Menschen ändern? Wie könnten sie das aber tun, wenn sie so eine große Versuchung haben?

    Natürlich sind daran die Internet-Nutzer Schuld, ihre schlechte Erziehung, schlechte Moral, Unehrlichkeit, grenzenloser Ehrgeiz und die Überzeugung, dass alle Mittel recht sind, wenn ein Ziel erreicht werden muss. Wenn alle diese Eigenschaften vereint werden, dann entsteht übrigens der „ideale Politiker“.

    Früher hatte es keine solchen Versuchungen gegeben. Es gab Bibliotheken, aber man musste immerhin für die benötigten Informationen schuften. Im Internet finden sie sich aber im Handumdrehen. Auch Guttenberg ist dieser Versuchung zum Opfer gefallen. In Deutschland wird er dafür nun nicht anders als „zu Googleberg“ oder „Freiherr von und zu Copy Paste“ genannt.

    Einige Universitäten haben bereits einen neuen Verhaltenskodex für das Internet formuliert. Damit werden die Studenten (Doktoranden, Dozenten usw.) vor den schlimmen Folgen des Plagiats gewarnt. Es gibt bereits Dutzende Programme, die fremde Ideen enttarnen und auf Quellen verweisen können.

    Aber auch damit läuft nicht alles glatt. So hat die Universität San Antonio (US-Bundesstaat Texas) Ende 2010 ihren eigenen Anti-Plagiat-Kodex veröffentlicht, wurde aber wenige Wochen später selbst des Plagiats beschuldigt. Denn alles bis zur Definition des Begriffs „Plagiat“ war von einem ähnlichen „Gesetzbuch“ einer Universität in Utah abgeschrieben worden.

    Eigentlich muss man ehrlich gestehen: Fast alle Politiker klauen hin und wieder fremde Ideen. Zuletzt zog US-Vizepräsident Joe Byden die Aufmerksamkeit auf sich. Eine seiner Wahlreden hatte er nahezu Wort für Wort von einer Ansprache des früheren Bürgermeisters von London, Ken Livingstone, übernommen. Als er dabei erwischt wurde, sagte Byden einfach, sein Leben sei dem von Ken Livingstone sehr ähnlich — das war’s.

    Im Wahlkampf hatten sich auch US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und Hillary Clinton (seine jetzige Außenministerin) gegenseitig Plagiatsvorwürfe gemacht. Auch Ex-Präsident George W. Bush zitierte in seinem Buch „Decision Points“ einige Gedanken des bekannten Journalisten Bob Woodward und des früheren Pressesprechers des Weißen Hauses, Ari Fleischer, obwohl er sie für seine eigenen Ideen ausgab.

    Auch der frühere sowjetische Staatschef Leonid Breschnew galt als großer „Literat“ und erhielt dafür sogar einen Lenin-Preis, selbst wenn das ganze Land genau wusste, wer für ihn seine Bücher schrieb…

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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